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People protest in solidarity with Polish women after a top court ruled to further tighten the strict Polish abortion law, in Bern, Switzerland, on Saturday, November 7, 2020. (Anthony Anex/Keystone via AP)

In Polen wurde Ende Oktober das Abtreibungsgesetz so verschärft, dass es einem faktischen Verbot gleichkommt. Seither protestieren Frauen im ganzen Land. Bild: keystone

Weshalb Frauen auf hoher See abtreiben

Eine niederländische Organisation verhilft Frauen zu einer Abtreibung, weil diese in ihren Ländern verboten ist. Im Interview erzählt die Menschenrechtsanwältin Leticia Zenevich von ihrer Arbeit bei Women on Waves.



Seit Ende Oktober erlebt Polen die grössten Proteste gegen die Regierung seit über dreissig Jahren. Der Auslöser ist der Entscheid des Verfassungsgerichts, das den Abtreibungskompromiss von 1993 kippte. Per Gesetz waren Abtreibungen in Polen zwar verboten, doch unter drei spezifischen Ausnahmen durften sie trotzdem durchgeführt werden. Nach einer Vergewaltigung, bei Gefahr für das Leben der Mutter und bei schweren Missbildungen des Embryos. Diese letzte Ausnahmeregelung hat nun das Gericht mithilfe von regierungsnahen Richtern und der katholischen Kirche für verfassungswidrig erklärt.

Die Wut der Demonstrierenden reisst seither nicht ab. Ein Schwangerschaftsabbruch bei schwerer, unheilbarer Schädigung am Fötus galt als Hauptgrund für eine Abtreibung. Das Gerichtsurteil kommt demnach einem Totalverbot sehr nahe – und ist für Frauenrechtlerinnen ein herber Rückschlag.
Umso mehr, da der Rollback in Polen einher geht mit ähnlichen Entwicklungen in anderen Ländern: In den USA wurde am 27. Oktober mit Amy Coney Barrett eine Abtreibungsgegnerin als Bundesrichterin vereidigt. Es wird befürchtet, die Richterin könnte in den kommenden Jahren wichtige Abtreibungsgesetze kippen. Im Bundesstaat Iowa existiert seit Juli 2019 ein faktisches Abtreibungsverbot.

Gegen solche Entwicklungen kämpft seit Jahren eine niederländische Organisation, deren Ziel es ist, Frauen zu einer sicheren Abtreibung zu verhelfen. Und zwar an Bord eines Schiffs oder per Postversand. Wie das genau geht und warum sie das tut, erklärt Leticia Zenevich. Sie ist Anwältin für Menschenrechte und arbeitet seit sechs Jahren für Women on Waves und Women on Web. Sie lebt in Brasilien.

Frau Zenevich, Sie verhelfen Frauen, die in Ländern mit Abtreibungsverbot leben, zu einem Schwangerschaftsabbruch – auf dem Schiff. Wie muss man sich das vorstellen?
Eigentlich ist es ganz einfach. Mit unserem Schiff von Women on Waves fahren wir vor die Küste von diesen Ländern und holen die Frauen an Board, die abtreiben wollen. Dann fahren wir 12 Seemeilen raus aufs Meer, bis wir uns auf internationalem Gewässer befinden. Dort gelten nicht mehr die Gesetze des jeweiligen Landes, sondern jene des Schiffs. Da unser Boot unter niederländischer Flagge fährt, ist die Abtreibung auf hoher See legal.

Wie laufen diese Abtreibungen ab?
Sehr unspektakulär. Wir händigen den Frauen eine Abtreibungspille aus. Diese schlucken sie, und fertig. Operative Schwangerschaftsabbrüche machen wir nicht. Das wäre zu schwierig. Wir helfen Frauen, welche die zwölfte Schwangerschaftswoche noch nicht überschritten haben.

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Rebecca Gomperts, die Gründerin von Women on Waves (im hellblauen Hemd) bei einer Mission in Mexiko, 2017. bild: women on waves

Women on Waves & Women on Web

1999 gründete Rebecca Gomperts, eine Ärztin aus Amsterdam, die non-profit-Organisation Women on Waves, zu deutsch Frauen auf Wellen und später, im Jahr 2005, Women on Web, Frauen im Netz. Beide Organisationen verhelfen Frauen, die in Ländern mit Abtreibungsverboten leben, zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen. 2014 erschien der Dokumentarfilm Vessel, der Einblick gibt in die Organisation von Women on Waves.

