Warum dich das Horror-Game «Hollowbody» kalt erwischen wird
Das Spiel beginnt mit einem Szenario, das in der fantastischen Literatur durchaus keine Unbekannte ist: In der Zukunft wurde ein Teil Grossbritanniens sich selbst überlassen, von der Aussenwelt abgeschottet und zum Sperrgebiet erklärt. Warum genau und was eigentlich geschah, wird zu Beginn nicht gross erläutert und bleibt vorerst im Dunkeln.
In dieser Gegend, wo es aus Gründen immerzu regnet und eine dystopische Cyberpunk-Atmosphäre herrscht, verschwindet Sasha spurlos beim Ausführen ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit. Ihre Partnerin Mica macht sich sogleich auf die Suche nach ihr und landet durch ein Notsignal in einer verlassenen Wohngegend, wo obskure Kreaturen auf sie warten. Das Ziel ist klar: Waffen einsammeln, Rätsel lösen, seine Geliebte finden und wieder abhauen. Wenn es denn nur so einfach wäre …
Dreckig und verlassen
Was folgt, ist ein Kurztrip, der Liebhaberinnen und Liebhaber dieses Genres selig werden lässt. Wenn wir durch verlassene, schmutzige Gebäude schlendern und dabei nur mit einer kleinen Lichtquelle auskommen müssen, nimmt die Spannung immer mehr zu. Die Angst sitzt einem regelrecht permanent im Nacken, weil hinter jeder Ecke etwas lauern könnte. Schritt für Schritt wird die Umgebung selbst zum Feind und wir werden vorangetrieben, aus dieser Hölle zu entkommen.
Wir sammeln Hieb- und Stichwaffen, Munition für unsere regulären Schusswaffen und lesen uns durch Dokumente und Notizen, die oft nichts mit der Hauptgeschichte zu tun haben, uns aber Einblicke in fürchterliche zwischenmenschliche Beziehungen gewähren. Alle Räume, die wir nach Gegenständen und Hinweisen durchsuchen, scheinen ein Eigenleben zu besitzen und schreien danach, uns etwas erzählen zu dürfen.
Und wenn uns mal einer der Gegner in der Umgebung kalt erwischt, schnellt der Puls heftig nach oben. Sind wir dann draussen auf der Strasse unterwegs – schleichen durch Vorgärten und rennen durch Parkanlagen – können wir diese bedrückende Stimmung beinahe anfassen. Der ewige Regen, der uns durchnässt, sorgt für eine pessimistische Stimmung, die unsere Hoffnung jederzeit untergraben möchte. Plötzlich eingehende Anrufe in heruntergekommenen Telefonzellen mit verhöhnender Stimme am Ende der Leitung sorgen auch nicht gerade für gute Stimmung.
Die gute alte Schule
Ja, «Hollowbody» weiss genau, was es mit uns Spielenden tut. Die Ressourcen sind beschränkt und immer wieder wägen wir ab, ob wir die Patronen verbrauchen sollen, ob wir den Gesundheitsspray jetzt schon benötigen oder ob wir jetzt einfach nur davonrennen und auf Glück hoffen.
Dazu werden Rätsel serviert, die nicht ausufern, mit simpler Logik machbar sind und die nie deplatziert wirken. Dafür verfluchen wir ab und zu schon mal das Kampfsystem, das zu wenig Feedback gibt, träge ohne Präzision daherkommt und wie wild herumbockt. Und trotzdem lieben wir das, weil es an eine Spielzeit erinnert, in der wir uns halt auch einfach mal ohne Kompromisse durchgebissen haben.
Obendrauf dürfen wir uns auf die Jagd nach verschiedenen Enden machen und bekommen sogar nach dem ersten Durchspielen die Gelegenheit, das Ganze aus der Ego- statt der klassischen Thirdperson-Perspektive zu spielen. Ein weiterer Service: Wir können «Hollowbody» auch mit einer frei drehbaren Kamera spielen, sofern wir die starre Oldschool-Optik dann doch nicht ertragen möchten.
Horror für die Ohren
Während die körnige Retro-Optik nicht überall gleich gut ankommen mag, dürfte in Sachen Sound ein mehrheitlich positiver Konsens gefunden werden. Denn der Soundtrack bleibt dezent im Hintergrund und drängt sich nur selten nach vorne. Er bewegt sich leichtfüssig unter der Oberfläche und verzückt uns mit mystischen Sci-Fi-Klängen, die an Kultfilme aus dem Cyberpunk-Genre erinnern und sich gemütlich in unsere Gehörgänge einnisten.
Dazu gesellen sich auch mal harte, rostige Industrial-Töne, die uns in bestimmten Momenten hinterrücks überfallen. Und dann kann es auch mal plötzlich einfach nur komplett still werden. Wenn der Regen fällt und auf unterschiedliches Material trifft, irgendwo in der Ferne Elektrizität für ein unheilvolles Summen sorgt und in der Dunkelheit kreischende, fremde Geräusche einer Kreatur zu uns dringen, nimmt der Horror auf dem Sofa Platz und will gar nicht mehr weiterziehen.
Oldschool-Horror fürs Herz
Fazit: Was uns hier der britische Entwickler Nathan Hamley in kompletter Eigenregie für gute sechs Stunden um die Augen und Ohren haut, ist beachtenswert. Auch wenn dieser Horror-Ausflug kurz ausfallen mag, schenkt er den Puristen ein Spiel, das mit seiner Oldschool-Spielmechanik, starren Kameraperspektiven und körniger Grusel-Optik einen wunderschönen Trip in die Vergangenheit serviert. Obendrauf gibt es ein wohlig gruseliges Sounddesign und musikalische Klänge, die unter die Haut gehen und nachhallen.
Auch wenn es den Anschein haben mag, er habe sich dann doch etwas gar zu sehr von der Genre-Konkurrenz inspirieren lassen, überrascht Nathan Hamley immer wieder mit eigenen Ideen, die sowohl inhaltlich als auch spielmechanisch unerwartet hinter der Ecke lauern und für ein respektvolles Zunicken seitens der Spielenden sorgen.
Wer auf Retro-Horror-Games steht und besonders die Atmosphäre von damals wieder mal erleben möchte, sollte die Zeitreise mit dem Ausnahmetitel «Hollowbody» unbedingt wagen und sich einlullen lassen.
«Hollowbody» ist erhältlich für Playstation 5 und Xbox Series X/S und zuvor schon für PC. Freigegeben ab 18 Jahren.
