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Putins Bombenterror erreicht eine neue Stufe

Kiewer Metro weist Menschen ab: Putins Bombenterror erreicht eine neue Stufe

Gegen die russischen Raketen fehlen der Ukraine die Abwehrmittel. Metro-Stationen weisen Schutzsuchende ab. Der Erfahrungsbericht unseres Ukraine-Korrespondenten nach einem Horror-Monat.
31.07.2026, 18:4831.07.2026, 18:48
Denis Trubetskoy, Kiew / ch media

In den vergangenen 4,5 Jahren hat Kiew mit seinen rund drei Millionen Einwohnern gefühlt alles erlebt. Die ukrainische Hauptstadt erinnert sich noch gut daran, wie die Menschen im vergangenen Winter bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad tagelang ohne Strom und Heizung auskommen mussten.

epa11040621 Local resident Tetiana (40) inspects her ruined flat at the site of a drone attack on a residential building in Kyiv (Kiev), Ukraine, 22 December 2023, amid the Russian invasion. At least  ...
Jeden Tag müssen die Einwohnerinnen und Einwohner von Kiew neue Zerstörungen miterleben.Bild: keystone

Einen härteren Winter hat die Stadt in ihrer modernen Geschichte noch nicht erlebt. Der vergangene Juli hat nun leider bestätigt, was viele Kiewer bereits befürchtet hatten: Auf den bislang schwersten Kriegswinter folgte der bisher schwerste Kriegssommer.

Obwohl Kiew bereits so viel ertragen musste, war gerade in der Nacht auf Donnerstag spürbar, dass sich die Stimmung in der Hauptstadt noch einmal deutlich veränderte. Schon am frühen Nachmittag gab es klare Anzeichen dafür, dass in der Nacht ein weiterer russischer Massenangriff folgen könnte.

Viele Menschen überlegten sich deshalb, vorsorglich Schutz in der U-Bahn zu suchen, ohne den Luftalarm abzuwarten. Angesichts der Besonderheiten der aktuellen Angriffswelle auf Kiew, die seit der zweiten Maihälfte andauert, ist diese Überlegung durchaus nachvollziehbar.

Der Luftalarm erfolgt oft zu spät

Denn bei den laufenden Angriffen auf die Hauptstadt setzt Russland verstärkt ballistische Raketen ein, die Kiew innerhalb weniger Minuten erreichen. Hinzu kommt, dass die russischen Streitkräfte immer häufiger zu Boden-Boden-Raketen umgebaute Flugabwehrraketen des Typs S-400 einsetzen. Diese sind zwar äusserst ungenau, ihr Start ist jedoch schwer zu erkennen.

Bei zwei der insgesamt elf Angriffe allein im Juli waren deshalb die ersten Einschläge bereits zu hören, bevor überhaupt Luftalarm ausgelöst wurde. Während die U-Bahn um 22.30 Uhr ihre Türen schliesst und die nächtliche Ausgangssperre um Mitternacht beginnt, verbringen manche Kiewer inzwischen fast jede Nacht in der Metro. Denn gerade bei Angriffen mit ballistischen Raketen weiss niemand, wann diese tatsächlich einschlagen werden. Plötzliche Explosionen um ein oder zwei Uhr morgens sind mittlerweile eher Teil des Alltags als eine Ausnahme.

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Inzwischen verbringen viele Kiewer jede Nacht in einer Metrostation; insgesamt mehr als 56'000 Menschen.Bild: getty

Genau diese Verunsicherung versucht Russland im Rahmen seiner psychologischen Kriegsführung so weit wie möglich auszunutzen. Im Grossen und Ganzen gelingt das zwar nach wie vor nicht. Doch selbst die Suche nach einem halbwegs sicheren Schutzplatz wird zunehmend zum Problem, weil in der U-Bahn schlicht der Platz fehlt. In der Nacht auf Samstag haben mehr als 56'000 Menschen in der Metro übernachtet – einer von vielen «Rekorden», die in den vergangenen Wochen aufgestellt wurden.

Dabei handelt es sich allerdings bereits um die realistische Maximalkapazität der U-Bahn. Zumal es auf dem gesamten östlichen Ufer der Stadt ohnehin kaum Stationen gibt, die unterirdisch liegen. Seit Längerem wird deshalb intensiv darüber diskutiert, ob in den als Schutzräume dienenden Bahnhöfen leere Züge bereitgestellt werden könnten, um zusätzliche Menschen unterzubringen.

Die Umsetzung dieser Idee ist allerdings technisch schwierig. Die Kiewer Metro ist vergleichsweise klein und besteht lediglich aus drei Linien. Würde der Betrieb während der Nacht vollständig eingestellt, wären viele notwendige technische Arbeiten nur noch eingeschränkt möglich.

Metro-Stationen müssen Schutzsuchende abweisen

In der Stadt wird deshalb derzeit heftig darüber diskutiert, dass manche U-Bahnhöfe am späten Mittwochabend Schutzsuchende abweisen mussten, weil sie bereits überfüllt waren. Gleichzeitig steht Bürgermeister Vitali Klitschko massiv in der Kritik, weil die Situation bei den übrigen Schutzräumen auch 4,5 Jahre nach Beginn der russischen Invasion alles andere als zufriedenstellend ist.

Für viele Kiewer ist das unverständlich. Zwar ist es mitten im Krieg und unter ständigem Beschuss schwierig, Verbesserungen umzusetzen. Weil die Grundinfrastruktur der Stadt in der Sowjetzeit jedoch selbst mit Blick auf die Möglichkeit eines Atomkriegs gebaut wurde, geht es in der Praxis oft lediglich darum, bereits bestehende Anlagen instand zu setzen.

Das Defizit an Patriot-Flugabwehrraketen, die praktisch als einzige russische ballistische Raketen abfangen können, hat jedenfalls dazu beigetragen, dass der Juli zum bislang tödlichsten Monat für Kiew in diesem Krieg geworden ist. Trotz des Einsatzes von mehr als 250 Raketen, darunter über 140 ballistische, im geschätzten Gesamtwert von mindestens 350 Millionen Euro kamen rund 60 Zivilisten ums Leben.

Zudem wurden in sämtlichen Stadtteilen Wohngebäude beschädigt. Das Fehlen ausreichender Patriot-Systeme erweist sich damit tatsächlich als gravierendes Problem. Bei drei Angriffen im Juli konnte keine einzige russische ballistische Rakete abgeschossen werden.

Eine allgemeine Untergangsstimmung herrscht in Kiew deswegen zwar nicht. Mit grosser Sorge blickt die Stadt jedoch bereits auf den kommenden Winter, in dem neue Angriffe auf die Energieinfrastruktur erwartet werden. Schon für die kommende Woche warnt die ukrainische Regierung vor erneuten Stromausfällen, da die Temperaturen wieder deutlich steigen und damit auch der Stromverbrauch zunimmt. (schweizheute.ch)

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