Drohnenvorfall in Leipzig: Dieses Geschoss blieb buchstäblich unter dem Radar
Es ist der bislang gefährlichste Drohnenvorfall an einem deutschen Flughafen: Der Fund einer mit Sprengstoff beladenen Kamikaze-Drohne in der Nähe eines ukrainischen Frachtflugzeuges in Leipzig schreckt Sicherheitsexperten und die Politik gleichermassen auf. Die Umstände des Vorfalls deuten darauf hin, dass es sich bei dem mutmasslichen Anschlagsversuch um eine von Russland gesteuerte Aktion handelte. Die drängendste Frage lautet nun: Wie lässt sich der Flugverkehr in Deutschland künftig besser schützen?
Dabei ist die Gefahr keineswegs neu. Zwischenfälle mit Drohnen an grossen Flughäfen in Europa gab es in den vergangenen Jahren zuhauf. Schon im Dezember 2018 musste der Flughafen London Gatwick wegen der Sichtung von Drohnen über der Startbahn den Flugbetrieb einstellen. Im Herbst vergangenen Jahres wirbelten Drohnensichtungen vor allem in Nordeuropa tagelang den Flugverkehr durcheinander. Und der Flughafen Leipzig/Halle selbst wird nicht zum ersten Mal zum Ziel einer mutmasslich russischen Aktion.
So entzündete sich im Juli 2024 im DHL-Frachtzentrum am Flughafen ein Päckchen mit einem versteckten Brandsatz. Das Feuer griff auf andere Pakete und einen Frachtcontainer über. Wäre die Frachtmaschine damals pünktlich gestartet, hätte sich der Brandsatz wohl während des Fluges entzündet – und womöglich eine Katastrophe ausgelöst. Sicherheitsbehörden stuften den Vorfall als Sabotageakt ein, auch damals fiel der Verdacht auf russische Dienste.
Warum war Leipzig trotzdem nicht besser auf einen derartigen Vorfall vorbereitet? Schliesslich steht Deutschland schon seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 im Fadenkreuz Russlands, immer wieder kommt es zu hybriden Angriffen. Ganz offenkundig reichen die bisher ergriffenen Schutzmassnahmen nicht aus. Dabei hat der Gesetzgeber schon auf die Vorfälle der vergangenen Jahre reagiert.
Drohne in Leipzig blieb wohl buchstäblich unter dem Radar
Seit Dezember 2025 existiert das Gemeinsame Drohnenabwehrzentrum (GDAZ), das bei der Bundespolizeidirektion 11 in Berlin angesiedelt ist. Das GDAZ ist rund um die Uhr besetzt und soll im Fall von Drohnensichtungen in der Nähe kritischer Infrastruktur die Einsätze von Bundespolizei, Bundeskriminalamt, der zuständigen Landespolizei und der Bundeswehr koordinieren. So kann die Bundeswehr im Zuge der Amtshilfe unter anderem Radare und Sensortechnik zur Verfügung stellen, um eine Drohne aufzuspüren. Wenn ein schwerer Unglücksfall droht, kann die Bundeswehr ein Flugobjekt auch mit Waffen abschiessen.
Doch der jüngste Vorfall in Leipzig ist nicht das Resultat schlechter Zusammenarbeit oder von Kompetenzchaos – die Drohne war schlicht nicht bemerkt worden. Erst ein Flughafen-Busfahrer entdeckte das am Boden lauernde Objekt bei einer abendlichen Tour über das Gelände und sicherte es schliesslich mit seinem Körper. Mit den üblichen Radaranlagen an Flughäfen lassen sich solche sehr kleinen Objekte aber kaum aufspüren, wie Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bestätigte.
Darüber zerbrechen sich Militärs in aller Welt die Köpfe
Doch selbst wenn eine angreifende Kamikaze-Drohne dieser Grösse erkannt wird, muss sie immer noch bekämpft werden. Über dieses Problem zerbrechen sich zurzeit Militärs in aller Welt die Köpfe. Die Waffensysteme haben im Ukraine-Krieg ihre grosse Wirksamkeit demonstriert, sodass sie auch in anderen Teilen der Welt vermehrt eingesetzt werden.
Im Nahen Osten beispielsweise gelingen der Hisbollah immer wieder Schläge mit Kamikaze-Drohnen gegen die israelische Armee. Auch bei einem tagelangen Rebellenangriff auf Regierungstruppen in Mali nutzten die Angreifer Drohnen, um einen Armeestützpunkt unter Feuer zu nehmen. Der grosse Vorteil der Kamikaze-Drohnen besteht darin, dass sie günstig und in grossen Stückzahlen herzustellen sind.
Im Ukraine-Krieg nutzen beide Konfliktparteien grosse Drohnenarsenale. Eine Taktik besteht beispielsweise darin, bewaffnete Drohnen an Strassen in Lauerstellung zu bringen. Sobald feindliche Fahrzeuge in Sichtweite kommen, lassen die Piloten ihre fliegenden Bomben aufsteigen und jagen damit ihre Gegner. Es ist eine Taktik, die stark an den Vorfall in Leipzig erinnert: Auch dort scheint die Drohne am Boden gelauert zu haben.
Abgewehrt werden die Drohnen im Ukraine-Krieg häufig mit anderen Kamikaze-Drohnen. Die Ukrainer experimentieren auch mit Drohnen, die mit Schrotflinten oder Fangnetzen ausgestattet sind, um gegnerische Drohnen vom Himmel zu holen.
Drohnenabwehr bleibt ein Problem
Im zivilen deutschen Luftverkehr werden sich diese rabiaten Abwehrmassnahmen aber kaum anwenden lassen. Doch auch in diesem Bereich gibt es eine Vielzahl technischer Entwicklungen: von elektronischen Störsendern über Fangnetze bis hin zu Mikrowellen-Kanonen. Die eine Abwehrmassnahme für alle Fälle gibt es aber nicht: So lassen sich beispielsweise mit Störsendern nur Drohnen bekämpfen, die aktiv von einem Piloten gesteuert werden, nicht aber autonom fliegende Drohnen, die einer programmierten Route folgen. Hinzu kommt, dass sich Drohnen so schnell weiterentwickeln, dass ein Abfangsystem schnell technisch überholt ist.
Dabei zeichnet sich die nächste Bedrohung für die Luftfahrt schon ab, wie der Terrorexperte Peter R. Neumann zu bedenken gibt. «Netzkanonen oder Abschussversuche helfen vielleicht gegen einzelne Drohnen», schreibt Neumann zu dem Vorfall in Leipzig auf X. «Aber gegen mehrere Drohnen gleichzeitig oder gar Schwärme stossen solche Systeme schnell an ihre Grenzen.» Neumanns Fazit: «Der Drohnenkrieg hat Deutschland erreicht. Und er legt eine Schwachstelle offen, die wir seit Jahren kennen.»
Klar scheint nach dem Vorfall in Leipzig also nur, dass sich Politik und Technik schneller an die neuartige Bedrohung anpassen müssen. In diesem Fall scheint es sich um einen gezielten Anschlag auf ein kriegswichtiges ukrainisches Transportflugzeug zu handeln. Kleine Kamikaze-Drohnen stehen aber auch anderen Akteuren zur Verfügung, beispielsweise Terroristen. Sollte es einer Terrorzelle gelingen, eine fliegende Bombe in ein voll besetztes Passagierflugzeug zu steuern, wäre eine Katastrophe mit Hunderten Todesopfern wohl nicht zu verhindern.

