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Das Beluga-Drama in der Seine – und was ein arktischer Wal im französischen Fluss macht

Ein Beluga hat sich in die Seine verirrt, wo er in einer Schleuse stecken blieb. Was macht ein arktischer Wal in einem französischen Fluss? watson hat bei der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd nachgefragt.
12.08.2022, 18:5812.08.2022, 19:18

Ein Beluga hatte sich letzte Woche in den Fluss Seine verirrt – wo ihm ohne menschliche Hilfe der Tod drohte. Aktivisten, Tierärzte, Feuerwehrleute und Behörden haben sich darum zusammengeschlossen, um das Tier zu retten. Doch der Wal ist den Helfern am Mittwochnachmittag unter den Händen weggestorben.

Doch warum verirren sich Meeressäuger überhaupt in einen Fluss? Franziska Paukert von der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd Switzerland gibt Auskunft.

Die Geschichte einer Rettungsaktion

3. August – der Beluga in der Seine

Es ist schon wieder passiert: Ein Meeressäuger ist in einer Schleuse des französischen Flusses Seine steckengeblieben – rund 70 Kilometer von Paris entfernt. Die Aktivisten von Sea Shepherd France twittern:

Nachdem sich im Juni ein Orca in der Seine verirrt hat, trifft es nun einen Belugawal. Lasst uns alles in unserer Macht Stehende unternehmen, dass sich das tragische Ende des Orcas nicht wiederholt.

Danach versuchen die Meeresschutzaktivisten zusammen mit Helfern, Tierärzten und den französischen Behörden über eine Woche lange, den Beluga zu retten. Sie berichteten regelmässig, wie es dem Beluga geht – Fazit: sehr schlecht, aber nicht todgeweiht.

Der verirrte Beluga am 6. August 2022.
Der verirrte Beluga am 6. August 2022.Bild: keystone

3. August bis 10. August frühmorgens – die Rettung

Beim Beluga handele es sich um ein männliches Tier, das «sehr dünn» sei. Man habe dem Wal darum Fische angeboten, die er aber nicht annehme. Dass die Helfer den Beluga mit Fischen füttern, passt nicht allen. Auf Twitter kritisiert Muriel Fusi, Co-Präsidentin der Tierschutzorganisation Parti Animaliste:

Und was ist mit all den Fischen, die man dem Wal zuwirft? Hat deren Leben keinen Wert? Warum versucht man ein Meerestier zu retten, indem man ihm Dutzende andere opfert?

Doch trotz des vereinzelten Widerstands behandeln Tierärzte den Wal mit Antibiotika und verabreichen ihm «Appetitanreger», doch der Wal verschmähte den Fisch weiterhin.

Am Mittwochmorgen gegen 4 Uhr gelingt es, den Beluga aus der Schleuse zu hieven, wie die Präfektur in Évreux mitteilt. 80 Menschen sind an dieser sechsstündigen Rettungsaktion beteiligt. Es ist eine logistische Meisterleistung, für die der Weisswal nicht betäubt werden kann. Denn bei Walen und Delfinen ist die Atmung eine bewusste Handlung und geschieht nicht automatisch. Darum schläft bei Walen immer nur eine Gehirnhälfte, die andere bleibt aktiv und erinnert das Tier immer wieder daran, aufzutauchen und Luft zu holen.

10. August nachmittags – der Tod

Tierärzte stellen bei der anschliessenden Untersuchung fest, dass der Beluga «keine Verdauungsaktivität mehr hat», was erkläre, warum der Wal über Tage nicht fressen wollte, wie Sea Shepherd France schreibt. Die nächste Priorität sei es darum, die Verdauung wieder anzuregen, damit man den Meeressäuger in seine angestammten Gewässer bringen könne.

Für die «therapeutischen Massnahmen» wird der Beluga in einem Kühllaster und bedeckt mit nassen Tüchern in ein Meerwasserbecken in Ouistreham in der Normandie gebracht. Doch die Atmung des Wales verschlechtert sich zusehends, wie die stellvertretende Präfektin Isabelle Dorliat-Pouzet am Morgen dem Sender BFMTV sagt. Darum entscheiden die involvierten Tierärzte, den Wal einzuschläfern, wie auf Twitter mitgeteilt wird.

Das sind die Bilder der Rettungsaktion

Die Überführung des Belugas von der Seine in das Meereswasserbecken wurde minuziös vorbereitet. Schwere Gerätschaften waren dazu notwendig, denn männliche Belugas können ein Gewicht von bis zu 1,6 Tonnen erreichen. Einige der Geräte werden vom Meeres-Themenpark Marinland in Antibes zur Verfügung gestellt:

Mit Seilen, Stahlketten und Netzen soll der Beluga gehoben werden. Taucher der Feuerwehr platzieren diese im Wasser:

Taucher der Feuerwehr bereiten sich auf ihren Einsatz vor.
Taucher der Feuerwehr bereiten sich auf ihren Einsatz vor.Bild: Screenshot Twitter @Sea Shepherd France

Die Spannung und das Interesse der Öffentlichkeit steigen. Die Präsidentin von Sea Shepherd France, Lamya Essemlali, wird am Montag sogar bei RTL France eingeladen, um über die Rettungsaktion zu sprechen.

