So rutschte Fabio* fast in die Manosphere ab
«Nein, habe ich das geschrieben?» Fassungslos starrt Fabio auf seinen Laptop. Vor ihm auf dem Bildschirm flimmert ein Kommentar. Verfasst von seinem 18-jährigen Ich auf der anonymen Diskussionsplattform Reddit.
Zehn Jahre lang hat Fabio es gemieden, sich in seinen alten Account einzuloggen. Aus Scham. Für watson springt er über seinen Schatten und scrollt sich durch seine früheren Beiträge. Zwischen harmlosen Kommentaren finden sich immer wieder Beiträge, in denen der junge Fabio heftig gegen andere User austeilt.
«Ich war viel schlimmer, als ich in Erinnerung hatte», sagt Fabio. Die Kommentare zeigen, wie tief er in einer Online-Welt steckte, die man rückblickend als Vorstufe der Manosphere bezeichnen könnte. In der Manosphere trichtern Influencer jungen Männern ein, dass sie Opfer des Feminismus sind. Dass sie, um «richtige Männer» sein zu können, Geld, Karriere und Frauen vorweisen müssen. Und stark und dominant auftreten müssen.
Heute, mit 29 Jahren, denkt Fabio ganz anders über Männlichkeit, Feminismus, über sich selbst. Er sagt: «Ich bin wohl knapp der Manosphere entkommen.»
Das ist seine Geschichte.
Intellektuelle Influencer
Es fängt harmlos an. 2013.
Fabio ist 16 Jahre alt und zurück in Basel, nachdem seine Familie zwei Jahre lang in den USA gelebt hat. Er geht aufs Gymnasium. Aber er hat Mühe. Mit der Konzentration. Mit schlechten Noten.
Er fühlt sich als Aussenseiter. Hat nur wenige Freunde. Seine Freizeit verbringt er deshalb grösstenteils online. Auf YouTube, auf Reddit, mit Gamen.
Auf YouTube konsumiert er gerne Inhalte von Professoren, die über die Evolutionstheorie, Religionen, Atheismus referieren. Das passt in das Bild, das Fabio gerne von sich hätte: ein intellektueller Atheist.
Schon bald schlägt ihm der YouTube-Algorithmus Videos von Jordan B. Peterson vor. Der damalige Professor für Psychologie lädt Ausschnitte aus seinen Vorlesungen an der Universität Toronto hoch. Mit der Zeit spricht Peterson jedoch nicht mehr über tatsächliche wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern gibt seine eigene Meinung über gesellschaftliche und politische Themen wieder. Das fällt Fabio nicht auf. Der intellektuell anmutende Rahmen wirkt vertrauenswürdig.
Besonders ein Video von Peterson hinterlässt bei ihm einen bleibenden Eindruck. Titel: «What Women Don't Understand About Men». Darin behauptet Peterson, dass «moderne Frauen» nicht verstehen würden, wie sehr sich Männer – vor allem junge Männer – davor fürchteten, von einer Frau abgewiesen zu werden. Die unterschwellige Botschaft schon damals: junge Männer sind Opfer des Feminismus.
Ein Video führt zum anderen. Ein Influencer zum nächsten. Schleichend gerät Fabio immer tiefer in eine Online-Szene, in der immer extremere Meinungen vertreten werden. Auch auf anderen Plattformen. Bis es für ihn im Alter von 18 Jahren normal ist, zu denken: Männer müssen fit und stark sein und Frauen können nicht lustig sein. Bis es zu seinem Alltag gehört, auf Reddit gegen Andersdenkende auszuteilen. Und seine Mitspieler und Gegner in Online-Games aufs Übelste zu beleidigen.
Es sind jedoch nicht nur der YouTube-Algorithmus oder Reddit, die Fabio in eine hasserfüllte Online-Parallelwelt ziehen. Es sind auch Männer aus seinem direkten Umfeld.
Männer stumpfen ab
Fabio erinnert sich noch genau an das erste gewalttätige Video, das ihm ein guter Freund als Teenager zeigte: «Zu sehen war ein Mann, dem die Hand abgehackt wird, weil er etwas gestohlen haben soll.»
