Weshalb Israel die Türkei inzwischen mehr fürchtet als den Iran
Nach einem mutmasslich israelischen Luftschlag auf einen Militärflugplatz im Nordwesten Syriens nehmen die Spannungen zwischen Israel und der Türkei zu. Ankara wies Aussagen des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu entschieden zurück, wonach die Türkei die Stationierung von Truppen in der Region plane. Das türkische Präsidialamt warf Netanyahu vor, vor den Wahlen in seinem Land eine expansionistische und destabilisierende Politik in der Region zu betreiben.
Am Dienstag hatte das israelische Militär syrischen Angaben zufolge einen syrischen Stützpunkt nahe der türkischen Grenze bombardiert. Das Aussenministerium in Damaskus und die eng mit Syrien verbundene Türkei verurteilten die Angriffe als Verletzung der Souveränität des Landes. Der US-Sondergesandte für Syrien und US-Botschafter in der Türkei, Tom Barrack, sagte ebenfalls, dass es sich um einen israelischen Angriff gehandelt habe. Die Attacken, sagte der US-Diplomat am Mittwoch der «Jerusalem Post», könnten eine direkte militärische Konfrontation zwischen Jerusalem und Ankara heraufbeschwören.
Der Hintergrund dieser Entwicklung ist beunruhigend. Der Middle East Council on Global Affairs beschreibt Syrien seit Assads Sturz als Hauptschauplatz einer sich verschärfenden israelisch-türkischen Rivalität: Während Ankara auf einen funktionsfähigen syrischen Zentralstaat setzt, der das Land stabilisiert, verfolgt Israel das Gegenteil, nämlich die Verhinderung einer starken Zentralmacht.
Ein Satz des früheren israelischen Ministerpräsidenten Naftali Bennett zeigt, wie gross die Spannungen zwischen Ankara und Jerusalem inzwischen sind: «Die Türkei ist das neue Iran», sagte er bereits im Februar. Erdogan sei «raffiniert, gefährlich» und versuche, Israel einzukreisen, warnte Bennett – fast wortgleich zur jahrzehntelangen Rhetorik gegen Teheran.
Die «Jerusalem Post» beschreibt den Wandel inzwischen sogar als vollzogene Tatsache:
Netanyahu selbst brachte diese Sichtweise kürzlich in einem Interview auf den Punkt: Die Geschichte lehre, dass eine Regionalmacht aufsteige, sobald eine andere sinke. Und er fügte hinzu:
Angriffe aus Angst um die eigene Sicherheit
Der Rollenwechsel zeigt sich bereits deutlich im militärischen Alltag. Das Stimson Center in Washington beziffert Israels Luft- und Artillerieschläge in Syrien in den ersten sieben Monaten nach Assads Sturz im Dezember 2024 auf 988 – fast dreimal so viele wie die 334 Angriffe der sieben Jahre zuvor, als Iran Israels Hauptziel in Syrien war.
Die meisten dieser Schläge galten zwar zunächst ehemaligen Basen und Munitionslagern des alten Assad-Regimes, die Israel nicht dem neuen islamistischen Regime in Damaskus überlassen wollte. Dennoch sieht der Thinkthank Israel inzwischen selbst als «den grössten externen Unruhestifter» im Land.
Der auf die Türkei spezialisierte Analyst Mahmoud Allouch bezeichnet Syrien entsprechend als «zentrale Arena» der israelisch-türkischen Rivalität – auch wenn er eine direkte militärische Konfrontation beider Länder für unwahrscheinlich hält. Ankara verfüge über historische, kulturelle und geografische Bindungen zu Syrien, während Israels Ziele dort «in erster Linie sicherheitsgetrieben und deutlich begrenzter» seien.
In dieses Bild fügen sich auch die israelischen Luftangriffe in der Nacht zum Dienstag auf die syrische Militärbasis: Sie galten vermutlich weniger dem islamistischen Regime in Damaskus selbst als der von Israel unterstellten schleichenden türkischen Militärpräsenz im Norden Syriens.
Bemerkenswert ist dabei die Kontinuität der Methode: Dieselben präventiven Luftschläge gegen fremde Militärinfrastruktur, mit denen Israel jahrzehntelang gegen iranische und Hisbollah-nahe Stellungen in Syrien vorging, richten sich nun gegen die Türkei. Nur der Gegner hat gewechselt. (schweizheute.ch)
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