Testosteron wird zur Waffe im Kulturkampf der US-Rechten
Douglas Wilson war einst ein Sex-and-Drugs-and-Rock'n'Roll-Hippie, bis er im späteren Alter zu Gott fand. Heute ist er ein einflussreicher Prediger und Mitbegründer der Reformed Evangelical Churches in Moscow im Bundesstaat Idaho. Was er heute predigt, hat wenig mit seiner Hippie-Vergangenheit zu tun. Wilson will den 19. Zusatz der amerikanischen Verfassung rückgängig machen. Dieser sichert den Frauen das Stimmrecht.
Sein Weltbild entspricht in etwa dem, das im satirischen Film «The Stepford Wives» geschildert wird: Frauen sind den Männern sklavisch untertan. Oder wie es Helen Lewis im «Atlantic» schreibt: «Frauen sollten für gewöhnlich keine politischen Ämter innehaben, sie sollten in der Armee keine Kampfaufträge erhalten. Die Ehemänner sollten die Kontrolle über Frauen erhalten, die nicht gehorchen, ihr Gewicht und ihr Haushaltsgeld kontrollieren können und auch ihr TV-Programm.»
Dass es in den USA und ganz speziell in einem erzkonservativen Bundesstaat wie Idaho den einen oder anderen Spinner gibt, ist nicht weiter verwunderlich. Doch Wilson hat Einfluss, er hat das Ohr von Verteidigungsminister Pete Hegseth. Dieser profiliert sich immer stärker als christlicher Nationalist und hat Wilson auch schon eingeladen, Gottesdienste im Pentagon abzuhalten.
Das wiederum ist alles andere als ein Zufall. Hegseth treibt den Männlichkeitswahn der Konservativen in neue Höhen. Kürzlich hat er ein Programm lanciert, das alle Soldaten, die älter als 30 Jahre sind, verpflichtet, ihren Testosteron-Level überprüfen zu lassen. Ein zu tiefer Level gilt als Anzeichen von Verweichlichung und eines richtigen Soldaten nicht würdig.
«Wir müssen beständig neue Wege finden, um unsere Performance, unsere Resilienz und unsere langfristige Gesundheit zu verbessern», begründet Hegseth sein Programm. «Es geht nicht um künstliches Vergrössern der Leistung. Es geht darum, unsere natürlichen Fähigkeiten wiederherzustellen und zu optimieren.»
Dass Testosteron dies leisten kann, ist medizinisch umstritten. «Es gibt dazu keine Beweise, und es könnte sogar schädlich sein», erklärt dazu die Medizinprofessorin Adriane Fugh-Berman von der Georgetown University in der «Washington Post». Im Kulturkrieg zwischen Progressiven und Konservativen wird Testosteron hingegen zu einer immer wichtigeren Waffe.
Nicht nur Hegseth stellt seine Männlichkeit – oder was er dafür hält – zur Schau. Auch Gesundheitsminister Robert Kennedy Jr. liebt es, mit nacktem Oberkörper zu posieren und zusammen mit Kid Rock eine lächerliche Fitness-Show im Gym abzuziehen. Rohe Männlichkeit ist in MAGA-Kreisen de rigueur geworden. Donald Trump lässt anlässlich seines 80. Geburtstags auf dem Rasen des Weissen Hauses UFC-Kämpfer sich gegenseitig die Köpfe blutig schlagen und freut sich, wenn ihm der angeblich höchste T-Level zugeschrieben wird, der je bei einem Ü-70-Mann gemessen worden sei.
Helen Lewis stellt daher fest: «Männlichkeit ist längst kein Randphänomen mehr, sondern die wichtigste Kraft, welche die amerikanische Rechte zusammenhält. Sie vereinigt Pastoren, Senatoren, Prediger, Influencer, Podcaster und Fanboys.»
Männer, vor allem junge, achten neuerdings nicht nur auf ihren T-Level. Sie mühen sich täglich im Gym ab und meisseln an ihrem Körper – vor allem am Gesicht – herum wie ein Bildhauer. Gleichzeitig essen sie Unmengen von Protein, hauptsächlich in Form von Fleisch. Die konservativen Frauen bemühen sich derweil um ein Mar-a-Lago-Gesicht, einen mit Botox und anderen Mitteln erzeugten uniformen Look, den man im Umfeld von Trump und bei den Moderatorinnen von Fox News antrifft.
Wer in der MAGA-Szene bestehen will, ist deshalb entweder ein High-T-Kämpfer oder eine Mar-a-Lago-Puppe. «Es handelt sich um eine Geschlechter-Inszenierung», erklärt Juliet Williams, Soziologin an der UCLA, in der «Financial Times». «Es ist wie in einem Comic-Buch.»
Hört man jedoch genauer hin, hört der Spass bald auf. So erklärt beispielsweise Nick Fuentes, der bei jungen Männern auf grosses Echo stösst: «Die Frauen sind unser politischer Feind Nummer eins, denn Frauen schränken alles ein, jede Konversation, jeden Mann – alles. So wie Hitler einst Zigeuner, Juden und Kommunisten eingesperrt hat – alle seine politischen Rivalen – müssen wir heute mit den Frauen umgehen.»
Wie weit solche Aussagen – nebst ihrer unsäglichen Dummheit – auch sogenanntes Trolling sind, also mit dem Zweck geäussert, Progressive und Liberale zu ärgern, ist schwer abzuschätzen. Tatsache ist, dass Männlichkeitswahn und Frauenhass inzwischen in der rechten Szene salonfähig geworden sind. Senatoren wie Josh Hawley schreiben Bücher, in denen sie die neue Männlichkeit anpreisen, der kanadische Psychologe Jordan Peterson erfreut sich mit ähnlichen Thesen grosser Beliebtheit.
Selbst der schwule Peter Thiel fühlt sich bemüssigt, beim Frauen-Bashing kräftig mitzumischen. In einem Essay für das Cato Institute, einer konservativen Denkfabrik, schrieb er schon 2009: «Seit 1920 hat der massive Ausbau des Sozialstaates die Armen bevorteilt und die Rechte der Frauen ausgebaut – beide Gruppen sind Gegner der Libertären –, und das hat dazu geführt, dass der Begriff ‹kapitalistische Demokratie› zu einem Widerspruch in den Begriffen geworden ist.»
Verteidigungsminister Hegseth will den T-Level zum neuen Prestige-Objekt der Soldaten machen. Ob dies die Kampfkraft der US-Armee tatsächlich erhöhen wird, darf bezweifelt werden, oder wie es eine Oberstin auf dem TV-Sender MS NOW ausdrückt: «Ich würde mich weniger um einen hohen T-Level kümmern, als mir Sorgen um einen tiefen IQ-Level machen.»
