So würde sich die Blockade der Strasse von Bab el-Mandeb auswirken
Die Waffenruhe am Golf ist tot. Mit iranischen Angriffen auf Frachtschiffe in der Strasse von Hormus, darauffolgenden US-Luftangriffen auf iranische Ziele und iranischen Vergeltungsschlägen gegen US-Stützpunkte in Bahrain und Katar sind die Kampfhandlungen wieder aufgeflammt.
Brennpunkt des Konflikts ist die strategisch wichtige Strasse von Hormus, durch die ein Grossteil der Öl- und Gasexporte der Golfstaaten geht. Für das Regime in Teheran bietet diese Meerenge die willkommene Möglichkeit, durch eine Blockade die weltweite Energieversorgung zu beeinträchtigen und damit die Weltwirtschaft in Geiselhaft zu nehmen und so Druck auf die militärisch weit überlegenen USA auszuüben.
Ein weiteres Nadelöhr: Bab el-Mandeb
Nicht genug damit: Über die mit dem Iran verbündete islamistisch-schiitische Huthi-Miliz im Jemen könnte Teheran einen weiteren Flaschenhals der weltweiten Energieversorgung blockieren. Es handelt sich um die Meerenge von Bab el-Mandeb (deutsch «Tor der Tränen»), die das Rote Meer mit dem Golf von Aden und damit mit dem Arabischen Meer und dem Indischen Ozean verbindet.
Alle Schifffahrtslinien von Europa zu diesem Weltmeer verlaufen durch diese rund 27 Kilometer breite Meeresstrasse zwischen dem Jemen im Osten und Dschibuti sowie Eritrea im Westen – mit Ausnahme von Tankern, die zu gross für die Durchfahrt durch den Suezkanal sind. Dieser bildet für die Schifffahrt am nördlichen Ende des Roten Meeres ein weiteres Nadelöhr, das strategisch mit jenem am Bab el-Mandeb zusammenhängt. Durch letzteren Engpass verlaufen rund 12 Prozent des gesamten Welthandels und rund 30 Prozent des weltweiten Containerverkehrs.
Vorbereitungen für Sperrung abgeschlossen
Tatsächlich soll die Führung in Teheran die Huthis dazu aufgefordert haben, sich auf eine Sperrung der Meeresstrasse vorzubereiten. Der Iran betrachtet die Huthis als Teil seiner regionalen Achse des Widerstands, eines Bündnisses, zu dem auch die libanesische Hisbollah, die palästinensische Hamas und schiitische bewaffnete Gruppen im Irak gehören. Die Blockade von Bab el-Mandeb soll erfolgen, falls die US-Streitkräfte die iranische Energie-Infrastruktur angreifen sollten. Laut ranghohen iranischen Quellen, die anonym mit der Nachrichtenagentur Reuters sprachen, ist der Plan innerhalb der Führung der Islamischen Republik erörtert und danach den Huthis übermittelt worden.
Gemäss einem Insider aus dem Umfeld der Terrormiliz haben die Huthis ihre Vorbereitungen für Angriffe auf die Schifffahrt abgeschlossen. Sie hätten Raketen und Drohnen in der Nähe der Meerenge im jemenitischen Hochland mit Blick auf die Hafenstadt Hodeidah und den Golf von Aden stationiert und warteten nun auf weitere Befehle. Die Miliz arbeite überdies mit der somalischen Miliz al-Schabab zusammen, um beide Seiten der Meeresstrasse zu kontrollieren. Die Entscheidung, ob und wann die Meerenge gesperrt werde, liege jedoch bei Vertretern der iranischen Revolutionsgarde, die sich im Jemen aufhielten.
Ein Sprecher der Huthi-Miliz drohte am vergangenen Dienstag, eine Blockade werde den «Ölpreis auf 200 Dollar ansteigen» lassen. Bereits im März – nach Ausbruch des Irankriegs – hatte der stellvertretende Informationsminister der Huthi, Mohammed Mansour, erklärt, zu den Optionen der Huthis gehöre auch die Sperrung der Meerenge von Bab el-Mandeb. Die Terrormiliz hatte den Handelsverkehr im Roten Meer schon von November 2023 bis Januar 2025 als Reaktion auf den Gaza-Krieg lahmgelegt und damit die Weltwirtschaft erschüttert. Zahlreiche Reedereien mussten damals ihre Schiffe über das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas umleiten – ein deutlich längerer und teurerer Seeweg. Der Schiffsverkehr durch die Meerenge brach ein und hat sich seitdem nie wieder vollständig erholt.
Massive Auswirkungen auf die globale Energieversorgung
Für die Huthis wäre es ein Leichtes, die Schifffahrt durch die Meeresstrasse zu blockieren. «Die Huthis müssen lediglich auf ein paar vorbeifahrende Handelsschiffe feuern. Das würde dazu führen, dass der gesamte Handelsschiffsverkehr im Roten Meer zum Erliegen kommt», sagte der US-Diplomat Nabil Khoury in einem Interview mit dem libanesischen Fernsehsender Al Jadeed. Da die Strasse von Hormus faktisch bereits gesperrt ist, würde dies bedeuten, dass die beiden wichtigsten Ölexportrouten des Nahen Ostens gleichzeitig unterbrochen wären. Die Auswirkung dieser neuen Front auf die Energieversorgung würde den Druck auf die USA massiv erhöhen.
Bereits der weitgehende Ausfall der Strasse von Hormus hat laut Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) täglich rund 20 Millionen Barrel Rohöl und Raffinerieprodukte vom Markt abgeschnitten – rund ein Fünftel des weltweiten Verbrauchs. Die sinkende Nachfrage in Asien, die gesteigerte Fördermenge ausserhalb der Golfregion und der Abbau von Lagerbeständen dämpften bisher die negativen Auswirkungen dieser massiven Verknappung. Zudem versuchten die Förderländer am Golf, so viel Öl wie möglich über Ausweichrouten zu exportieren. So transportierte Saudi-Arabien Öl über eine Pipeline an den Rotmeerhafen Yanbu. Mit 7,2 Millionen Barrel pro Tag verdoppelten sich daher die Öl-Exporte durch das Tor der Tränen im April nahezu im Vergleich zum Februar, also vor dem Krieg.
Eine Sperrung der Strasse von Bab el-Mandeb würde auch diese letzte verlässliche Ausfuhrroute für Öl aus Saudi-Arabien weitgehend lahmlegen. Damit würden die Energielieferungen aus der Golfregion nahezu komplett ausfallen. Die Folge wäre eine weitere Verknappung der globalen Ölversorgung, ein verschärfter Wettstreit um verbleibende Liefermengen zwischen Europa und Asien und damit steigende Ölpreise. Dies dürfte sich auch in den USA, dem derzeit mit Abstand grössten Ölförderland, auswirken und so den innenpolitischen Druck auf Präsident Donald Trump erhöhen. (dhr)
