Stolpert Trump über den Reflecting Pool?
Im New Yorker Central Park gibt es im Winter ein kleines Eisfeld, den Wollman Rink. In den Achtzigerjahren war er jahrelang ausser Betrieb, da die Stadtverwaltung unfähig war, ihn wieder instand zu setzen. 1986 nahm ein junger Immobilienunternehmer namens Donald Trump die Sache in die Hand, schickte ohne Erlaubnis seine Bauleute vor Ort und stellte das Eisfeld wieder instand. Damit schuf er die Basis für seinen Ruf als Macher, der sich weder von pingeligen Bürokraten noch von unfähigen Politikern abhalten lässt, das zu tun, was der gesunde Menschenverstand gebietet.
Vier Jahrzehnte später gibt es eine Parallele zu dieser Geschichte, allerdings mit einem völlig anderen Ausgang. Wie der Wollman Rink ist auch der Reflecting Pool in Washington – ein rund 600 Meter langer künstlicher Teich zwischen dem Lincoln Memorial und der Gedenkstätte für die gefallenen amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg – ein Problem, das bisher noch keine Regierung in den Griff bekommen hat.
Jeweils im Sommer breiten sich massenhaft hässliche grüne Algen in dem ein Meter tiefen Becken aus und verunstalten den Teich. Verschiedene Präsidenten haben schon Anstrengungen unternommen, um den Reflecting Pool zu sanieren, und sind gescheitert. Nicht an der Bürokratie, sondern an der Biologie. Um die Algen zu verhindern, müsste das gesamte Bewässerungssystem erneuert werden, eine komplexe und teure Aufgabe.
Für Trump hingegen war dies eine aufgelegte Sache, ein Wollman Rink 2.0. Schliesslich war er Immobilien-Tycoon, wäre ja gelacht, wenn man diesen überdimensionierten Swimmingpool nicht im Handumdrehen sanieren könnte. «Ich bin sehr gut, wenn es darum geht, Dinge zu bauen und zu konstruieren», prahlte der Präsident am 15. Juni vor Journalisten.
Zu diesem Zeitpunkt schien es so, dass Trump tatsächlich sein Gesellenstück vom Central Park hätte wiederholen können. Der Reflecting Pool erstrahlte im dunklen Amerika-Blau, so wie es sich der Präsident für den 250. Geburtstag der USA gewünscht hatte. Doch bloss ein paar Tage später war alles ganz anders: Der Reflecting Pool hatte sich in einen stinkenden, grünen Teich verwandelt, in dem junge Enten starben. Was war da schiefgelaufen?
Die «New York Times» hat das Debakel um den Reflecting Pool minutiös nachgezeichnet. Der Präsident hat den Sanierungsauftrag nicht vorschriftsgemäss ausgeschrieben, sondern eigenmächtig an eine Firma namens Atlantic Industrial Coating vergeben. Anstatt die Wasserzufuhr zu sanieren, überzog diese Firma für 14,7 Millionen Dollar den Boden des Teichs mit einer blauen Hartgummi-Beschichtung.
Für weitere 1.7 Millionen Dollar installierte ein ebenfalls mit Trump befreundetes Unternehmen namens Green Water Solution – kein Witz – ein System, das Ozon ins Wasser pumpt, um die Ausbreitung von Algen zu verhindern.
Die Algen haben sich weder vom Hartgummi noch vom Ozon abschrecken lassen. Sie verwandelten binnen Tagen den tiefblauen Teich in einen hässlichen Sumpf. Die Natur und schlampige Arbeit hatten Trumps hochfliegende Pläne durchkreuzt, der Präsident hatte sich fürchterlich blamiert.
Ein zweites Mal muss jetzt das Wasser abgelassen werden. Ob der Reflecting Pool am 4. Juli tatsächlich in Blau erstrahlen wird, ist unsicher. Sicher ist jedoch, dass Trump nichts, aber auch gar nichts mit dem Debakel zu tun hat. Ohne einen Hauch von Beweisen behauptet der Präsident jetzt, es seien Vandalen gewesen: «Das ist mit Absicht und kriminell geschehen. Jemand hat sich grosse Mühe gegeben, wahrscheinlich in der Dunkelheit der Nacht», behauptet er nun.
Sechs angebliche Vandalen sind bereits verhaftet worden. Ihnen droht Jeanine Pirro, eine ehemalige Fox-News-Moderatorin, die von Trump als Generalstaatsanwältin des District of Columbia eingesetzt wurde, eine Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren an. Dabei handelt es sich um Touristen, die sich zufällig zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort aufgehalten haben.
Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass diese Personen je angeklagt, geschweige denn verurteilt werden. Zu durchsichtig sind die vermeintlichen Vandalen-Vorwürfe. Für Trump hingegen könnte das Reflecting-Pool-Desaster ein Mini-Waterloo werden. Seine absurden Ausreden und seine Besessenheit mit dem Thema – angeblich soll er ihm bis zu 90 Prozent seiner Arbeitszeit widmen – werden als weitere Beweise für seine Altersdemenz gedeutet.
Man muss nicht unter dem «Trump Derangement Syndrome» leiden, um dieser These etwas abgewinnen zu können. Tatsächlich klammern sich altersdemente Personen gerne an Heldentaten aus ihrer Jugend fest und lassen das Thema nicht mehr los, selbst wenn alles dagegenspricht.
Als Präsident hätte Trump derzeit auch weit Wichtigeres zu erledigen, als sich um Algen in einem künstlichen Teich zu kümmern. Die Friedensverhandlungen mit dem Iran laufen schlecht. In einem Mini-Aufstand hat der Senat mit den Stimmen von republikanischen Abweichlern eine Motion verabschiedet, die ein Ende des Krieges fordert. Erwartungsgemäss reagiert Trump darauf mit kindlichem Trotz und unglaubwürdigen Drohungen.
Weiteren Auftrieb erhalten die Altersdemenz-Spekulationen durch ein Buch der beiden «New York Times»-Journalisten Maggie Haberman und Jonathan Swan. Darin schildern sie, dass sich die Stimmung im Weissen Haus immer mehr derjenigen im Kreml zu Zeiten Stalins annähert. Trump brüstet sich offenbar damit, dass er – wie ihm ein Golf-Caddy und Hobby-Historiker verklickert hat – mächtiger sei als Dschingis Khan, Alexander der Grosse und Josef Stalin.
Es ist jedoch, wie einst Randy Newman gesungen hat, «Lonely at the Top». Trump verbringt seine Nächte einsam in seinem Schlafzimmer, postet endlos Unsinn auf seiner Plattform Truth Social und verdrückt dabei massenhaft Junk Food. Sein Papierkorb sei am Morgen jeweils überfüllt mit «leeren Chipstüten, Verpackungen von Schokoladenriegeln und Glacékartons», so Haberman/Swan.