Sie fahren mit den Frauen also 12 Meilen aufs offene Meer, nur damit sie dort eine Pille schlucken können?
Women on Waves ist ja vor allem eine symbolische Kampagne, die genau diese Absurdität aufzeigen soll: Die Frauen müssen ihr Land verlassen und schwanger auf ein Boot steigen, um eine Pille schlucken zu dürfen. Die Strategie dahinter ist, dass wir einen Tabubruch wollen. Wenn wir mit unserem Abtreibungsschiff an einer Küste auffahren, dann sorgt das für einen riesen Medienrummel. Tagelang wird darüber berichtet.

Vermutlich nicht unbedingt positiv?
Alle unsere Kampagnen werden immer auch von Protesten begleitet. In Spanien und Marokko gab es grosse Demonstrationen. In Mexiko kam nur eine Hand voll. In Portugal haben sie ein Militärschiff geschickt, um uns zu blockieren. Gleichzeitig gab es immer auch überwältigende Unterstützung. Von Leuten, die uns schrieben, aber auch solche, die uns vor Ort unterstützen.

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Leticia Zenevich ist Menschenrechtsanwältin und arbeitet für Women on Waves und Women on Web. bild: Carine Wallauer

Diese Frauen kommen also zu Ihnen auf das Boot. Ist das nicht auch gefährlich?
Eine Abtreibung mit der Pille ist sehr sicher und unkompliziert, vergleichbar mit einer Fehlgeburt, bei der die wenigsten Frauen eine medizinische Betreuung benötigen. Nichtsdestotrotz haben wir immer auch Ärztinnen an Bord. Aber natürlich wäre es noch sicherer, wenn die Abtreibung legal wäre und die Frau nicht kriminalisiert wird, wenn sie die Schwangerschaft beenden möchte.

Was, wenn eine Frau auf das Boot kommt und dabei erkannt wird?
Das ist bisher noch nie passiert. Wir haben gute Sicherheitskonzepte, wie wir die Frauen schützen können.

Nebst Women on Waves gibt es auch noch Women on Web. Frauen rund um den Globus können bei Ihnen Abtreibungspillen bestellen, die Sie ihnen dann per Post nach Hause schicken. Reicht eine E-Mail und die Pillen werden verschickt?
Natürlich nicht. Auf unserer Homepage müssen die Frauen ein Konsultationsformular ausfüllen. Unsere Ärztinnen und Ärzte schauen sich das genau an, bevor die Pillen per Paket verschifft werden.

«Aus Studien wissen wir, dass Frauen, die abtreiben wollen, auch abtreiben, wenn es nicht erlaubt ist.»

Und das geht dann ganz einfach über die Post?
In den meisten Ländern ist es Personen erlaubt, Medikamente für den persönlichen Gebrauch per Post zu empfangen. Die Medikamente zur Abtreibung mit der Pille stehen auf der Liste der essentiellen Medikamente der Weltgesundheitsorganisation. Sie sind kein Narkotikum oder etwa Schmuggelware. Das Problem ist also nicht das Vorhandensein der Medikamente, sondern der Zugang zu ihnen, sprich die Politik.

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Women on Waves an der Küste von Mexiko. bild: women on waves

Wie vielen Frauen hat Women on Web zu einer Abtreibung verholfen?
Über 100'000 in den letzten 15 Jahren.

Was sind es für Frauen, die über Women on Web Hilfe suchen?
In unseren demografischen Studien, die wir immer wieder durchführen, stellen wir immer wieder fest: Es sind nicht spezifische Gruppen von Frauen, die sich an uns wenden sondern vielmehr ganz viele verschiedene. Alter, Hintergrund, Bildung, Herkunft, Religionszugehörigkeit – das alles spielt keine Rolle.