Brutale Inhalte bekam Fabio fortan immer öfter zu Gesicht. Durch Freunde, später durch Kameraden im Militär. Zur Belustigung. Manchmal aber auch als Mutprobe. Wer hinsah, zeigte Härte. Wer sich abstossen liess, galt als empfindlich.
«Die immer gewaltvolleren Videos trainierten mir jegliche Empathie ab», sagt Fabio. Das Ausmass dieser Abstumpfung wird beim Scrollen durch seine alten Reddit-Kommentare sichtbar.
In einem Forum über Verschwörungstheorien kommentierte der 18-jährige Fabio zum Beispiel: «Jeder hat einen anderen Geschmack, was Unterhaltung angeht. Verdammt, es gibt ja sogar Leute, die r/CuteFemaleCorpses unterhaltsam finden.»
Fabio vermutet, dass «r/CuteFemaleCorpses» ein Reddit-Forum war, in dem User Fotos von Frauenleichen teilten und sich daran aufgeilten. Woher er von diesem Forum wusste, ob er selbst verstörende Bilder von toten Frauen zu Gesicht bekommen hat, ob er im Forum Kommentare hinterliess, an all diese Dinge kann sich Fabio nicht mehr erinnern. Und überprüfen lässt es sich nicht mehr.
Inzwischen hat Reddit «r/CuteFemaleCorpses» zusammen mit zahlreichen weiteren problematischen Foren gelöscht. Nach massivem öffentlichem Druck. «Reddit war damals wie der Wilde Westen. Es gab keine Regeln», sagt Fabio. Das sei für jemanden wie ihn, der Lust daran empfand, Grenzen auszutesten, perfekt gewesen.
Online konnte er eine Seite von sich ausleben, die kaum in sein richtiges Leben hineingepasst hätte. Seine Mutter beschreibt Fabio als «laute Feministin». Sie habe ihn schon als Kind mit an einen Frauenmarsch genommen. Zwischen 16 und 18 Jahren hatte er immer mal wieder eine Freundin. Zur Schule ging er in einem schwarzen Pullover, auf dem er Hammer und Sichel aufgenäht hatte. Fabio sagt: «Ich hielt mich für einen dezidiert Linken.» Während er gleichzeitig Videos von Influencern konsumierte, die heute zur Alt-Right-Bewegung gezählt werden.
Phase der Unsicherheit
Fabio ist überzeugt:
Seine Wut habe sich weniger gegen Frauen und mehr gegen das «Establishment» gerichtet.
Ein Blick in seine alten Reddit-Kommentare bestätigt das. Fabio schiesst gegen Verschwörungstheoretiker, Übergewichtige, Politikerinnen und Politiker. Offen frauenfeindliche Tiraden lassen sich jedoch nicht finden. Nur unterschwellig wird ein junger Mann sichtbar, der nichts von Frauenquoten und Gleichstellung hält. Weil er überzeugt ist, dass Frauen gar nicht benachteiligt werden. Heute sagt Fabio:
Rückblickend beschreibt Fabio die Zeit zwischen 16 und 18 Jahren als Fiebertraum. Er erinnert sich verschwommen daran, dass er sich damals in einer Phase der Unsicherheit und Unzufriedenheit befand.
Trotz Schwierigkeiten glaubte er, die Matura absolvieren zu müssen. Um jeden Preis. Damit er ein Vorbild für seinen jüngeren Bruder war. Damit er eines Tages eine mindestens ebenso erfolgreiche Karriere vorweisen konnte wie seine Eltern. Beide hatten studiert und arbeiteten in gut bezahlten Jobs.
«Dieser Leistungsdruck kam von mir selbst und von der Gesellschaft, hatte ich das Gefühl», sagt Fabio. Ob die Influencer, die er damals konsumierte, ebenfalls Einfluss darauf hatten, kann er heute nicht mehr sagen. Er weiss nur: «Der Leistungsdruck musste früher oder später zu einem Zusammenbruch führen.»
