Ukrainische Skandal-Brigade: Kommandeur wegen Entführung und Mord gesucht
Stanislaw Lutschanow, Kommandeur der 155. mechanisierten Brigade der ukrainischen Streitkräfte, hat sich nach Angaben des Militärs unerlaubt von seiner Einheit entfernt und ist untergetaucht. Die Ermittler werfen ihm und weiteren Angehörigen der Brigade Freiheitsberaubung und vorsätzlichen Mord vor. Lutschanow soll Untergebene angewiesen haben, zwei Zivilisten aus der Region Kiew zu entführen und zu töten. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
Benannt ist die Brigade nach Anna von Kiew, einer Prinzessin aus Kiew, die im Mittelalter Königin von Frankreich wurde. Die Einheit war als Vorzeigeprojekt der militärischen Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und ihren europäischen Partnern geplant und ihre Gründung 2024 stolz vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron verkündet worden. Doch schon von dem ersten Kriegseinsatz desertierten Hunderte Soldaten und seitdem kommt die Brigade nicht mehr aus Skandalen heraus.
Wie mehrere ukrainische Medien berichteten, sollen in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni sieben Angehörige der 155. Brigade in das Grundstück zweier Brüder in der Region Kiew eingedrungen sein. Die Männer seien verschleppt und später getötet worden. Lutschanow soll laut der Berichte nach einem persönlichen Konflikt angeordnet haben, die beiden Männer zu bestrafen. Diese Darstellung ist offiziell nicht bestätigt.
Neun Soldaten der 155. Brigade wurden festgenommen. Nach Lutschanow, der das Kommando über die Brigade erst im Februar 2026 übernommen hatte, wird noch gefahndet.
Alle in das Verfahren verwickelten Soldaten seien vom Dienst suspendiert worden und kooperierten mit den Ermittlern, teilte der Generalstab mit. «Sollte die Untersuchung eine Schuld nachweisen, werden die Verantwortlichen für jedes begangene Verbrechen zur Rechenschaft gezogen, unabhängig von ihrer Position oder früheren Verdiensten», so die Militärführung.
Vom Vorzeigeprojekt zur Kriseneinheit
Die Geschichte der Einheit ist seit ihrer Gründung von Problemen geprägt. Die Brigade wurde 2024 aufgestellt und mit französischer Hilfe ausgerüstet. 2'300 ihrer 4'500 Soldaten wurden in Frankreich ausgebildet. Anschliessend sollte die Einheit die Front bei Pokrowsk verstärken, wo sich ukrainische Truppen einen verlustreichen Abwehrkampf gegen vorrückende Russen lieferten.
Noch vor dem Einsatz häuften sich jedoch Fälle von unerlaubtem Entfernen von der Truppe. Dutzende Soldaten flohen bereits während der Ausbildung in Frankreich. Tausende weitere verliessen die Einheit in der Ukraine. Der damalige Kommandeur Dmytro Rjumschyn wurde abgesetzt und im Januar 2025 festgenommen. Die Ermittler warfen ihm vor, nicht gegen die massenhaften Desertionen vorgegangen zu sein.
Unter seinem Nachfolger Taras Maksimow geriet die Brigade erneut in die Schlagzeilen. Die «Ukrainska Prawda» berichtete über ein mutmassliches System mit unberechtigt ausgezahlten Kampfzulagen. Soldaten sollen höhere Prämien erhalten und anschliessend einen Teil des Geldes in bar abgegeben haben. Ein Bataillonskommandeur wurde festgenommen. Maksimow erklärte damals, Korruption und der Missbrauch militärischer Ämter hätten in den Streitkräften keinen Platz.
Soldaten beklagten gegenüber dem Medium zudem fehlende Drohnen, unzureichend ausgestattete Fahrzeuge und einen schlechten Umgang der Führung mit Untergebenen. Seit Anfang 2025 sollen mehr als 1'200 Angehörige die Brigade unerlaubt verlassen haben. Zugleich kämpfte die Einheit weiter an der Front bei Pokrowsk und meldete dort auch erfolgreiche Einsätze gegen russische Truppen.
Im Mai 2026 verbreitete sich schliesslich ein Video, das die Misshandlung eines gefesselten Soldaten zeigen soll. Lutschanow bestritt eine Beteiligung und verurteilte die Gewalt. Wenige Monate später steht der Kommandeur nun selbst im Mittelpunkt schwerer strafrechtlicher Ermittlungen.