Was sind die häufigsten Gründe für eine Abtreibung?
Für viele kommt die Schwangerschaft zu einem schlechten Zeitpunkt. Sie wollen ihre Ausbildung fertig machen oder haben bereits mehrere Kinder und wollen nicht noch mehr. Viele wenden sich an uns, weil sie für ihr Kind schlichtweg finanziell nicht aufkommen könnten. ​Und ebenso häufig beraten wir Frauen, die nach einer Vergewaltigung schwanger wurden.

Auch in anderen Ländern gibt es Tendenzen, Abtreibungsgesetze enger zu fassen. Frauenrechtlerinnen befürchten einen Backlash.
Da bin ich nicht unbedingt gleicher Meinung. Es stimmt zwar dass in Ländern mit tiefgreifenden demokratischen Krisen, wie in Ungarn, Brasilien, Polen, USA die Abtreibungsgesetze immer zuvorderst auf der Abschusslinie stehen. Doch weltweit gesehen gibt es auch gute Entwicklungen. In vielen asiatischen, afrikanischen und sogar in einigen lateinamerikanischen Ländern gibt es einen klaren Trend hin zu liberaleren Gesetzen.

Was würden diese Frauen tun, wenn sie die Schwangerschaft nicht mit der Hilfe von Women on Web abbrechen könnten?
Aus Studien wissen wir, dass Frauen die abtreiben wollen, auch abtreiben, wenn es nicht erlaubt ist. Es gibt viele, ganz furchtbare Wege, wie das gemacht werden kann. Mit Giften oder scharfen Gegenständen die in die Vagina eingeführt werden. Solche Methoden sind sehr gefährlich und damit sich eine Frau so gefährdet, muss sie schon sehr verzweifelt sein. Um einige Zahlen zu nennen: Weltweit werden jedes Jahr 56 Millionen Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen, davon 25,5 Millionen unter unsicheren Bedingungen. 37'000 Frauen sterben jedes Jahr an den Folgen einer unsicheren Abtreibung. Und Hunderttausende tragen bleibende Schäden davon.

In Polen wurden vor kurzem das Abtreibungsgesetz verschärft. Welche Konsequenzen hat das für die Polinnen?
Ob es ihnen erlaubt ist oder nicht: Polinnen werden nach wie vor Abtreibungen vornehmen. Nur werden sie dafür nach Deutschland oder in die Niederlande reisen müssen. Oder sie werden gesundheitsgefährdende Methoden einsetzen, die lebensgefährdend sind. Und sie werden sich strafbar machen, wenn sie es tun.

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Women on Web hat auch schon mal per Drohne Abtreibungspillen verschickt. Hier in Irland, 2016. bild: women on waves

Zum Beispiel?
In Lateinamerika war es bis vor Kurzem undenkbar, dass Abtreibungen legalisiert werden. Jetzt haben wir Mexiko City, Uruguay und Chile, die unter bestimmten Voraussetzungen einen Schwangerschaftsabbruch erlauben. In Marokko und Ruanda gibt es Tendenzen in eine ähnliche Richtung. Irland hat das Abtreibungsverbot abgeschafft.

«Diese sehr persönliche Vorstellung über den Beginn des Lebens darf nicht als Entschuldigung gebraucht werden, um einer Frau Gewalt anzutun.»

In den USA stehen wichtige Verhandlungen zu diversen Abtreibungsgesetzen an. Mit der neuen Bundesrichterin Amy Coney Barrett wird befürchtet, dass sie diese kippen könnte. Sie bleiben optimistisch?
Ich bin davon überzeugt, dass die Frauen in den USA nicht zulassen werden, dass sie zurückgeworfen werden an einen Punkt, an dem sie für eine Abtreibung ihren Tod in Kauf nehmen müssen.

Was antworten Sie einem Abtreibungsgegner, der sagt, dass jedes Wesen ein Recht hat zu Leben?
Dass ich seine Meinung respektiere. Wissen Sie, in einer demokratischen Gesellschaft können solche Ideen existieren. Das ist ok. Aber diese sehr persönliche Vorstellung über den Beginn des Lebens darf nicht als Entschuldigung gebraucht werden, um einer Frau Gewalt anzutun. Frauen müssen selber entscheiden dürfen, was für sie und ihren Körper das beste ist.

Video: watson/lea bloch

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