International
Armee

Ukraine: Oberstleutnant wegen 26 Todesfällen im Training suspendiert

epa12408710 A handout picture made available by the press service of the 65th Separate Mechanised Brigade of Ukrainian Armed Forces shows servicemen of the 65th Separate Mechanised Brigade attending t ...
Ukrainische Soldaten nehmen an einem Training teil (Archivbild): In der «Skelia»-Einheit kam es mutmasslich zu massiven Verstössen seitens Vorgesetzter.Bild: keystone

26 Rekruten sterben bei Training – Ukraine-Kommandeur suspendiert

Ein ukrainisches Sturmregiment steht wegen mutmasslicher Gewalt gegen eigene Soldaten unter Druck. Die Vorwürfe treffen eine Einheit, die viele neu mobilisierte Männer aufnimmt und regelmässig an riskanten Einsätzen beteiligt ist.
26.06.2026, 12:0926.06.2026, 13:36
Simon Cleven / t-online
Ein Artikel von
t-online

Die ukrainische Armee hat den Kommandeur des 425. Separaten Sturmregiments «Skelia», Oberstleutnant Jurij Harkawyj, vorläufig vom Dienst suspendiert. Das teilte ein Sprecher des ukrainischen Heeres am Donnerstag vor Journalisten mit.

Hintergrund sind Ermittlungen zu mutmasslichen Verstössen gegen die Rechte von Soldaten und Berichte über mindestens 26 Todesfälle unter Rekruten, die nicht im Zusammenhang mit Kampfhandlungen stehen sollen.

Auslöser war eine Recherche des ukrainischen Mediums «Babel». Darin ist von Misshandlungen, Zwang, unzureichender medizinischer Versorgung und Todesfällen in Ausbildungslagern des Regiments die Rede. Angehörige und frühere Soldaten erhoben demnach schwere Vorwürfe gegen Verantwortliche der Einheit. Es sollen in den vergangenen sechs Monaten 26 Soldaten in Ausbildungszentren des Regiments gestorben sein, viele von ihnen weniger als einen Monat nach ihrer Ankunft in der Einheit.

Das Staatliche Ermittlungsbüro der Ukraine leitete am Dienstag ein Vorverfahren ein und prüft, ob Militärvertreter unter dem Vorwand des Kriegsrecht ihre Befugnisse überschritten haben.

«Skelia»-Einheit bestätigt 25 von 26 Todesfällen

Das Regiment bestätigte inzwischen einen Teil der Angaben. Ein Sprecher von «Skelia», Andrij Suraj, sagte nach Angaben ukrainischer Medien, man könne die Todesfälle von 25 der 26 in der Recherche genannten Soldaten bestätigen. Eine Person habe man nicht identifizieren können, sie habe keinen Bezug zu dem Regiment gehabt. Zu den Umständen der Todesfälle äusserte sich Suraj zurückhaltend: Es gebe laufende Prüfungen und Verfahren, diese müssten klären, wie belastbar die Vorwürfe seien.

Das Regiment erklärte, 18 der genannten Soldaten seien in Krankenhäusern oder auf dem Weg dorthin gestorben. Als mögliche Ursache nannte die Einheit Krankheiten oder einen schlechten Gesundheitszustand mobilisierter Soldaten.

Die Einheit wies zugleich einzelne Vorwürfe zurück. Sprecher Oleksij Bratuschtschak sagte laut dem Sender «Suspilne», es gebe bei «Skelia» keine «Gruben» – wohl eine Anspielung auf Berichte über Orte, an denen Soldaten bestraft oder festgehalten worden sein sollen. Jeder Fall müsse einzeln geprüft werden, erklärte das Regiment.

Der suspendierte Kommandeur Harkawyj hatte noch im Januar 2025 den Orden als «Held der Ukraine», die höchste Auszeichnung des ukrainischen Staats erhalten. Seine Einheit feierte die Auszeichnung und seine «einzigartigen Führungsqualitäten» mit diesem Beitrag auf Instagram:

Ermittler prüfen Vorwürfe

Das ukrainische Heer kündigte an, die Ergebnisse der Ermittlungen abzuwarten. Sollten sich Straftaten bestätigen, würden die Verantwortlichen nach dem Gesetz zur Rechenschaft gezogen. Zugleich betonte das Heer, keine militärische Notwendigkeit, kein Ausbildungsdruck und kein Ruf einer Kampfeinheit könnten Erniedrigung, Gewalt, unangemessene Behandlung oder Gleichgültigkeit gegenüber Leben und Gesundheit von Soldaten rechtfertigen.

Die Militär-Ombudsfrau Olha Reschetylowa sprach von mutmasslich klar strafbarem Verhalten. Sie erklärte, ihr Büro und die Militärpolizei hätten bereits im Juni 2025 eine Gruppe von Ausbildern identifiziert, die für Misshandlungen auf Übungsplätzen verantwortlich gewesen sein soll. Ergebnisse dieser Ermittlungen gebe es bislang jedoch nicht.

Grosse Einheit, hohe Belastung

«Skelia» zählt zu den grösseren ukrainischen Sturmformationen. Nach Angaben ukrainischer Medien gehören dem Regiment mehr als 10'000 Soldaten an. Die Einheit wurde im Zuge des Aufbaus spezialisierter Sturmtruppen unter Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj ausgebaut und erhält viele neu mobilisierte Rekruten. Sie wird regelmässig für besonders riskante Angriffsoperationen eingesetzt.

«Skelia»-Sprecher Bratuschtschak sagte «Suspilne», das Büro der Militär-Ombudsfrau habe in dem Regiment 2000 Menschen mit Drogenabhängigkeiten festgestellt. Viele von ihnen seien inzwischen rehabilitiert worden, hätten Grundausbildung und körperliches Training durchlaufen und erfüllten nun militärische Aufgaben.

Der Fall fällt in eine Phase, in der die ukrainische Armee unter erheblichem Personaldruck steht. Nach hohen Verlusten im Krieg gegen Russland ist Kiew zunehmend auf Mobilisierte angewiesen. Berichte über Missstände in einzelnen Einheiten nehmen seit Längerem zu. Für die Armeeführung ist der Fall deshalb heikel: Sie muss die Einsatzfähigkeit sichern, zugleich aber glaubhaft zeigen, dass auch unter Kriegsbedingungen Rechte und Gesundheit der Soldaten geschützt werden.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
4 Jahre Ukraine-Krieg in 52 Bildern
1 / 54
4 Jahre Ukraine-Krieg in 52 Bildern

Von ihrem Nachbarn überfallen, kämpft die Ukraine ums Überleben. In dieser Bildstrecke schauen wir auf die Ereignisse seit der Invasion Russlands zurück ...

quelle: keystone / bo amstrup
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Joko und Klaas zeigen Alttag von Zivilisten im Ukraine-Krieg
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
16 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
16
Schweizer Rettungskräfte sind auf dem Weg ins Erdbebengebiet in Venezuela
Nach den beiden schweren Erdbeben hat die Schweiz am Freitag um 2 Uhr 80 Rettungskräfte zur Katastrophenhilfe nach Venezuela geschickt. Mit an Bord des Flugzeuges haben sie 18 Tonnen Rettungsmaterial.
Zur Story