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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan während eines Ministertreffens in Ankara.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan während eines Ministertreffens in Ankara.
Bild: keystone

Die Schattenarmee von Präsident Erdogan

Nach neuen Enthüllungen wird in der Türkei über die Sicherheitsfirma Sadat diskutiert. Sie bildet Söldner aus, die für Präsident Erdogan im Ausland kämpfen. Ihre Mission: eine «islamische Supermacht».
04.06.2021, 21:1805.06.2021, 17:58
Patrick Diekmann / t-online
Ein Artikel von
t-online

Adnan Tanrıverdi ist in der Türkei ein einflussreicher Mann, der in der Politik gerne im Hintergrund Strippen zieht. Nach über 30 Jahren beim Militär wurde er 1996 als Brigadegeneral in den Ruhestand versetzt. Im Jahr 2012 gründete er das private Militär- und Sicherheitsunternehmen Sadat Defense (Sadat A.Ş).

Offiziell ist Sadat eine Beratungsfirma, inoffiziell eine Söldnermiliz, die von der türkischen Regierung vor allem für verdeckte Operationen beauftragt wird. In der Türkei gilt Sadat als Schattenarmee des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Ihre Existenz bestreitet im Land niemand, trotzdem sprechen Militärs nur hinter vorgehaltener Hand darüber.

Adnan Tanrıverdi: Der ehemalige General und Chef von Sadat ist ein bekennender Islamist.
Adnan Tanrıverdi: Der ehemalige General und Chef von Sadat ist ein bekennender Islamist.
Quelle: Twitter / @Asli48140475

Ähnlich wie der russische Präsident Wladimir Putin – Gruppe Wagner – hat Erdogan eine private Miliz aufbauen lassen, der Einsätze in Syrien, Libyen, aber auch in der Türkei nachgesagt werden. Der entscheidende Unterschied zu Russland: Tanrıverdi nennt sich selbst einen Islamisten, seine Ansichten scheinen nach dem Ausscheiden aus der Armee immer radikaler zu werden. Auch viele Mitglieder von Sadat sollen radikale nationalistisch-islamistische Ansichten vertreten, berichten Insider. Die Privatarmee gibt sich selbst einen eindeutig religiösen Auftrag: «Die islamische Welt dabei zu unterstützen, den verdienten Platz unter den Supermächten einzunehmen.»

Zu radikal für Erdogan?

Tanrıverdis Ansichten, die er auch öffentlich kommunizierte, wurden dann wohl auch Erdogan zu viel. Nachdem er nach dem Putschversuch 2016 den pensionierten General in seinen Beraterstab berufen hatte, musste dieser Anfang 2020 zurücktreten. Zuvor hatte es scharfe Kritik der Opposition an Tanrıverdi gegeben, auch der türkische Geheimdienst und die Armee wollten den Einfluss der Sicherheitsfirma begrenzen.

Das Verhältnis des türkischen Präsidenten zu Sadat gilt dagegen weiterhin als ambivalent. Einerseits geht er zwar öffentlich auf Distanz zu Tanrıverdi, andererseits nahm die Privatarmee offenbar eine zentrale Rolle bei zahlreichen Konflikten der jüngeren Vergangenheit ein.

Das Kabinett von Präsident Erdoğan: Im Kreis der führenden Politiker war auch Adnan Tanrıverdi (weiss umkreist).
Das Kabinett von Präsident Erdoğan: Im Kreis der führenden Politiker war auch Adnan Tanrıverdi (weiss umkreist).
Quelle: Twitter / @militerdoktrin

Zuletzt sprach der Mafiaboss Sedat Peker darüber, wie er mithilfe von Sadat im Syrien-Krieg die radikal-islamische al-Nusra-Front mit Waffen beliefert haben will. Diese Behauptung ist nicht neu, der im deutschen Exil lebende Journalist Can Dündar wurde, nachdem er darüber berichtet hatte, wegen Spionage zu einer Haft von 18 Jahren und neun Monaten verurteilt. Die Söldnertruppe soll auch in Libyen kämpfen und die international anerkannte Übergangsregierung von Fayiz as-Sarradsch bei der Ausbildung ihrer Truppen unterstützen.

