Schon über 1000 Hitzetote in Frankreich – das soll erst der Anfang sein
Er muss seine Frau sehr geliebt haben. Ein gut 90-jähriger Mann schlug letzte Woche die Warnung seines Sohnes in den Wind und besuchte in der Bruthitze von nahezu 40 Grad den Friedhof von Pierre-en-Bresse (Burgund). Seine Leiche wurde später bei dem besonnten Grab seiner verstorbenen Frau gefunden.
Der Witwer ist einer von vielen, die in Frankreich während und wegen der einwöchigen «canicule» (Hitzewelle) das Zeitliche gesegnet haben. Die Gesundheitsbehörde Santé publique France veröffentliche am Sonntag eine erste Bilanz der extremen Hitze – rund tausend Todesfälle.
In welchen Fällen es sich um «Hitzeopfer» handelt, ist gerade bei älteren Leuten oft schwer zu sagen, da zur Hitze verschiedene Faktoren kommen. Santé publique France eruiert die Zahl nach dem Prinzip der «Übersterblichkeit»: Von den sprunghaft angestiegenen Gesamtsterbezahlen werden die Tageswerte abgezogen. Das Resultat ist nicht absolut präzis, ermöglicht aber über die Jahre ein relativ genaues Bild von den Hitzeopfern.
Die Tausend Toten sind zwar weniger als die 15'000 Hitzetoten des Sommers 2003, die in Frankreich bis heute in traumatischer Erinnerung geblieben sind. Sie stellen aber, wie Santé publique France selber festhält, erst eine «provisorische» und vermutlich noch «unterschätzte» Bilanz dar. Von den Todesfällen bei sich zuhause, also ausserhalb von Spitälern oder Altersheimen, gibt es erst bruchstückhafte Angaben. Das gilt auch für die Dachzimmerwohnungen in Paris, wo 2003 sehr viele alte Alleinstehende unbeachtet gestorben waren.
Eisbäder der Feuerwehr
Optimisten sagen, das Bewusstsein für isolierte Senioren habe seither zugenommen. Auch hatte die Hitzewelle von 2003 anfangs August zugeschlagen, als die meisten Nachbarn in den Ferien weilen. Jetzt mussten sich die alten Menschen in ihren Wohngebäuden vielleicht weniger verlassen vorkommen. Die Notfall-Feuerwehr setzt zudem in Paris seit den Olympischen Spielen von 2024 ein effizientes Kühlsystem mit Eisbädern ein, das sich bewährt hat.
Bestattungsunternehmen berichten allerdings, dass die Leichenhallen in Paris «ausgebucht» sind. Das gilt als schlechtes Zeichen. Der Gerant einer dieser Kühlräume, Zouhaier Hertelli, erklärte gegenüber der Zeitung «La Parisien», er habe allein am Wochenende 150 Anfragen von Bestattungsfirmen abweisen müssen; fast alle hätten ältere Hitzeopfer betroffen.
2003 hatten die Behörden sogar Kühlhallen des Pariser Frischmarktes Rungis für die vorübergehende Lagerung von Hitzetoten öffnen müssen. So weit ist es jetzt noch nicht. Eine genaue Bilanz der Hitzetodesfälle wird aber frühestens in einer oder zwei Wochen möglich sein.
Die Regierung hatte ihren Klimafonds eingespart
Die Zahl von tausend Hitzetoten ist hoch genug, um eine wüste politische Debatte zu entfachen. Grünenchefin Marine Tondelier wirft der Regierung Versagen vor: Sie habe die Hitzewelle nicht antizipiert; schlimmer noch, habe sie den für die Klimaeindämmung vorgesehenen «fonds vert» (grüne Kasse) von 2,5 Milliarden Euro in diesem Jahr auf 837 Millionen zusammengestrichen. «Die Regierung trägt eine schwere Verantwortung», kritisierte auch die Linken-Abgeordnete Aurélie Trouvé. «Viele Tote hätten sich vermeiden lassen.»
Die gemässigte und die nationale Rechte wirft den Grünen hingegen vor, sie kämpfe gegen Klimaanlagen sogar in Spitälern. Das habe ideologische Gründe, da der Strom für die Kühlung in Frankreich aus Atomkraftwerken stamme.
Premierminister Sébastien Lecornu hat nun in aller Hast 30'000 Klimaanlagen für öffentliche Spitäler bestellt, wie der Fernsehsender BFM berichtet. Am Montag berief der Vertraute von Präsident Emmanuel Macron eine weitere Krisensitzung ein, um der nächsten Hitzewelle für einmal zuvorzukommen. Sie könnte, wie französische Meteorologen befürchten, schon nächste Woche über Frankreich hereinbrechen, um sich dann wie in den letzten Tagen Richtung Osten weiterzubewegen. (schweizheute.ch)

