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Tesla ist keine Automarke mehr

Tesla Model 3, Model Y, Model S, Model X
Tesla hat fünf Modelle im Sortiment, vier davon sind in Europa erhältlich.Bild: Tesla
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Tesla ist keine Automarke mehr

2012 stellte das Tesla Model S die Autoindustrie auf den Kopf. Gut 13 Jahre später wird nun ein neues Kapitel aufgeschlagen: Das Model S und das Model X werden aus dem Programm genommen. Geplanter Suizid oder Zukunftsvision?
31.03.2026, 08:2031.03.2026, 08:20
Jerome Marchon
Jerome Marchon

Stell dir vor, Volkswagen würde das Ende des Golf ankündigen oder Porsche das Ende des 911 … Zwar hatte die Stuttgarter Marke dies Ende der 1970er Jahre tatsächlich in Erwägung gezogen, heute aber gälte dies als Sakrileg oder Ketzerei. Und doch ist es genau das, was Tesla gerade tut.

Die amerikanische Marke verabschiedet sich allmählich vom Model S. Ein Auto, das bei seiner Markteinführung im Jahr 2013 seinesgleichen suchte. Eine grosse Elektro-Limousine mit atemberaubender Beschleunigung, einem riesigen Bildschirm in der Mitte des Armaturenbretts und vor allem … einer Software, die sich im Laufe der Zeit weiterentwickeln konnte.

Tesla Model 3, Model Y, Model S, Model X
Das Model S, hier in seiner neuesten Version, verhalf Tesla zum Durchbruch.Bild: Tesla

Das Fahrzeug war so neu, dass man im Sommer jenes Jahres für die Pressetests in der Schweiz nach Genf und Zürich fahren musste – die einzigen beiden Orte im Land, an denen eine geeignete Ladestation für das Model S existierte.

Damals beobachtete die Branche das Ganze eher amüsiert … Ein Start-up aus dem Silicon Valley, das die traditionsreichen Giganten der Automobilindustrie ins Wanken bringen will? Ernsthaft? Noch 2017 behauptete Matthias Müller, der damals allmächtige Chef des Volkswagen-Konzerns, Tesla werde ein Nischenanbieter bleiben. Drei Jahre später war die kalifornische Marke an der Börse mehr wert als Volkswagen, BMW und Daimler (Mercedes-Benz) zusammen.

Das Model S hatte gerade eines unter Beweis gestellt: Das Elektroauto ist begehrenswert. Und zwar nicht nur als Statement überzeugter Umweltschützerinnen und Umweltschützer, sondern als technologisches Produkt – schnell, elegant, futuristisch und zugleich perfekt im Hier und Jetzt verankert.

Tesla Model 3, Model Y, Model S, Model X
Tesla hat in der Automobilindustrie viele technologische Weichen neu gestellt.Bild: Tesla

Auf technischer Ebene führte Tesla zudem das SDV (Software Defined Vehicle) ein, wie es heute genannt wird: Das softwaredefinierte Fahrzeug ermöglicht fortlaufende Updates und das Hinzufügen neuer Funktionen während des gesamten Lebenszyklus des Autos. Damit betrat die Automobilbranche das digitale Zeitalter. Doch heute geht die Geschichte ebendieses Model S zu Ende.

Teslas Zahlen: Eine Geschichte für sich

Die jüngsten Ergebnisse von Tesla zeigen, dass sich das Blatt etwas gewendet hat. Im Jahr 2025 ging der Umsatz leicht um drei Prozent auf 94.8 Milliarden Dollar zurück. Vor allem die Rentabilität gibt jedoch Anlass zur Sorge: Der Gewinn fiel um 46 % auf 3.8 Milliarden. Zur Erinnerung: Im Jahr 2022 verdiente Tesla fast 3.7 Milliarden Dollar ... in nur einem Quartal. Auch bei den Fahrzeugauslieferungen ist ein Rückgang zu verzeichnen: Sie beliefen sich auf rund 1,6 Millionen Stück.

In der Schweiz brachen die Verkaufszahlen 2025 um 27,8 % ein und in den ersten beiden Monaten des Jahres 2026 sogar um 46,1 % im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Jahr 2025. Gleichzeitig geht ein weiterer Spitzenplatz verloren: Der chinesische Autobauer BYD wird zum weltweit führenden Hersteller von Elektrofahrzeugen. Die klassischen Modelle spielen im Absatzmix nur noch eine untergeordnete Rolle. Model S, Model X und Cybertruck (in Europa nicht erhältlich) machen zusammen nur noch 3 % des Absatzes aus.

Tesla Model 3, Model Y, Model S, Model X
Das Model X und seine «Falcon Wing»-Flügeltüren hinterliessen bleibenden Eindruck.Bild: Tesla

Elon Musk selbst räumte vor einigen Monaten ein, dass das Model S und das Model X vor allem aus «sentimentalen Gründen» produziert würden. Fest steht: Selbst Nostalgie reicht heute nicht mehr aus.

Schwindender Vorsprung für Tesla

Als das Model S auf den Markt kam, gab es so gut wie keine Konkurrenz. Heute verfügt jeder Hersteller über eine eigene Elektrofahrzeugpalette. Und die chinesischen Marken holen rasch auf – mit häufig günstigeren und sehr modernen Modellen.