Aber wie gefährlich ist Sadat Defence für das innere Machtgefüge der Türkei? Welchen Einfluss hat die Söldnertruppe auf internationale Konflikte? Berichte über ihre angebliche Struktur und Einsätze liefern Antworten.

«Schattenarmee» in der Türkei

Das Unternehmen wirft seit seiner Gründung viele Fragen auf. Offiziell gibt sich Sadat auf seiner Internetseite als Beratungsfirma, bietet Kurse im Umgang mit militärischem Gerät und in strategischer Kriegsführung an sowie die Ausbildung von Spezialkommandos, Schulung an Panzern, Artillerie an Land, am Boden und in der Luft. Ausserdem ist es ein in der Türkei eingetragener Verein.

Auf YouTube macht die Firma offiziell Werbung für ihre Dienste:

Doch diese Darstellung erschien von Anfang an relativ unglaubwürdig. Für derartige Schulungen wäre ein hoher Bedarf an Waffen, Munition und militärischem Gerät nötig. Die Firma hatte nach Angaben des türkischen Handelsregisters im Juli 2016 jedoch ein ausgewiesenes Kapital von nur 880'000 Türkischen Lira – das waren damals umgerechnet ungefähr 264'000 Euro. Hinzu kommt, dass das Unternehmen abstreitet, eine «organische Beziehung» zum türkischen Staat zu haben. Spätestens seitdem Tanrıverdi in den Beraterstab von Erdogan berufen wurde, ist diese Behauptung nicht mehr haltbar.

So beschreibt sich Sadat Defense selbst
«Sadat bietet Training an für Hinterhalte, Razzien, Strassenblockaden, Rettungs- und Entführungsoperationen und zusätzlich für die Verteidigung gegen solche Situationen, die in den Ländern, in denen operiert wird, vorkommen. Weiterhin organisiert Sadat die Operationen unkonventioneller Kriegsführung in diesen Ländern.»

«Westliche, kreuzfahrerimperialistische Staaten»

Sadat wurde nach eigenen Angaben von 23 mutigen Unternehmen, die «den Islam schätzen», in Kooperation mit aktiven und ehemaligen Offizieren der türkischen Armee gegründet. Ihre Vision: «Die Abhängigkeit der Türkei von westlichen, kreuzfahrerimperialistischen Staaten zu verhindern.» Es passt zu Erdogans politischer Ideologie einer islamischen und neoosmanischen Welt, mit einer Türkei, die ihren Führungsanspruch in der Region ausbaut.

«Es ist klar, dass Sadat Erdogans Agenda folgt und umsetzt – und das ohne die Zwänge, der eine Regierungsinstanz unterliegt», sagte Türkei-Experte Michael Rubin von der US-Denkfabrik American Enterprise Institute dem «Business Insider». «Es scheint, als sehe Erdogan Sadat in gleicher Weise, wie der Oberste Führer des Iran die Iranischen Revolutionsgarden sieht: als Streitkraft, um politische Loyalität zu Hause zu sichern und um terroristische Aktivitäten im Ausland durchzuführen.»

Dass Sadat das Ziel – die Ausdehnung des türkischen Einflusses – nur durch Ausbildung interessierter Kunden erreichen will, erscheint zweifelhaft. Weitere Zweifel wachsen bei einem Blick auf das Bewerberportal des Unternehmens. Gesucht werden Menschen mit arabischen Sprachkenntnissen. Bewerber können eine Präferenz für den Arbeitsort angeben: Istanbul, ausserhalb von Istanbul, Ausland. Im Jahr 2016 wurde ausserdem nach Personal gesucht, das Erfahrung mit russischen Panzern hat, wie das Onlinemagazin «Telepolis» berichtete

Verdeckte Operationen

Im Prinzip streitet die türkische Regierung nicht ab, dass es eine Sadat-Schattenarmee gibt. In Militärkreisen ist von einer Truppenstärke von bis zu 40'000 Söldnern die Rede. Darunter sind aber nicht ausschliesslich Islamisten, unter den Ex-Militärs sind auch Kemalisten, die eigentlich für eine Trennung von Religion und Staat sind.