Wie eine qualitative Studie aus dem Jahr 2025 zeigen konnte, stossen junge Männer auf Social Media meistens nicht direkt auf schädliche, frauenfeindliche Inhalte, sondern geraten langsam über harmlose Themen wie Fitness, Selbstoptimierung oder Dating-Tipps in die Manosphere. Weitere Studien von 2023 und 2025 weisen darauf hin, dass junge Männer online erstmals in Kontakt mit solchen Inhalten kommen, wenn sie sich in einer Phase der Unsicherheit oder Einsamkeit befinden. Indem die sogenannten «Manfluencer» dem Feminismus die Schuld an diesen negativen Gefühlen geben, bieten sie ihren Followern Orientierung und verlockend einfache Antworten auf komplexe Fragen.
Immer Disziplin
Mit 18 Jahren schafft Fabio die Matura und geht direkt ins Militär. Als sein bester Freund mit 19 Jahren tödlich verunfallt, verbietet er es sich, zu trauern. Stattdessen macht er weiter. Bis zum Offizier. So, wie das schon sein Vater gemacht hat.
Anschliessend geht es direkt weiter an die Uni. Etwas «Richtiges» studieren. Rechtswissenschaften. Obwohl ihn das Fach nicht interessiert. Und ihm auch nicht liegt.
Fabio muss das erste Jahr wiederholen. Im zweiten Jahr schafft er es mit viel Disziplin in einer wichtigen Prüfung zu einem Sechser. Doch die gute Note löst keine Freude aus. Nur noch mehr Druck. Dass es jetzt genau gleich weitergehen muss. Sonst ist Man(n) wertlos.
Aber Fabio kann nicht mehr. Statt in die Vorlesungen zu gehen, verschanzt er sich in seiner WG. Seine Tage verbringt er mit Kiffen, Gamen und Pizzabestellen. Innerhalb weniger Monate gibt er so fast sein gesamtes Geld auf dem Sparkonto aus.
Er muss 23 Jahre alt werden, bevor er sich endlich Hilfe holt. Und in eine psychiatrische Klinik eintritt. Das ist der Wendepunkt.
Ein Feminist
In der Klinik trauert Fabio erstmals bewusst um seinen verstorbenen Freund. Und setzt sich mit sich selbst auseinander: mit seinen Werten, seinen Wünschen, dem Druck, den er jahrelang ausgehalten hat. «Ich musste lernen, wieder Empathie zu empfinden und in mich hineinzuspüren.»
Nach der Klinik bricht Fabio das Jus-Studium ab und beginnt eine Lehre als Landwirt. Danach hängt er ein Agronomie-Studium an. Heute steht er kurz vor seinem Bachelor-Abschluss. Er gamet fast nicht mehr. Sein YouTube-Algorithmus schlägt ihm Arte-Dokus, Formel 1 und Kochrezepte vor. Er liest feministische Bücher und spricht mit seiner Freundin über seine Gefühle. «Ich finde es nur traurig, habe ich so lange gebraucht, um an diesen Punkt in meinem Leben zu kommen», sagt Fabio.
Einzig den Influencern und Algorithmen die Schuld daran zu geben, greift aus seiner Sicht jedoch zu kurz. Druck, einem bestimmten Bild von Männlichkeit entsprechen zu müssen, spüre er auch in der Offline-Welt. Etwa in der Landwirtschaft. In der Lehre musste er sich beispielsweise dumme Sprüche anhören, als er seine Haare etwas länger hatte wachsen lassen. Gerade als Städter werde er schnell nicht mehr ernst genommen, wenn er nicht wie ein «richtiger Bauer» daherkomme.
Fabio sagt:
Und dafür, dass Männer sich aktiv für Gleichstellung einsetzen sollten. Nur schon zu ihrem eigenen Wohl.
Genau das versucht Fabio heute. Mit kleinen Schritten im Alltag. Indem er sich weigert, über sexistische Witze zu lachen. Indem er sich ebenso um den Haushalt kümmert wie seine Freundin. Indem er sich mit seinen Privilegien als Mann auseinandersetzt. Und indem er offen sagt: «Ich bin Feminist.»
*Name aus Persönlichkeitsschutz anonymisiert.
