Darum treffen die Mullahs die «unverwundbaren» US-Stützpunkte am Golf
Amerikanische Militärstützpunkte im Nahen Osten galten wegen ihrer starken Flugabwehr lange als unverwundbar. Doch jetzt können iranische Raketen und Drohnen diesen Schutzschild immer häufiger überwinden. Jüngstes Beispiel ist der Angriff auf einen Stützpunkt in Jordanien am Freitag, bei dem drei US-Soldaten starben.
Technische Fortschritte, Fehleinschätzungen auf US-Seite und mögliche Unterstützung von China und Russland machen die iranischen Raketen für die US-Truppen im Nahen Osten gefährlicher.
Amerika ist in der Auseinandersetzung mit dem Iran militärisch weit überlegen. Die USA haben hunderte moderne Kampfflugzeuge sowie Flugzeugträger, Zerstörer und moderne Abwehrsysteme in der Region stationiert. Die US-Streitmacht soll nach Medienberichten jetzt noch einmal durch zusätzliche Flugzeuge verstärkt werden.
Aber die Übermacht ist nur eine Seite der Medaille. Trotz des Zwölf-Tage-Krieges gegen Israel im vergangenen Jahr und dem mehr als einmonatigen Konflikt in diesem Frühjahr habe der Iran noch tausende Raketen und Drohnen in seinen Arsenalen, sagte James Adams, Chef des US-Militärgeheimdienstes DIA, nach Beginn der Feuerpause im April.
Auch konnten die Iraner viele Abschussrampen vor den amerikanisch-israelischen Luftangriffen in Sicherheit bringen und die Produktion neuer Waffen während der Feuerpause wieder hochfahren.
Besonders gefährlich sind die ballistischen Raketen mit einer Reichweite von bis zu 2000 Kilometern. Sie unterstehen der Revolutionsgarde, der Elitetruppe des Regimes, und können nach Weiterentwicklungen der vergangenen Jahre beim Anflug auf das Ziel gesteuert werden, um Abfangsystemen zu entgehen.
Selbst moderne Systeme werden überwunden
Seitdem die US-Streitkräfte vor zehn Tagen mit neuen Angriffen gegen iranische Militäranlagen an der Strasse von Hormus und auf zivile Einrichtungen begannen, beschiesst die Revolutionsgarde ebenso regelmässig Ziele in Bahrain, Katar, Kuwait und Jordanien.
Die meisten iranischen Geschosse werden von den Abwehrsystemen der USA, der Golf-Staaten und Jordaniens abgefangen. Doch selbst das hochmoderne Anti-Raketen-System Thaad der Amerikaner konnte den Stützpunkt Muwaffak Salti nicht vollständig schützen.
Die Iraner seien heute häufiger als in der Vergangenheit in der Lage, die amerikanische Flugabwehr zu überwinden, sagten ungenannte US-Regierungsvertreter der «New York Times». Experten bestätigen diese Einschätzung. Die Zielgenauigkeit iranischer Raketen verbessere sich ständig, schrieb Hamidreza Azizi von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik auf X.
Wurde Trump von seiner Regierung getäuscht?
Das US-Militär wurde davon offenbar überrascht. Einige Experten wie Trita Parsi von der US-Denkfabrik Quincy Institute werfen Mitgliedern der US-Regierung vor, die iranischen Fähigkeiten absichtlich kleingeredet zu haben, um Präsident Donald Trump davon zu überzeugen, dass der Krieg gegen den Iran leicht zu gewinnen sein werde.
In den knapp 40 Tagen zwischen dem Kriegsbeginn am 28. Februar und der Feuerpause am 7. April griffen Amerikaner und Israelis nach eigenen Angaben rund 17'000 Ziele im Iran an, darunter Depots für Raketen und Drohnen, Waffenfabriken und Abschussrampen. Trump sagte mehrmals, der Iran habe «fast nichts mehr übrig».
Brad Cooper, Befehlshaber des für den Nahen Osten zuständigen US-Zentralkommandos, sagte im Mai, mehr als 85 Prozent der industriellen Basis für die Herstellung von Raketen und Drohnen im Iran seien zerstört oder beschädigt. Trotzdem können die Iraner in der aktuellen Runde der Auseinandersetzungen täglich Raketen auf ihre Gegner schiessen.
China und Russland helfen dem Iran möglicherweise dabei. Die US-Regierung erliess im Mai Sanktionen gegen chinesische Firmen, die den Iran im Krieg mit Satellitenbildern unterstützt haben sollen. US-Generalstabschef Dan Caine sagte, auch Russland habe zugunsten Teherans in den Konflikt eingegriffen. Moskau lieferte dem Iran laut US-Medienberichten moderne Drohnen-Technologie und genaue Daten über die Position von US-Kriegsschiffen und Kampfflugzeugen. (schweizheute.ch)
