«Nächster Flug Richtung Moskau»: Kiew droht Putin mit neuer Rakete
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs hat die Ukraine ihre eigene Rüstungsindustrie massiv ausgebaut. Drohnen, Marschflugkörper und Artillerie entstehen inzwischen zunehmend im eigenen Land. Nun arbeitet das ukrainische Unternehmen Fire Point an einer Waffe, die eine neue Stufe markieren könnte: einer ballistischen Rakete mit einer Reichweite von rund 855 Kilometern.
Nach Angaben des Unternehmens befindet sich die Entwicklung der FP-9 kurz vor einem entscheidenden Meilenstein. Lediglich das Feststofftriebwerk müsse noch erfolgreich getestet werden. Anschliessend könnten erste Flugversuche beginnen.
«Alles ist bereit für die FP-9, die Moskau erreichen kann – bis auf den Antrieb», sagte Fire-Point-Mitgründer und Chefkonstrukteur Denys Shtilerman in einem Interview mit dem ukrainischen YouTube-Kanal Pressing. Nach einem erfolgreichen Testflug solle «der nächste Flug Richtung Moskau» erfolgen. Ob es tatsächlich dazu kommt, ist derzeit offen. Bislang hat die Rakete nach öffentlich bekannten Informationen noch keinen vollständigen Testflug absolviert.
Was ist die FP-9?
Die FP-9 ist eine ballistische Kurzstreckenrakete, die nach Angaben von Fire Point einen rund 800 Kilogramm schweren Gefechtskopf über eine Entfernung von 855 Kilometern transportieren soll. Die Rakete soll Geschwindigkeiten von mehr als Mach 7 (ca. 2200 Meter pro Sekunde) erreichen und ihr Ziel mit einer Genauigkeit von etwa 20 Metern treffen. Mit einer Länge von 9,5 Metern wäre sie grösser als die russische Iskander-M.
Vor allem Geschwindigkeit und Flugprofil unterscheiden die FP-9 von den Drohnen und Marschflugkörpern, die die Ukraine bislang überwiegend für Angriffe tief im russischen Hinterland einsetzt.
Warum sind ballistische Raketen so besonders?
Während Drohnen vergleichsweise langsam fliegen und Marschflugkörper in geringer Höhe dem Gelände folgen, steigen ballistische Raketen nach dem Start zunächst in grosse Höhen auf. Anschliessend stürzen sie mit sehr hoher Geschwindigkeit auf ihr Ziel zu.
Dadurch verkürzt sich die Reaktionszeit der Luftverteidigung erheblich. Nach Angaben von Fire Point könnte die FP-9 ihr Ziel in weniger als drei Minuten erreichen.
Gerade gegen stark geschützte Ziele sieht das Unternehmen darin einen entscheidenden Vorteil. Kein Marschflugkörper im derzeitigen ukrainischen Arsenal könne eine derart grosse Entfernung mit einem schweren Gefechtskopf überwinden und gleichzeitig die mehrschichtige Luftverteidigung rund um Moskau durchdringen, argumentiert Fire Point. Unabhängig bestätigt ist diese Einschätzung nicht.
Kann die FP-9 tatsächlich Moskau erreichen?
Rein rechnerisch erscheint das möglich. Die von Fire Point angegebene Reichweite von 855 Kilometern würde ausreichen, um Moskau von Teilen der ukrainischen Grenze aus zu erreichen. Auch St.Petersburg liege innerhalb der Reichweite, sagte Shtilerman.
Ob die Rakete diese Leistungsdaten tatsächlich erreicht, muss sich allerdings erst noch zeigen. Bislang wurden weder erfolgreiche Flugtests noch unabhängige technische Nachweise veröffentlicht.
Hinzu kommt, dass die tatsächliche Einsatzreichweite unter Kriegsbedingungen von zahlreichen Faktoren abhängt – etwa vom Abschussort, der Flugbahn oder der Nutzlast.
Warum muss Russland die Entwicklung ernst nehmen?
Sollte die FP-9 die angekündigten Leistungsdaten erreichen, würde sie der Ukraine erstmals eine eigene ballistische Langstreckenfähigkeit verschaffen. Dadurch wäre es möglich, Ziele tief im russischen Hinterland schneller als bisher anzugreifen.
Dazu könnten militärische Hauptquartiere, Logistikzentren, Munitions-, Öllager oder Einrichtungen der Rüstungsindustrie gehören. Auch die politische Signalwirkung wäre erheblich: Erstmals könnte eine vollständig in der Ukraine entwickelte ballistische Rakete die russische Hauptstadt erreichen.
Gerade die hohe Geschwindigkeit würde die Vorwarnzeit verkürzen. Das unterscheidet ballistische Raketen von Marschflugkörpern und Drohnen, deren Anflug häufig deutlich länger dauert.
Ist Moskau schutzlos?
Nein. Russland verfügt über eines der weltweit dichtesten Systeme zur Raketenabwehr. Satellitenbilder deuten zudem darauf hin, dass Russland die Luftverteidigung rund um Moskau zuletzt weiter ausgebaut hat. Wie erfolgreich diese Systeme gegen moderne ballistische Raketen tatsächlich sind, ist unklar.
Ein junges Unternehmen mit grossen Ambitionen
Fire Point wurde erst 2022 gegründet und hat sich nach eigenen Angaben innerhalb weniger Jahre von einem kleinen Start-up zu einem Unternehmen mit rund 6000 Beschäftigten entwickelt.
Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs produziert das Unternehmen inzwischen mehr als die Hälfte der ukrainischen Langstreckendrohnen. Neben der FP-9 entwickelt Fire Point den Marschflugkörper FP-5 Flamingo sowie mit Freyja ein eigenes Raketenabwehrsystem, das als kostengünstigere Alternative zum US-System Patriot gedacht ist.
Auch deutsche Unternehmen sind inzwischen beteiligt: Diehl und Hensoldt haben Kooperationen mit Fire Point vereinbart.

