Tödliche Auseinandersetzung im Westjordanland
Als Konsequenz bereitet sich die israelische Armee nach eigenen Angaben auf eine gross angelegte Militäroperation in dem besetzten palästinensischen Gebiet vor. Sie verhängte ausserdem eine Ausgangssperre.
Der Ankündigung waren Gespräche von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit Verteidigungsminister Israel Katz, Generalstabschef Ejal Zamir und Geheimdienstchef David Zini vorausgegangen. In einer gemeinsamen Erklärung von Netanjahu und Katz hiess es, das Haus eines palästinensischen «Terroristen» werde abgerissen.
In Dörfern, die als «Terrorzentren» dienten, solle es «durchgreifende Massnahmen» geben, wie die Beschlagnahmung von Waffen und den Entzug von Arbeitserlaubnissen. Die Armeepräsenz im Westjordanland werde erhöht. Zudem solle die Legalisierung bestehender und neuer Siedler-Aussenposten beschleunigt werden.
In Israel hat der Wahlkampf vor der Parlamentswahl Ende Oktober begonnen. Das Thema Sicherheit spielt dabei eine zentrale Rolle.
Palästinenser fordern internationale Hilfe gegen Siedlergewalt
Die Lage im besetzten Westjordanland hat sich seit dem Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 in Israel und dem dadurch ausgelösten Gaza-Krieg noch einmal verschärft. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden im Westjordanland seitdem rund 1100 Palästinenser bei israelischen Militäreinsätzen, bewaffneten Auseinandersetzungen und Anschlägen getötet.
Aber auch die Gewalt radikaler israelischer Siedler gegen Palästinenser hat zugenommen. Der Armee wird immer wieder vorgeworfen, sie gehe nicht entschlossen genug gegen solche Angreifer vor.
Das palästinensische Aussenministerium erklärte, die Eskalation von «Siedler-Terrorismus» sei eine direkte Folge des Schutzes, des politischen Rückhalts und einer vollständigen Straffreiheit, die Regierung und Armee gewährten.
Widersprüchliche Angaben zum Tathergang
Zu dem jüngsten bewaffneten Zwischenfall widersprachen sich die Darstellungen der israelischen Armee und der palästinensischen Behörden. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden mindestens fünf Palästinenser getötet, drei weitere seien schwer verletzt worden.
Den Angaben zufolge griffen bewaffnete israelische Siedler am Morgen das Dorf Tel bei Nablus im nördlichen Westjordanland an. Bewohner hätten sich verteidigt. Hinzugekommene Soldaten hätten dann das Feuer eröffnet und mehrere Palästinenser getötet. Unter den Dorfbewohnern hätten sich auch Siedler aufgehalten, die durch Schüsse von Soldaten verletzt worden seien.
Israelische Medien berichteten, dass ein israelischer Bürger getötet worden sei. Eine Sprecherin der israelischen Armee erklärte auf X, es sei in der Nähe des israelischen Aussenpostens «Gilad Farm» zu einem Angriff auf israelische Wanderer gekommen. Die Angreifer hätten die Waffe einer Sicherheitskraft entwendet und das Feuer auf Israelis eröffnet.
Rettungskräfte brachten demnach mehrere verletzte Menschen in ein Spital. Palästinenser vor Ort bezeichneten die Angaben der Armee zum Tathergang als frei erfunden.
Eine unabhängige Überprüfung aller Angaben ist derzeit nicht möglich.
Das palästinensische Aussenministerium rief die internationale Gemeinschaft auf, Massnahmen gegen die Gewalt israelischer Siedler zu ergreifen - etwa Sanktionen gegen Siedlungen und Siedleraktivisten sowie ein Boykott von Waren aus den Siedlungen.
Israels Sicherheitsminister fordert Vorgehen wie im Gazastreifen
Israel hatte im Sechstagekrieg 1967 unter anderem das Westjordanland und Ost-Jerusalem erobert. Dort leben heute inmitten von drei Millionen Palästinensern rund 700.000 israelische Siedler. Die Palästinenser beanspruchen die Gebiete für einen eigenen Staat. Nach völkerrechtlichem Konsens gelten alle Aussenposten und Siedlungen im besetzten palästinensischen Westjordanland als illegal.
Israels rechtsextremistischer Polizei- und Sicherheitsminister, Itamar Ben-Gvir, forderte auf der Plattform X, die Häuser von «Terroristen und deren Unterstützern» aus der Luft und mit Baggern zu zerstören, so wie es im Gazastreifen geschehen sei. «Für jeden ermordeten Juden muss der Feind den Verlust von Land und Häusern hinnehmen. Das ist die Sprache, die man im Nahen Osten spricht, und so wie wir sie in Gaza gesprochen haben», schrieb Ben-Gvir. Es ist unklar, ob diese Forderung in Betracht gezogen oder umgesetzt wird.
Der israelische Siedler-Aussenposten «Gilad Farm» wurde 2002 errichtet. Das israelische Kabinett erklärte ihn 2018 zu einer vollwertigen Siedlung. (dab/sda/dpa)
