International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Memoiren des blinden chinesischen Nationalhelden Chen Guangchen: «Ich durfte zwar nicht zur Schule gehen, dafür blieb mir auch die Propaganda der Kommunistischen Partei erspart»

30.03.15, 18:00 31.03.15, 14:24

Mehr «International»



Chen Guangchens Schicksal hielt im Frühjahr 2012 die Welt in Atem: Der blinde chinesische Menschenrechtsaktivist floh aus seinem Hausarrest in die US-Botschaft in Peking. Nach intensivem Tauziehen zwischen der chinesischen Führung und der Obama-Regierung durfte er schliesslich mit seiner Familie nach New York ausreisen, wo er seither lebt.

Nun sind seine Memoiren erschienen. 10 denkwürdige Passagen aus «The Barefoot Lawyer, A Blind Man's Fight for Justice and Freedom in China» («Der Barfüssige Anwalt, der Kampf eines Blinden für Gerechtigkeit und Freiheit in China»):

bild via amazon

1. Erblindung

Chen Guangchen wurde 1971 auf dem Land geboren und erkrankte bereits im Alter von sechs Monaten an einem heftigen Fieber. Die zwei Yuan für einen Arztbesuch konnte sich seine Familie nicht leisten. Das Fieber griff seine Sehnerven an, worauf er langsam erblindete. Im Alter von sieben Jahren brachten ihn seine Eltern ein letztes Mal zu einem Arzt, der aber auch nichts mehr machen konnte.

«Ich habe keine Erinnerung daran, wie es ist, die Welt wirklich zu sehen. Als kleiner Junge hatten Farben eine spezielle Bedeutung für mich, denn Lichtschwaden konnte ich noch wahrnehmen, wenn etwas genau vor meinen Augen war. (...) Ohne diese ersten Jahre würde ich gar keinen Begriff von Farbe haben.»

2. Schulbildung

Dem blinden Chen wurde als Kind der Zugang zu Schulbildung zunächst verwehrt. Weil er interessiert war, folgte er den anderen Kindern manchmal in die Dorfschule und lauschte dem Unterricht von draussen. Das machte ihn zwar traurig, doch rückblickend sieht er auch Positives:

«Vielleicht gerade weil ich nicht zur Schule gehen durfte, entwickelte ich eine starke Lernbegierde. (...) Ich durfte zwar nicht zur Schule gehen, dafür blieb mir auch die Propaganda der Kommunistischen Partei erspart.»

3. Tiananmen

Erst mit 18 ging er auf eine Blindenschule, wo er die Blindenschrift erlernte. In die gleiche Zeit fiel das Tiananmen-Massaker:

«Mir wurde klar, dass ich unter anderen Umständen – wenn ich kein 18-Jähriger gewesen wäre, der gerade erst Lesen und Schreiben lernte – 1989 vielleicht auch auf dem Tiananmen-Platz gewesen wäre und an den Protesten teilgenommen hätte, bei denen hunderte oder tausende Studenten, Arbeiter und andere Leute ums Leben kamen.»

4. Autodidakt

Unter grossen finanziellen Opfern seiner Familie studierte Chen später an der Universität von Nanjing traditionelle chinesische Medizin. Er spezialisierte sich auf Akupunktur und Massage – die beiden einzigen Gebiete, die Blinden offenstanden. Doch eigentlich entsprach das nicht seinem Berufswunsch, ebenso wenig wie Wahrsager, ein anderer in China typischer «Blindenberuf».

Stattdessen begann er sich für die Rechte von Behinderten einzusetzen, was ihm den informellen Titel als «Barfüssiger Anwalt» einbrachte, in China ein Begriff für einen Laien-Anwalt ohne formelle Ausbildung. Richtige Anwälte scheuen die Konfrontation mit den Behörden, weil ihnen die Partei die Lizenz entziehen können. Chen sah darin einen Vorteil für sich:

«Ein Abschluss in Rechtswissenschaften – und damit eine Anwaltslizenz – waren mir als Blinder verwehrt. Folglich konnten sie ihn mir auch nicht entziehen. Ich musste die Behörden also weniger fürchten – das glaubte ich zumindest.»