Tesla hat zudem in Sachen Neuheiten einen Gang zurückgeschaltet. Seit dem Model Y im Jahr 2020 wurde kein neues Modell für den Massenmarkt vorgestellt. Der berühmte Tesla für 25'000 Dollar, der schon seit Jahren versprochen wird? Ad acta gelegt. Die einzige wirklich nennenswerte Markteinführung der letzten Zeit war der Cybertruck, ein spektakuläres Nischenprodukt, das mit Blick auf die Verkaufszahlen jedoch weit weniger zu überzeugen weiss.

Tesla Model 3, Model Y, Model S, Model X
Der Cybertruck hat nicht den erhofften Erfolg.Bild: Tesla

Hinzu kommen die politischen Stellungnahmen von Elon Musk, die das Image der Marke bisweilen belastet haben, insbesondere in Europa, wo die Verkaufszahlen zurückgingen, während der Markt für Elektrofahrzeuge wuchs.

Darüber hinaus ist das politische Umfeld in den USA für Elektroautos durch den Wegfall bestimmter Subventionen und den Rückgang der Einnahmen aus dem Weiterverkauf von Emissionszertifikaten schwieriger geworden. Kurz gesagt: Die Sache mit Tesla ist nicht mehr so einfach wie früher.

Tesla Model 3, Model Y, Model S, Model X
Keine andere Automarke wird so sehr von ihrem Chef verkörpert wie Tesla.Bild: Tesla

Mit seiner «Physical AI» orientiert sich Tesla bereits in eine andere Richtung

Angesichts dieser Schwierigkeiten bereitet Tesla einen neuen Wandel vor. Das Unternehmen spricht nun von «Physical AI», einer künstlichen Intelligenz, die in der realen Welt agieren kann. Drei Projekte stehen im Mittelpunkt dieser Bemühungen: zunächst Optimus, ein humanoider Roboter, den Tesla eines Tages in grossem Massstab produzieren will. Dann die Robotaxis, die bereits in Austin getestet werden. Und zu diesen wird sich bald das Cybercab gesellen, ein zu 100 % autonomes Fahrzeug ohne Lenkrad und Pedale.

Tesla Model 3, Model Y, Model S, Model X
Das zu 100 Prozent autonome Cybercab ist die nächste Revolution im Automobilbereich, die Tesla dank KI verspricht.Bild: Tesla

Zudem investiert Tesla massiv in xAI, das KI-Start-up von Elon Musk, um die Entwicklung des autonomen Fahrens voranzutreiben. Zur Finanzierung dieser Strategie sollen in diesem Jahr mehr als 20 Milliarden Dollar investiert werden. Für einige Analystinnen und Analysten ist die Botschaft klar: Tesla ist längst kein Automobilhersteller mehr, sondern ein Technologieunternehmen im Wandel.

Die Bewertung von Tesla ist nach wie vor aussergewöhnlich

Trotz dieser Turbulenzen bleibt Tesla eines der am höchsten bewerteten Unternehmen der Welt. Der Grund dafür ist einfach: Investoren betrachten es als Technologieunternehmen.

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Tesla ist kein Automobilhersteller, sondern ein Technologieunternehmen.Bild: Tesla

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Tesla schwankt um die 400, während das von Volkswagen bei etwa 6 bis 7 und das von Ford bei circa 13 liegt. Diese Bewertung, die Lichtjahre von derjenigen der übrigen Automobilindustrie entfernt ist, beruht auf dem Versprechen, dass Tesla die Zukunftstechnologien dominieren wird, sei es bei Robotaxis, KI oder Robotik. Einige Analysten dämpfen diese Begeisterung jedoch und argumentieren, dass die Tesla-Aktie ebenso sehr von der Begeisterung der Fans wie von der wirtschaftlichen Performance getragen wird.

Wie geht die Geschichte weiter?

Vielleicht liegt darin die Ironie. Tesla hat die E-Mobilitätsrevolution ausgelöst, sieht sich heute jedoch einem mittlerweile sehr wettbewerbsintensiven Markt gegenüber. Die Marke, die einst mehrere Längen Vorsprung hatte, ist nun nur noch eine unter vielen.

Ein Fragezeichen bleibt: Elon Musks neue Ambitionen. Während sich manche fragen, ob Tesla unter seinen zahlreichen Projekten weiterhin oberste Priorität geniesst, ist es durchaus berechtigt, sich zu fragen, ob die Marke erneut die nächste technologische Revolution in sich birgt oder ob sie ihrem Gründer und Guru mittlerweile nur noch zur Zerstreuung dient … Bis anhin haben es viele bereut, Elon Musk unterschätzt zu haben …

Jérôme Marchon ist ...
... seit seiner frühesten Kindheit ein leidenschaftlicher Auto-Fan. Seine berufliche Karriere begann er in der Finanzbranche, trug aber schon früh zum Aufbau eines Auto-Blogs bei – bis er schliesslich seinen eigenen Blog gründete. Sein weiterer Weg führte ihn in die Chefredaktion der «Revue Automobile». Seit 2018 ist er freiberuflich tätig und schreibt für verschiedene Auto- und allgemeine Print- und Digital-Medien in der Schweiz und im Ausland. Jérôme Marchon arbeitet auch als Übersetzer und Berater für redaktionelle Inhalte für Automobilveranstaltungen und Autohersteller.
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