Lamya Essemlali spricht vor den Medien.
Lamya Essemlali spricht vor den Medien.Bild: Screenshot Twitter @Sea Shepherd France

Am Mittwochmorgen gegen 4 Uhr gelingt es endlich, den Beluga aus der Seine zu holen – er ist zu dieser Zeit bereits seit mehreren Tagen im Flusswasser unterwegs.

Der Beluga wird von Helfern und Tierärzten betreut.
Der Beluga wird von Helfern und Tierärzten betreut.Bild: Screenshot Twitter @Sea Shepherd France

War da nicht kürzlich etwas mit einem Orca?

Es ist nicht das erste Mal, dass sich ein grosser Meeressäuger in den französischen Fluss Seine verirrt hat: Erst im Mai verhungerte ein Orca nach wochenlanger Odyssee in der Seine. Und im Juli wurde mutmasslich ein Finnwal in der Flussmündung bei Le Havre gesichtet.

Warum verirren sich Meeressäuger in die Seine?

Die Frage bleibt: Weshalb schwamm der Beluga, der eigentlich in arktischen und subarktischen Gewässern beheimatet ist, in die Seine?

Grundsätzlich gebe es viele Faktoren, die Meeressäugern das Leben im Ozean sehr erschwerten, sagt Franziska Paukert von der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd Schweiz. Allerdings sei vor allem die sehr hohe Lärmbelastung unter Wasser ein Problem:

Wale sind sehr auf ihre akustischen Sinne angewiesen! Der Schiffs- und Industrielärm ist enorm. An vielen Orten ist der Lärm vergleichbar mit einer sehr lauten Disco – in Küstennähe noch verstärkt.

Zudem führten auch veränderte Umweltbedingungen zu neuem Verhalten, wie Paukert weiter ausführt. So machten die Konsequenzen des Klimawandels und die Verschmutzung der Gewässer den Walen zu schaffen. Denn dadurch können sich unter anderem die Temperaturen und der Säuregehalt verändern, was sich auch auf das Nahrungsangebot der Wale auswirkt.

Klimawandel und Verschmutzung der Meere machen den Walen zu schaffen.
Klimawandel und Verschmutzung der Meere machen den Walen zu schaffen.Bild: AP/NOAA Pacific Islands Fisheries Science Center

Die veränderten Bedingungen führen dazu, dass immer mehr Tiere nach alternativen Lebensräumen suchen und in neue Gebiete vordringen. Und gerade im Fall des verirrten Belugas in der Seine könne man nicht ausschliessen, dass das Tier verschreckt oder auf der Flucht war – das wisse man aber noch nicht genau.

Der Beluga in der Seine war laut Angaben der Tierärzte extrem geschwächt, was laut Paukert viele Faktoren haben könne:

Schiffsverkehr ist für Wale extrem gefährlich, vor allem auf so engem Raum. Dazu kommen Panik und Angstzustände, wenn sich die Tiere nicht mehr zurechtfinden, denn Flüsse sind ganz andere Landschaften als Meere und Küstengebiete. Dann hatte der Beluga keine Ruhemöglichkeit und Nahrungsentzug. All das zehrt die Energie auf.

Um zu verhindern, dass sich noch mehr Meeressäuger in Flüssen wie der Seine verirren, sei es darum elementar, ein Verbot der illegalen Fischerei durchzusetzen, damit die Ozeane gesunden könnten, sowie aktiv gegen den Klimawandel und die Verschmutzung vorzugehen, sagt Paukert. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass jährlich über 300'000 Wale und Delfine weltweit als Beifang zugrunde gingen – es wäre also auch an der Zeit, dass die EU den Beifang kontrolliere und reguliere.

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Russland soll Wale als Waffe benutzen

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quelle: ap/norwegian direcorate of fisheries sea surveillance unit / joergen ree wiig
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14 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Pflichtfeld ☝
12.08.2022 19:31registriert April 2018
Finde es toll, dass man versucht hat, dieses Tier zu retten. Andernorts werden jedoch unzählige Wale und Delphine einfach so abgemetzelt. Es wäre darum noch wichtiger, dort mal einen Riegel zu schieben.
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banda69
12.08.2022 19:30registriert Januar 2020
"So machten die Konsequenzen des Klimawandels und die Verschmutzung der Gewässer den Walen zu schaffen."

Von det Wissenschaft seit Jahren vorausgesagt. Und von den menschen- und umweltfeindlichen Profiteuren der SVP bekämpft. Es wird noch schlimmer kommen. Für uns alle.

Und ja.
Wer SVP wählt, wählt Klimakatastrophe.
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Ribosom
12.08.2022 19:53registriert März 2019
Illegale Fischerei ist deshalb illegal, weil sie schon verboten ist. Anstatt nur zu verbieten wäre bestrafen mal eine gute Alternative. Ausserdem müssen die "legalen" Abschlachtungen von Meerestieren endlich aufhören. Ebenfalls müssen die Menschen auf der ganzen Welt auch mal weniger Fisch essen. Es hat einfach nicht genug! Wir können Gemüse essen, ein Wal kann das nicht. Also lasst den Tieren ihre Nahrung!
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