5. Allmacht

Chens Einsatz gegen Umweltverschmutzung und Korruption brachte ihm unweigerlich den Zorn der Behörden ein. 2005 überschritt er eine rote Linie, als er begann, gerichtlich gegen Zwangsabtreibungen und -sterilisationen auf dem Land vorzugehen. Chen wurde entführt und in einem fragwürdigen Verfahren wegen Anstiftung zu Unruhe zu vier Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Alles was er je getan hatte, war auf die Einhaltung der Gesetze zu bestehen – sie verbieten Zwangsmassnahmen zur Durchsetzung der Ein-Kind-Politk. Doch um das Gesetz schert sich das Regime in China nicht, wie eine Episode im Gefängnis Chen bewusste machte. Ein Mithäftling las ihm ein Plakat vor, das gegenüber im Wachlokal angebracht war:

«Gemäss den offiziellen Gefängnisbestimmungen dürfen folgende Personen nicht inhaftiert werden: Blinde, schwangere Frauen ... » Das ist die Heuchelei der Kommunistischen Partei: Sie kann ihre eigenen Regeln vollständig missachten, sogar wenn sie für jedermann sichtbar an der Wand stehen.»

Batman-Schauspieler Christian Bale beim Versuch, Chen Guangchen in seinem Hausarrest zu besuchen (2011). video: youtube/TA

6. Not macht erfinderisch

Nachdem er seine Gefängnisstrafe abgesessen hatte, wurde Chen in seinem Heimatdorf unter Hausarrest gestellt. Seine Versuche, mit der Aussenwelt zu kommunizieren, wurden hart bestraft: Die Wachen stahlen praktisch sein gesamtes Hab und Gut und verprügelten ihn sowie seine Frau wiederholt. Die beiden beschlossen, mit einem Handy, das die Wachen noch nicht gefunden hatten, eine Videobotschaft aufzunehmen. Leider war der Akku leer und sie hatten kein Ladegerät:

«Eines Tages entdeckte ich in einem Stapel faulen Brennholz ein altes Batterieladegerät. Wie viele Leute auf dem Land warfen wir nichts weg, man wusste nicht, wann man es brauchen könnte. (...) Der Akku lud sehr langsam, aber es funktionierte. (...) Wir machten ein kurzes Video, doch wie würden wir es verschicken? [Die Behörden hatten auf dem Nachbardach einen Störsender installiert] Bei starken Gewittern gab es machmal Stromausfälle, die den Störsender für kurze Zeit ausser Gefecht setzten. Bis die Wachen den Generator anwarfen, hatten wir ein winziges Zeitfenster.»

Chens Videobotschaft, aufgenommen während seines Hausarrests (2011). video: youtube/LeakSource.wordpress.com

7. Verfolgungsjagd

Nach seiner Flucht aus dem Hausarrest, die Chen in seinen Memoiren bis ins letzte Detail beschreibt, gelang es ihm, sich nach Peking durchzuschlagen, wo ihn Freunde und Mitstreiter versteckten. Bald wurde ihm klar, dass er nur an einem Ort sicher sein würde: In der US-Botschaft. Dann kam die frohe Nachricht, dass sie ihn aufnehmen würde. Es wurde ein Treffpunkt vereinbart, wo ihn ein US-Diplomat abholen und zur Botschaft fahren würde. Bevor es soweit war, musste Chen noch eine Verfolgungsjagd durch Peking überstehen. Vier verdächtige Wagen hatten sich an die Fersen seines Freundes Guo Yushan geheftet, der ihn zum Treffpunkt fahren sollte. Eine wilde Verfolgungsjagd endete schliesslich auf dem Gelände der Universität für Forstwissenschaften.

