Frankreich am Nationalfeiertag: Die Zeit nach Macron hat begonnen
Frankreich begeht seinen Nationalfeiertag am 14. Juli mit Pomp und Pathos. Dieses Jahr jedoch liegt ein Schatten auf den Festivitäten. Genau zehn Jahre ist es her, seit ein IS-Anhänger in Nizza mit einem Lastwagen durch die feiernde Menge raste. 86 Menschen starben, es war einer der schlimmsten Terroranschläge der europäischen Geschichte.
Der «Bastille Day» 2026 ist auch der letzte in der Präsidentschaft von Emmanuel Macron. Aus diesem Anlass richtet er noch einmal mit der grossen Kelle an. Er hat 30 weitere Staats- und Regierungschefs aus der «Koalition der Willigen» zur Unterstützung der Ukraine nach Paris eingeladen. Sie nahmen am Dienstag auch an der traditionellen Militärparade teil.
Aussenpolitisch hat Macron einiges erreicht, etwa als Gegenpol zu Donald Trump. Das anerkennen seine Landsleute. Seine Bilanz im Innern aber beurteilen sie als durchzogen bis desolat, mit hoher Staatsverschuldung und wachsender Ungleichheit. Neun Monate vor der nächsten Wahl umweht seine Präsidentschaft deshalb ein Hauch von «Fin de Siècle».
Le Pen und Mélenchon preschen vor
Eigentlich hat die Zeit nach Macron schon begonnen, denn der Kampf um seine Nachfolge ist spätestens seit letzter Woche voll entbrannt. Anlass war die Ankündigung von Marine Le Pen, nach dem überraschend milden Urteil eines Berufungsgerichts wegen Veruntreuung definitiv für die Präsidentschaft kandidieren zu wollen, notfalls mit einer Fussfessel.
Schon seit Längerem ist bekannt, dass es auch der 74-jährige Jean-Luc Mélenchon, der Chef der linksradikalen Partei La France Insoumise (LFI), erneut wissen will. Im moderaten Spektrum links und rechts hingegen ist das Feld noch ziemlich unsortiert. Derzeit scheinen die Extremisten im Vorteil zu sein. Doch bis zur Wahl im nächsten April ist vieles möglich.
Ticket mit Bardella
In einer aktuellen Umfrage des Instituts Ifop im Auftrag des Fernsehsenders LCI und der Zeitung «Le Figaro» liegt Marine Le Pen mit 36 Prozent klar in Führung. Die 56-Jährige will ihren «Ziehsohn» Jordan Bardella zum Regierungschef machen, wie sie letzte Woche betonte. Das Problem ist, dass Bardella in den Umfragen lange besser abgeschnitten hat.
Die Chefin des rechtspopulistischen Rassemblement National (RN) will davon durch ein gemeinsames Ticket profitieren, doch es ist zweifelhaft, ob diese Rechnung aufgeht. Und Le Pen hat weitere Hypotheken. Falls ihre letzte Berufung vor dem Kassationshof scheitert, bleibt sie eine verurteilte Straftäterin. Und ihr Name schreckt viele Franzosen ab.
Ein antisemitischer Extremist
Ein Sieg in der Stichwahl im Mai 2027 wäre alles andere als sicher. Viele halten Bardella deshalb für den besseren Kandidaten, doch auch bei ihm stellen sich Fragen. Würden die Franzosen wirklich einen 30-jährigen Studienabbrecher ohne Berufserfahrung zum Staatschef wählen? Auch seine Blingbling-Liaison mit einer italienischen Prinzessin sorgt für Stirnrunzeln.
Noch grösser sind die Vorbehalte gegen Jean-Luc Mélenchon. Der Linksaussen ist ein exzellenter Wahlkämpfer und ein begnadeter Redner. Er kommt vor allem bei den Jungen und in der Banlieue an. In der erwähnten Umfrage kommt er auf 15 Prozent, mehr als je zuvor, doch für die grosse Mehrheit der Franzosen ist er ein antisemitischer Extremist.
Macrons Ex-Premier auf Platz 2
Umso wichtiger wäre eine starke Kandidatur aus dem moderaten Lager. Zumindest auf der rechten Seite sticht einer heraus: Édouard Philippe, Bürgermeister von Le Havre und erster Regierungschef nach Macrons Wahlsieg 2017. In der Ifop-Umfrage liegt er mit 19 Prozent auf dem zweiten Platz. Seinen Wahlkampf treibt Philippe akribisch voran.
Am vorletzten Sonntag hielt er seine bislang grösste Kundgebung in einer Arena im Norden von Paris ab. Seine Strategie ist offensichtlich: Er will sich als Platzhirsch im Mitte-Rechts-Lager etablieren und potenzielle Rivalen ausbremsen. Ihre Kandidatur bereits angekündigt haben der Ex-Premierminister Gabriel Attal und Bruno Retailleau von den konservativen Républicains.
Hollande bringt sich ins Gespräch
Weitere Namen dürften folgen, etwa der derzeitige Regierungschef Sébastien Lecornu oder Justizminister Gérald Darmanin. Französische Politikbeobachter gehen davon aus, dass sich Édouard Philippe durchsetzen wird. In einer Stichwahl gegen Marine Le Pen würde er gemäss der Ifop-Umfrage verlieren, doch das muss heute wenig heissen.
Noch unübersichtlicher sieht es bei den moderaten Parteien im linksgrünen Spektrum aus. Macrons sozialistischer Vorgänger François Hollande liebäugelt mit einer erneuten Kandidatur, doch das nimmt kaum jemand ernst. Am Ende seiner Präsidentschaft war er so unbeliebt, dass er von sich aus auf die Bewerbung für eine zweite Amtszeit verzichtete.
Stichwahl der Extreme?
Als potenzieller Kandidat gilt Raphaël Glucksmann, Gründer der mit den Sozialisten verbündeten Partei Place Publique. Er hatte bei der Europawahl vor zwei Jahren ein starkes Ergebnis erzielt. Noch ziert er sich. Er werde «vor dem Ende des Sommers» ankündigen, ob er antreten wolle, sagte Glucksmann dem Fernsehsender BFMTV.
Nach der Sommerpause dürfte der Kampf um Macrons Nachfolge so richtig losgehen. Angesichts eines drohenden Gerangels links und rechts der Mitte könnte es zum Worst Case kommen: einer Stichwahl zwischen der extremen Rechten und Linken. Diese würde Marine Le Pen gegen Jean-Luc Mélenchon laut Ifop mit 70 zu 30 Prozent klar gewinnen.
Eine «Kandidatur der Vernunft»
Er wäre das totale Scheitern von Emmanuel Macrons Bestreben, die beiden Pole ein für alle Mal von der Macht fernzuhalten. So weit aber muss es nicht kommen. Manche Analysten glauben, dass sich angesichts der Herausforderungen, mit denen Frankreich konfrontiert ist, am Ende doch wieder eine «Kandidatur der Vernunft» durchsetzen wird.
«Meiner Meinung nach wird sich die Wahl zwischen Édouard Philippe und Marine Le Pen entscheiden», sagte der Politologe Luc Rouban von der Elitehochschule Sciences Po im Interview mit der «NZZ am Sonntag». Mit dem besseren Ende für Macrons Ex-Premier. Doch wer weiss heute schon, was in den nächsten neun Monaten noch passieren wird?
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