Noch komplizierter wird es bei der Dokumentation der einzelnen Einsätze. Einzelheiten gibt es oft aus oppositionsnaher Presse in der Türkei, zusätzlich gibt es jedoch auch Berichte von Augenzeugen oder von Armeeangehörigen, die sich anonym äussern. 

Ein Überblick über die relevantesten Einsatzbereiche der Söldnertruppe:

Unterstützung protürkischer und islamistischer Gruppierungen

Es sind nicht nur Mafiaboss Peker oder türkische Journalisten, die Sadat mit Waffenhandel in Verbindung bringen, auch russische und israelische Medien berichten darüber. Demnach soll das Sicherheitsunternehmen die Hamas in Gaza unterstützen. Drohnen, Waffen und sonstiges militärisches Gerät sollen an die al-Nusra-Front und andere islamistische Gruppierungen in Nordsyrien geliefert worden sein. In Russland wurde berichtet, dass Sadat daran beteiligt war, die libysche Übergangsregierung auszurüsten. Auch Aserbaidschan wurde offenbar im Bergkarabach-Konflikt unterstützt.

Die Türkei unterstützt islamistische Rebellen im Norden Syriens.
Die Türkei unterstützt islamistische Rebellen im Norden Syriens.
Bild: EPA/EPA

Dass es die Waffenlieferungen für diese unterschiedlichen Gruppierungen gab, ist belegt, die genauen Verstrickungen der Firma Sadat allerdings nicht. Auffällig ist jedoch: Jedes dieser Beispiele passt zu den jeweiligen politischen Zielen von Erdogan. Der türkische Präsident intervenierte in Syrien gegen Assad, gehörte zu den grössten Unterstützern der libyschen Übergangsregierung und stellte sich im Nahostkonflikt auf die Seite der Palästinenser.

Waffenlieferungen nach Syrien oder Libyen stellen internationale Rechtsbrüche dar. Das Umgehen beispielsweise des libyschen Waffenembargos mithilfe von Sadat ist für die türkische Regierung also offenbar ein Weg, trotzdem im Verborgenen zu agieren, ohne dass Präsident Erdogan politisch haftbar gemacht werden kann.

Es gilt als bestätigt, dass das Unternehmen in folgenden Ländern tätig ist: Syrien, Libyen, Katar, Tunesien, Somalia, Äthiopien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo sowie Albanien.

Ausbildung von Milizen und Kampfeinsätze

Dort, wo es eng wird, scheint es jedoch nicht beim Waffenhandel zu bleiben. Zum Beispiel in Libyen sollen die Söldner auch an Kampfhandlungen beteiligt sein. Damit die Privatarmee weiter im Schatten der Öffentlichkeit agieren kann, muss sie türkischstämmige Opfer vermeiden, um in der heimischen Bevölkerung nicht für Unmut zu sorgen.

Deshalb soll Sadat schon nach ihrer Gründung 2012 damit begonnen haben, Ausbildungscamps in der Marmararegion und im Südosten der Türkei zu errichten. Dort wurden laut «Business Insider» zum Beispiel sunnitisch-arabische Kämpfer für den Krieg gegen den syrischen Machthaber Baschar al-Assad geschult.

In den Kurdengebieten im Osten und im Nordirak sollen die Söldner an den Kämpfen gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK beteiligt sein. Die kurdische Bevölkerung dort berichtet von Observationen, Folter, Verschleppungen und Hinrichtungen. Besonders in der kurdischen Presse wird das auch mit den Sadat-Söldnern in Verbindung gebracht. 

Die Rolle von Sadat beim Putschversuch 2016

Der Fokus der Privatarmee scheint in der Türkei aber auch teilweise auf der inneren Sicherheit zu liegen. Eine besondere Rolle spielte Sadat offenbar beim Putschversuch 2016, wie ein pensionierter, hochrangiger General, der anonym bleiben wollte, im Gespräch mit «Welt» verriet.  