«Der Wagen der US-Botschaft hielt einen Meter vor uns. Unsere Verfolger hatten uns umzingelt, aber Yushan glaubte, dass wir nahe genug zum Umsteigen waren. Er und Zhengjun packten mich an den Armen und schleppten mich zum Wagen der US-Botschaft. (...) Vize-Botschafter Robert Wang sagte zum Chauffeur: ‹Gib Gas, zurück zur Botschaft!›»

8. Das liebe Geld

Nach anfänglich grosser Erleichterung über die gelungene Flucht merkte Chen, dass die USA ihn lieber heute als morgen loswerden wollten, um die Beziehungen zu China nicht übermässig zu strapazieren. Sogar seine Möglichkeiten, mit der Aussenwelt zu kommunizieren, wurden von den US-Diplomaten nach ein paar Tagen unterbunden. Er solle darüber nicht enttäuscht sein, das sei eben Politik, versuchte ihn Vize-Botschafter Wang zu trösten. Da dämmerte es Chen:

«Die Beziehungen des Auslands zu China werden stets vom Schreckgespenst des Profits verfolgt, und die USA sind dagegen alles andere als immun.»

9. Hillary Clinton geküsst

Chen hatte sich lange dagegen gesträubt, die US-Botschaft ohne Sicherheitsgarantien seitens der chinesischen Regierung zu verlassen. Am Ende begab er sich auf Drängen der US-Diplomaten doch in ein staatliches Spital, um eine Fussverletzung zu behandeln, die er sich auf der Flucht zugezogen hatte. Auf dem Weg dahin rief die damalige US-Aussenministerin Hillary Clinton an, die er eigentlich schon in der Botschaft hätte treffen sollen. «Ich würde Sie gerne treffen», sagte er ihr in gebrochenem Englisch. Die Episode fand ihren Weg in die Medien, allerdings nicht so, wie sie sich ereignet hatte. Die Frau eines Mitstreiters fragte ihn am Telefon:

«Hast du wirklich gesagt, du wolltest Hillary Clinton küssen?», fragte Zeng. «Nein, ich sagte, dass ich sie treffen wolle», erwiderte ich.

10. Der Westen

Am 19. Mai 2012 endete das Tauziehen um Chen Guangchen, als er mit seiner Familie in die USA ausreiste, wo er seither lebt.

«Weijing und ich haben mit unseren beiden Kindern in den USA ein neues Leben aufgebaut. Sie sprechen Englisch bereits schneller, als wir es verstehen.»

Seine Kritik an der chinesischen Regierung ist dadurch nicht verstummt:

Jenseits der Luxus-Hotels und Vorzeige-Projekte in Peking und Schanghai sitzt eine barbarische Diktatur in der Verkleidung einer Regierung. Berauscht von ihrer Macht missachtet die Kommunistische Partei die Verfassung und die Gesetze täglich aufs Neue, zündet Nebelpetarden mit ihrem Wirtschaftswachstum, verhext die Welt und unterdrückt gleichzeitig die Opposition.»

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.

Abonniere unseren Daily Newsletter

0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Danach willst du kotzen: So ist es auf der dunkelsten Seite des Planeten Internet

Suizidale Facebook-Reiniger in Manila, depressive Influencer in China, bedrohte Frauen in Amerika: Drei Dokfilme zeigen am ZFF, was sich hinter unseren virtuellen Spassfassaden verbirgt.

Ein Fehler, heisst es, kann ein Menschenleben vernichten. Oder mehrere. Oder einen ganzen Krieg auslösen. Weshalb die «Cleaner», die Facebook-Reiniger in Manila, keine Fehler machen dürfen. Oder fast keine. Ganze drei sind pro Monat gestattet. Ein Cleaner sichtet pro Tag 25'000 Facebook-Bilder. Entscheidet über «Ignore» und «Delete». Oft ist davon die Rede, dass sie «die Plattform» von «Sünden» befreien müssen.

Die Frauen und Männer, die auf den Philippinen für Facebook die Aufgabe einer …

Artikel lesen