In Russland wächst die Angst vor Putins nächster Mobilisierungswelle
In Russland wächst die Sorge, dass Wladimir Putin wegen des Mangels an Soldaten an der Front bereits im Herbst eine neue Mobilisierungswelle ausrufen könnte. Die Zahl der Freiwilligen, die bereit sind, einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium zu unterschreiben – und damit praktisch ihr eigenes Todesurteil –, wird immer kleiner. Dem Kreml bleiben deshalb zunehmend nur noch Zwangsmassnahmen.
In diesem Sommer kam es in mehreren russischen Regionen zu Vorfällen, die in der Bevölkerung Besorgnis auslösten: Streifenpolizisten halten gemeinsam mit unbekannten Männern in Sturmhauben ein Auto an. Der Fahrer wird zunächst auf Verstösse gegen die Strassenverkehrsordnung kontrolliert, anschliessend festgenommen und in einen Transporter gebracht. Dort erhält er eine Vorladung zur Militärkommandantur und die Mitteilung, dass er in den Krieg gegen die Ukraine ziehen müsse.
Solche Fälle sind zwar nicht massenhaft überliefert, wurden aber sowohl in Zentralrussland als auch im Fernen Osten registriert. Viele Russen führen dies darauf zurück, dass Putin unter akutem Soldatenmangel leidet und sich darauf vorbereitet, bereits im Herbst eine neue Mobilisierungswelle auszurufen.
Männer werden vor den Augen ihrer Frauen abgeführt
Männer werden vor den Augen ihrer Frauen festgenommen und in Lieferwagen gesperrt. In der Stadt Pensa führte dies dazu, dass Frauen einen Kleinbus umzingelten und mit Mitarbeitern der Militärkommandantur aneinandergerieten. Der Vorfall wurde auf Video festgehalten.
«Unsere Männer werden einfach dreist geklaut. Man gibt ihnen nicht einmal fünf Minuten Zeit, um sich zu verabschieden», empörte sich eine Einwohnerin von Pensa. Seither versuchen viele Männer in der Stadt, das Haus nur noch aus triftigem Grund zu verlassen, um nicht von Mitarbeitern der Militärkommandantur verschleppt zu werden.
Die Vertreter des Verteidigungsministeriums führen mit den Festgenommenen keineswegs harmlose Gespräche. Mitunter werden die Betroffenen mit Gewalt gezwungen, einen Vertrag zu unterschreiben. Davon berichtet unter anderem die Pensaer Einwohnerin Arina: «Mein Mann konnte sich nach der Entführung erst wieder bei mir melden, als er bereits an der Grenze zur Ukraine war. Er sagte, dass sie ihn geschlagen hätten. Sehr brutal. Direkt in der Militärkommandantur. Wir haben kein Geld für einen Anwalt. Und wir sehen auch, dass Anwälte nicht helfen.»
Auch Jaroslaw Kubow wurde nach Angaben seiner Angehörigen in Wladiwostok von Militärangehörigen verschleppt. Seine Verwandten reichten Beschwerden bei der Militärstaatsanwaltschaft ein und forderten die Einleitung eines Strafverfahrens wegen Freiheitsberaubung gegen Mitarbeiter der Militärkommandantur – bislang ohne Erfolg.
Weitere Soldaten aus Nordkorea erwartet
Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski vermutete in einem Interview mit Sky News, dass eine neue Mobilisierungswelle nach den Wahlen zum russischen Parlament stattfinden werde, die für den 21. September angesetzt sind. Zu derselben Einschätzung gelangen auch die von CH Media befragten Experten. Selenski zufolge plant Putin, bereits Anfang Oktober zwischen 300'000 und 500'000 Menschen zu rekrutieren.
«Er will die Mobilisierung verstärken. Nicht offen, weil er Angst vor seiner eigenen Gesellschaft hat. Aber er wird dies Anfang Oktober tun, wenn es uns nicht gelingt, ihm bei Logistik, Waffen, Benzin und Diesel Probleme zu bereiten und wenn unsere Partner keine umfassenden Sanktionen wegen seiner Aggression verhängen», sagte Selenski.
Von Selenski stammt auch die Aussage, dass Russland sich darauf vorbereite, weitere 30'000 Soldaten aus Nordkorea zu empfangen und danach an die Front zu schicken. Zur erwarteten Militärhilfe aus Nordkorea würden auch Raketenabschussgeräte für ballistische Raketen gehören.
Wie Putin eine Mobilmachung durchführen könnte – zwei Szenarien
Die «Teilmobilmachung», die Putin im September 2022 ausgerufen hatte, sei für den Kreml eher eine negative Erfahrung gewesen, die man kaum wiederholen wolle, sagt Aleksej Tabalow, Direktor der Menschenrechtsorganisation «Schule des Wehrpflichtigen», im Gespräch mit CH Media. Damals habe sie zu grosser gesellschaftlicher Panik und einer Massenauswanderung nach Kasachstan und Georgien geführt.
«Dass Putin weitere Soldaten rekrutieren will, steht ausser Frage. Er will den Krieg fortsetzen, die neu eroberten Gebiete halten und gleichzeitig auf die zunehmenden ukrainischen Drohnenangriffe reagieren. Das Problem ist, dass es immer weniger Menschen gibt, die bereit sind, einen Vertrag zu unterschreiben», sagt Tabalow und fährt fort: «Zudem dürfte der Kreml die eigene Bevölkerung kaum nochmals schockieren wollen. Deshalb sehe ich zwei Möglichkeiten, wie Putin in diesem Herbst mobilisieren könnte. Die erste Variante – nach dem Vorbild von Pensa – wäre ein Vorgehen anhand vorbereiteter Listen: Mitarbeiter der Militärkommandanturen patrouillieren die Strassen, besuchen Betriebe und holen von dort Menschen an die Front.»
Tabalow vermutet zudem, dass der Kreml plötzlich verkünden könnte, die sogenannten Helden des Krieges, verwundet und erschöpft, kehrten nach Hause zurück und benötigten einen würdigen Ersatz durch Freiwillige. Tatsächlich wären dies jedoch keine Freiwilligen, sondern zwangsrekrutierte Menschen.
Dank der Digitalisierung des Wehrverwaltungssystems dürfte es für die Militärkommandanturen inzwischen kein Problem mehr sein, solche angeblichen Freiwilligen ausfindig zu machen. Nach Angaben Tabalows sind sie mittlerweile die grössten staatlichen Sammler personenbezogener Daten über Männer. Gespeichert sind unter anderem Informationen zu Arbeitsstellen, Krankheiten, Vorstrafen sowie die Adressen von Angehörigen. (schweizheute.ch)
