Trumps Probleme spielen AOC in die Karten – jetzt könnte ihre Chance kommen
Am vergangenen Wochenende hat Alexandria Ocasio-Cortez (AOC) öffentlich bekannt gegeben, dass sie ihre Eizellen einfrieren lässt. Gleichzeitig ist es mittlerweile ein offenes Geheimnis, dass sie ihre Verlobung mit ihrem langjährigen Partner Riley Roberts aufgelöst hat. Als die charismatische Abgeordnete zudem noch in der Sonntagsshow «ABC This Week» auf die Frage, ob sie allenfalls für die Präsidentschaft kandidieren würde, eine ausweichende Antwort gab, war allen klar: AOC will ins Weisse Haus.
Natürlich ist es noch viel zu früh, ernsthafte Prognosen über den Wahlausgang von 2028 zu machen. In den mehr als zwei Jahren, bis es so weit ist, können sich die politischen Machtverhältnisse noch einige Male dramatisch verändern. Zudem muss, wer amerikanischer Präsident – oder im Fall von AOC Präsidentin – werden will, gleichzeitig über eine geeignete Persönlichkeit verfügen und das richtige Zeitfenster erwischen.
Den Persönlichkeitstest besteht AOC locker. Sie ist ein politisches Naturtalent, das dank seines Charmes, seines Intellekts und seines Instinkts schon vor acht Jahren einen altgedienten Parteikollegen in den Vorwahlen besiegt hat. Dass AOC dabei auch noch blendend aussieht, gereicht ihr nicht wirklich zum Nachteil.
Mit 28 Jahren war sie damals die jüngste Abgeordnete in der amerikanischen Geschichte. Trotzdem verschaffte sie sich im Kongress auf Anhieb Respekt. Jessica Valenti, Feministin und Publizistin, erklärt in der «New York Times», weshalb AOC für die Republikaner ein Albtraum ist. «Hier haben wir eine sehr schöne und sehr mächtige Frau, die ihr Leben in die eigene Hand nimmt und dabei glücklich wirkt. Ein grosser Teil des Programms der Republikaner richtet sich an junge Frauen. Das Letzte, das sie deshalb gebrauchen können, ist daher eine junge Frau, die genau das verkörpert, was sie zu verhindern versuchen.»
Politisch ist AOC Mitglied der Demokratischen Sozialisten von Amerika (DSA), einer linken Gruppierung innerhalb der Demokratischen Partei, und Erbin der Hinterlassenschaft von Bernie Sanders. Der Senator aus Vermont hat das Terrain für eine progressive Machtübernahme vorbereitet und die DSA salonfähig gemacht. Er selbst ist jedoch zu alt, um noch ein drittes Mal selbst anzutreten.
AOC verwaltet Sanders' Erbe geschickt. Sie weiss, wann sie ihren Einfluss geltend machen muss, und wann nicht. So hat sie mit Erfolg Abdul El-Sayed bei seiner Vorwahl für einen Senatssitz im Bundesstaat Michigan unterstützt. Bei Francesca Hong, einer DSA-Kandidatin für das Gouverneursamt im Bundesstaat Wisconsin, hat sie sich hingegen wohlweislich zurückgehalten. Hong hat sich mit dümmlichen Sprüchen wie der Forderung, den Feiertag Thanksgiving abzuschaffen, für viele Menschen unwählbar gemacht und verlor die Vorwahl im letzten Moment, wenn auch sehr knapp.
Was den Zeitpunkt betrifft, liegt AOC derzeit voll im Trend. Die Korruption der Trump-Regierung hat mittlerweile ein Ausmass erreicht, dass sich selbst in MAGA-Kreisen Skepsis ausbreitet. Gleichzeitig versinkt der Präsident immer tiefer im Iran-Sumpf und hat kein Rezept gegen die Erschwinglichkeitskrise anzubieten. Mit dem Slogan «Money out of politics, money in your pocket» (Geld raus aus der Politik und rein in eure Taschen) liegen die demokratischen Sozialisten derzeit goldrichtig und haben in den Vorwahlen selbst in ländlichen Gegenden überraschende Erfolge erzielt.
AOC ist zwar mittlerweile 36 Jahre alt geworden, aber sie hat doch immer noch reichlich Zeit, sich für das höchste Amt zu bewerben, oder nicht? Das könnte man meinen. Es ist jedoch eine trügerische Überlegung. Wer ins Weisse Haus will, muss, wenn ihm der Zeitgeist günstig gesinnt ist, die Gelegenheit beim Schopf packen. Tut er dies nicht, steht er unvermittelt mit abgesägten Hosen da.
Genau dies ist beispielsweise Chris Christie, dem ehemaligen Gouverneur des Bundesstaats New Jersey, widerfahren. 2012 schien er der logische Präsidentschaftskandidat der Grand Old Party zu sein. Christie zog es vor, eine Amtszeit als Gouverneur anzuhängen, geriet in einen üblen Skandal – und war weg vom Fenster.
Henry Olson, Kolumnist in der «Washington Post», rät daher AOC: «Sollte sie tatsächlich mit dem Präsidentschaftstraum spielen, dann muss sie zuschlagen. Die Gelegenheit könnte sich ihr nicht ein zweites Mal bieten.»
Die Abgeordnete aus der Bronx ist nicht die einzige Demokratin, die davon träumt, ins Weisse Haus einzuziehen. Ihre Partei verfügt über eine ganze Reihe von valablen Kandidaten. Auf dem linken Flügel sind etwa Jon Ossoff und Raphael Warnock, die beiden Senatoren aus dem Bundesstaat Georgia, zu erwähnen. Auch Wes Moore, Gouverneur des Bundesstaats Maryland, hat einen hervorragenden Leistungsausweis.
Derzeit sind die Progressiven im Aufwind. Das kann sich aber auch bald wieder ändern. Die Demokratische Partei verfügt jedoch auch über eine ganze Reihe von moderaten Kandidaten. Zu nennen sind: Gavin Newsom, Gouverneur von Kalifornien, oder Andy Beshear, ein Amtskollege aus Kentucky, oder Mike Kelly, Senator aus Arizona, oder Pete Buttigieg, der ehemalige Transportminister der Biden-Regierung, oder Elissa Slotkin, Senatorin aus Michigan.
All dies ist zum aktuellen Zeitpunkt noch Stochern im Nebel, interessant für Polit-Nerds, aber kaum aussagekräftig. Sicher ist, dass die Demokraten ein breites Spektrum von Kandidaten vorweisen können. Wer 2028 das Rennen machen wird, steht in den Sternen. Zudem ist denkbar, dass noch Namen auftauchen, die derzeit niemand auf dem Radar hat.
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