Darum sind die Angriffe in Mali ein herber Rückschlag für Russland
Das ist passiert
Am Samstagmorgen kam es in Mali zu einer Offensive mit zahlreichen Angriffen auf verschiedene Städte und Militärbasen. Dahinter stecken Dschihadisten und Tuareg-Rebellen. Die Offensive verfolgt das Ziel, den Norden zu isolieren.
Bei einem kontrollierten Angriff auf die Regierung ist der malische Verteidigungsminister, Sadio Camara, ums Leben gekommen. Camara war eines der fünf Mitglieder der Militärregierung und galt als Nummer zwei innerhalb der Junta.
Doch auch russische Söldner, das sogenannte Afrika-Korps, gerieten ins Visier der Angreifer. Die Russen reagierten zunächst mit Luftangriffen aus Kampfhubschraubern, um die malische Regierung zu unterstützen.
Die Tuareg-Rebellengruppe FLA erklärte daraufhin, sie habe die Stadt Kidal im Nordosten des Landes eingenommen. Kidal ist ein strategischer Knotenpunkt in der Sahara. Die Region ist schwer zugänglich und dient oft als Rückzugsort für bewaffnete Gruppen. Daher ist die Kontrolle über Kidal entscheidend, um den Einfluss von Al-Qaida-nahen Gruppen und anderen bewaffneten Akteuren im Sahel zu bekämpfen.
Afrika-Korps zieht sich aus Kidal zurück
Den Russen wurde geraten, sich aus der Stadt zurückzuziehen, um nicht Ziel weiterer Angriffe zu werden. Die FLA forderte Russland auf, «als internationaler Akteur Verantwortung zu übernehmen und sein Engagement auf Seiten der Militärjunta von Bamako (Anm. d. Red.: Hauptstadt von Mali) zu überdenken».
Die Mitglieder des Afrika-Korps sind der Aufforderung nachgekommen und haben sich aus Kidal zurückgezogen.
In den vergangenen 14 Jahren wurde das Land von Aufständen, dschihadistischen Bedrohungen, dem Einmarsch und dem späteren Abzug französischer Truppen sowie mehreren Militärputschen erschüttert. Die aktuellen Angriffe stellen nun eine massive Eskalation des Konflikts in Mali dar, sagt Jean-Hervé Jezequel von der International Crisis Group der New York Times. Die bewaffneten Gruppen hätten damit eine «neue Phase» eingeläutet.
Kein Regierungsmitglied ist seit Beginn der Angriffe öffentlich in Erscheinung getreten. Wo sich Malis Juntachef und Präsident General Assimi Goita aufhält, ist unklar.
Diese Kriegsparteien sind involviert
Auf der einen Seite steht die Dschihadisten-Allianz JNIM, die radikalislamistische Gruppe zur Verteidigung des Islams und der Muslime. Sie ist verbündet mit der Tuareg-Rebellenallianz FLA, der Front zur Befreiung von Awazad.
Die Allianz ist nicht neu, obwohl die Gruppen unterschiedliche Ziele verfolgen. Während JNIM einen islamistischen Staat errichten will, kämpfen die Tuareg vor allem für einen unabhängigen Staat Azawad im Norden Malis. Ihre Kooperation gilt daher als taktisches Bündnis gegen einen gemeinsamen Gegner: die Militärregierung in Bamako.
Im Norden Malis gibt es seit längerem immer wieder Aufstände der Tuareg-Gruppe. Und auch der Druck von dschihadistischen Gruppen auf Bamako nahm in letzter Zeit zu.
Auf der anderen Seite kämpft die malische Militärregierung gemeinsam mit dem russischen Afrika-Korps. Die Militärregierung unter Assimi Goita hatte nach den Putschen von 2020 und 2021 die Macht übernommen. Sie versprach, die Sicherheit wiederherzustellen – tut sich damit jedoch schwer. Die Junta lehnt eine Zusammenarbeit mit westlichen Städten grösstenteils ab und zählt stattdessen auf Russland.
Darum sind die Angriffe ein Rückschlag für Russland
Mali hat – genauso wie die Nachbarstaaten Niger und Burkina Faso – die Beziehungen zur ehemaligen Kolonialmacht Frankreich und weiteren westlichen Ländern abgebrochen. Stattdessen hat sich das Land Russland angenähert.
Kidal – die Stadt, die nun eingenommen wurde – ist laut Torsten Heinrich ein Symbol des Erfolgs des Afrika-Korps. Der Militärhistoriker erklärt in einem Video, dass der Verlust der Stadt damit auch ein herber moralischer Rückschlag für die russischen Streitkräfte sowie für die Militärjunta sei.
Der Rückzug aus Kidal bedeute nun, dass die Russen glaubten, sich im Norden nicht mehr halten zu können, sagt Heinrich. Und das, obwohl «keineswegs nur ein kleiner Trupp vor Ort war». Russland sei aktuell aufgrund des Ukraine-Krieges kaum in der Lage, Verstärkung zu schicken.
Die jüngsten Angriffe zeigen erneut, wie fragil die Lage in Mali ist – trotz der Unterstützung durch Russland. Für Moskau steht mehr auf dem Spiel als nur militärischer Einfluss: Rückschläge in Mali können Russlands Glaubwürdigkeit als Sicherheitsakteur beschädigen.
Sollte es der Militärregierung nicht gelingen, den Norden zurückzuerobern, könnte das nicht nur die Position der Junta schwächen, sondern auch Russlands Strategie im Sahel infrage stellen. Für Mali selbst wächst damit die Gefahr, dass sich der Konflikt weiter ausdehnt und eine dauerhafte Stabilisierung in noch weitere Ferne rückt.