Unter den Demonstranten beim Putschversuch 2016 sollen auch Sadat-Söldner gewesen sein (Symbolbild).
Unter den Demonstranten beim Putschversuch 2016 sollen auch Sadat-Söldner gewesen sein (Symbolbild).
Bild: EPA/EPA

Konkret geht es um die Nacht, in der Demonstranten nach einem Aufruf Erdogans auf die Strasse gingen, um sich gegen die putschenden Militärs zu stellen. «In der Menge waren auch Söldner der privaten Militärorganisation Sadat. Die Söldner sollten die Menschen anheizen, sie in die richtige Richtung treiben, um sich zum Beispiel mit nichts als einer Türkeiflagge vor Panzer zu stellen», erklärte der General. Türkische Sicherheitskreise dementieren das nicht. Zudem hätten die Soldner Namenslisten gehabt, um im Schatten des Chaos bestimmte Personen zu «neutralisieren».

Somit hätten Sadat-Mitglieder verdeckt auf beiden Seiten des Putsches gekämpft. Der General bestätigte «Welt», dass man dabei den Tod von Zivilisten in Kauf genommen habe. Nach dem gescheiterten Putschversuch hatte Erdogan Tanrıverdi in seinen Beraterstab befördert.

Wie mächtig ist Sadat in der Türkei?

In der Türkei hat Sadat aktuell jedoch einen schweren Stand, das Militär und der Geheimdienst wollen die Sicherheit des Landes nicht einer privaten Firma überlassen. Speziell die Armee versteht sich als stolzer Verteidiger des kemalistischen Erbes von Staatsgründer Atatürk. Keinesfalls möchte man Kompetenzen und Macht an eine paramilitärische Miliz abtreten, die von einem radikalen Islamisten geleitet wird. Sadat steht ausserdem in Konkurrenz zur einflussreichen türkischen Mafia, die die Unterweltgeschäfte nicht an das Unternehmen verlieren möchte. 

Die Führung des Sicherheitsunternehmens Sadat: Das türkische Militär und der Geheimdienst versuchen den Einfluss der Privatarmee zurückzudrängen.
Die Führung des Sicherheitsunternehmens Sadat: Das türkische Militär und der Geheimdienst versuchen den Einfluss der Privatarmee zurückzudrängen.
Quelle: Twitter / @KasmEROL1

Der Machtkampf in der Türkei verhindert also, dass Sadat an Macht gewinnt. Das bestätigt auch der türkische General. «Das Militär ist nicht erfreut über Sadat.» Aus Armeekreisen heisst es verächtlich, es brauche 48 Stunden, um die Gruppe zu neutralisieren. Der ehemalige Chef der militärischen Nachrichtenabteilung, Generalleutnant İsmail Hakkı Pekin, kritisierte, dass vor allem Tanrıverdi die Religion missbraucht habe und ein Feind Atatürks sei. Dies habe auch zu seiner Versetzung in den Ruhestand geführt.

Erdogans Zwickmühle

Die Kritik an Sadat kommt demnach nicht nur aus der Opposition, auch der türkische Präsident kann sich dem nicht entziehen. Der Rückzug von Tanrıverdi ist als Zeichen zu werten, dass sich Erdogan zumindest etwas distanziert. Er hält damit gleichzeitig zu Militärs und Mafia, die in der Türkei eher als Verbündete seiner AKP auftreten.

Es gibt aber noch weitere Gründe für die zunehmende Skepsis des türkischen Präsidenten. Einerseits soll Tanrıverdi Waffen und militärische Ausrüstung für Sadat abgezweigt und damit seine Kompetenzen überschritten haben, heisst es in Ankara. Zudem soll sein Misstrauen gegenüber der Privatarmee gewachsen sein. Aktuell steht sie hinter dem Präsidenten, aber da sie keinen staatlichen Institutionen und Kontrollen unterstellt ist, könnte sich Sadat schnell auf die Seite ihrer Gegner schlagen. Das scheint Erdogan mittlerweile auch als Gefahr zu sehen.

Obwohl Sadat kürzlich an Einfluss verloren hat, ist es jedoch noch zu früh für Entwarnung. Trotz seines Rücktritts bleibt Tanrıverdi an der Spitze der Privatarmee. Er führt weiter eine Firma, die sich dem Islamismus verschreibt und dafür radikale Gruppierungen ausbildet und unterstützt. So bleibt Sadat auch weiterhin eine Bedrohung für den Frieden in der Türkei und in der Region. Da die Söldner zunehmend in Konfliktgebieten im Mittelmeerraum präsent sind, könnte das auch zu Konflikten mit der Europäischen Union und der Nato führen. 

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