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Geflohener Folter-Fotograf veröffentlicht Leichenbilder aus syrischen Gefängnissen

Das Regime von Syriens Diktator Assad hat Zehntausende ermordet. Leichen werden für die Akten abgelichtet und dann vergraben. Ein desertierter Fotograf hat seine Aufnahmen bei Facebook veröffentlicht – für die Hinterbliebenen. 
07.03.2015, 06:5307.03.2015, 09:30
Raniah Salloum
Ein Artikel von
Spiegel Online

Es kann sehr schnell gehen, in Syriens Folterkerkern zu landen. Salaheddin al-Tabbaa, einen 22-jährigen Zahnmedizinstudenten aus Damaskus, traf es an der Passkontrolle. Am 5. September 2014 wollte der junge Mann wie so oft nach Beirut fahren. Der syrische Grenzposten nahm Tabbas Ausweis entgegen und gab seinen Namen in den Computer ein.

«Gesucht», leuchtete es auf dem Bildschirm auf. Gesucht vom Syrischen Militärgeheimdienst Abteilung 227 – einem der unzähligen Spitzeldienste des Landes. Tabbaa wurde festgenommen. Seitdem fehlt jede Spur von ihm, keine Anklage wurde erhoben. Eltern und Freunde wissen nicht einmal, ob er noch lebt.

So wie Salaheddin al-Tabbaa ist es seit Beginn des Konflikts mehr als 200'000 Syrern ergangen: Ihre Spur verlor sich in den Gefängnissen und Folterzellen des Landes. Unter ihnen sind Menschenrechtler, Journalisten und Mediziner. Mit der Kampagne Free Syria's Silenced Voices setzen sich Internationale Menschenrechtsorganisationen gemeinsam für ihre Freilassung ein.

Ein letztes Foto der Leiche

Syrien war unter der Herrschaft der Assad-Familie war schon immer für seine Folter berüchtigt. Neu ist allerdings, wie systematisch und in welchem Umfang sie seit Ausbruch des Konflikts zum Einsatz kommt. Von Ermordungen in «industriellem Ausmass» sprechen unter anderem die Ermittler des US-Aussenministeriums. Zusammen mit dem FBI haben sie Fotos und Akten zu Tötungen in Syrien ausgewertet.

Seit 2011 wurden Zehntausende zu Tode gefoltert. Penibel bürokratisch nehmen danach syrische Militärfotografen ein Porträt von jedem Toten auf – für die Akten. Danach werden die Leichen in Massengräbern entsorgt.

Die Angehörigen bekommen die Leichname grundsätzlich nicht übergeben. Manchmal erhalten sie einen Umschlag mit den Habseligkeiten, die der Tote bei sich hatte – ein Handy, ein Ehering. Meist jedoch erfahren die Hinterbliebenen nichts über das Schicksal ihrer Lieben.

Deshalb hat sich Syriens Opposition in dieser Woche entschieden, auf Facebook die Fotos eines desertierten syrischen Militärfotografen zu veröffentlichen. Porträts von Leichen (ACHTUNG: In diesem Facebook-Post werden äusserst verstörende Aufnahmen gezeigt), damit die Angehörigen zumindest Gewissheit haben.

«Caesar» schmuggelte die Bilder aus dem Land

Der Mann, bekannt nur unter dem Codenamen «Caesar», war 2013 aus dem Land geflohen. Auf digitalen Datenträgern hatte er eine grosse Menge an Fotos mitnehmen können – und sie später den US-Behörden übergeben. Die meisten der Aufnahmen sollen über zwei Jahre im Krankenhaus 601 in Damaskus entstanden sein. Dorthin wurden viele der Opfer aus den Gefängnissen gebracht. Die Echtheit der Fotos haben internationale Experten bestätigt.

Jetzt auf

Besonders häufig trifft es in Syrien Menschen wie Tabbaa: jung und engagiert. In seiner Freizeit half der Student beim Syrischen Roten Kreuz. Er lieferte Lebensmittel an Menschen, deren Zuhause im Krieg zerbombt worden war. Die erschütternden Fotos bei Facebook, es sind bereits mehr als tausend und werden ständig mehr, zeigen viele junge Menschen wie ihn.

Ob sich Salaheddin al-Tabbaa selbst unter den abgelichteten Toten befindet, ist bisher nicht bekannt.

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