Der Quadcopter schwebt über dem Wald, und unten im Auto stellen wir uns die bange Frage: Ist es eine ukrainische oder eine russische Drohne? Die Drohne hat die Kameralinse auf unseren Geländewagen gerichtet, der sich gerade auf einer steilen Piste bergauf abmüht.
Eindrücke aus Tschasiw Jar - die schwierige Lage, das beschossene Spital und die elektronische Kriegsführung:
Doch nun scheint der Pilot unsere Angst erahnt zu haben, denn plötzlich lässt er die Drohne etwa 50 Meter nach links ausweichen und gibt uns so den Weg frei. Es ist ein ukrainischer Quadcopter, keine zwei Kilometer von der kleinen Stadt Tschasiw Jar entfernt.
Wegen der Gefahr durch Drohnen und Artilleriebeschuss parken wir das Auto unter dem Blätterdach des Walds. So ist es einigermassen gegen Sicht geschützt. Dann geht es zu Fuss weiter, wir folgen einem sandigen Weg. Als wir nach einer knappen Stunde in der Stadt ankommen, fragen uns ukrainische Soldaten, ob wir einen Störsender dabeihaben. «Nein, unser Auto hat keinen, deshalb sind wir zu Fuss gekommen.» Es folgt grosses Staunen, aber dann erinnern sich die Kämpfer, dass sie mit ihren eigenen Aufgaben beschäftigt sind und keine Zeit für uns haben.
Tschasiw Jar liegt auf einem Hügelzug, den die Russen seit rund sieben Monaten zu erobern versuchen. Von diesen sanften Anhöhen aus hoffen sie, die wichtigen und wesentlich grösseren Städte Konstantinowka, Kramatorsk und Slowiansk angreifen zu können. Damit würden sie Putins erklärtem Ziel, die gesamte Region Donezk unter Kontrolle zu bringen, einen grossen Schritt näher kommen.
Allerdings muss man die Bedeutung der Hügel relativieren: Der höchste Punkt in Tschasiw Jar ist gerade einmal um ungefähr 150 Meter höher gelegen als der Talgrund im rund 20 Kilometer entfernten Kramatorsk, der mit Abstand grössten Stadt der Region. Es ist demnach fragwürdig, von einer beherrschenden Position zu sprechen.
In Tschasiw Jar, das vor dem Krieg etwa 11'000 Einwohner hatte, gibt es nach Angabe der Soldaten einen grossen Störsender, der alle Drohnen im Umkreis von ein bis zwei Kilometern gefährden könne, erzählen uns die Soldaten. Darüber hinaus hat fast jedes ukrainische Fahrzeug in der Stadt einen kleinen Störsender von vielleicht 20 Watt Sendeleistung auf dem Dach montiert. Damit können die Frequenzbänder, über die kleine Quadcopter gesteuert werden, gestört und überlagert werden.
Sobald sich eine Drohne auf etwa 50 Meter genähert hat, wird das Videobild, das dem Piloten übermittelt wird, gestört, und die Drohne erhält auch keine Steuersignale mehr. In der Folge stürzen die kleinen Fluggeräte oft ab. Diese Einwegdrohnen sind in der Regel mit einem panzerbrechenden Sprengkopf bestückt.
Einfache Sender sind inzwischen für umgerechnet weniger als 1000 Franken erhältlich. Bessere Versionen, die mehr Frequenzbänder stören können, gibt es für etwa 2000 Franken. Viele Einheiten warten nicht auf die schwerfällige Militärbürokratie, bis sie solche elektromagnetischen Kampfmittel erhalten, sondern behelfen sich selbst - häufig mit Spendenaufrufen im Internet.
Auch Familienangehörige und Freunde tragen dazu bei, die benötigten Mittel zu sammeln. Dadurch ist ein Flickenteppich von meist mobilen Störsendern unterschiedlichster Bauarten entstanden. Was chaotisch wirkt, hat aber auch seine Vorteile: Gäbe es nur ein einziges Modell, könnte die Gegenseite die Frequenzen ihrer Drohnen so anpassen, dass die Störsender obsolet würden.
Zu Beginn des Kriegs waren die Russen im Bereich elektronische Kriegsführung haushoch überlegen, doch inzwischen ist das Feld etwas ausgeglichener. Gestört werden nicht nur die Frequenzen von Funkgeräten und die Kommunikation zwischen Drohnen und Piloten, sondern auch die Satellitennavigation.
Manche Störsender verhindern, dass ein Navigationsgerät überhaupt Signale von Satelliten empfängt, während andere Sender falsche GPS-Signale verbreiten. Auf einem Smartphone oder Navigationsgerät wird dann eine gültige Position angegeben, die aber nicht dem wahren Standort entspricht.
Ein ukrainischer Offizier in Tschasiw Jar erzählt zum Beispiel, dass seine Einheit über amerikanische Excalibur-Granaten vom Kaliber 155 Millimeter verfüge, Stückpreis umgerechnet rund 90'000 Franken. «Die Granaten sind jetzt aber wertlos, weil sie GPS-gesteuert sind und die Russen die Signale erfolgreich stören oder verfälschen.» Die teuren Geschosse, die 2022 noch zielgenau und mit grossem Erfolg eingesetzt wurden, sind heute kaum noch zu gebrauchen.
Ähnliches hört man in Frontnähe auch über andere westliche Präzisionswaffen, die sich auf GPS-Signale von Satelliten verlassen. Allerdings scheinen nicht alle Lenkwaffen gleichermassen von den Störmassnahmen betroffen zu sein. Teure Marschflugkörper aus westlicher oder russischer Produktion verwenden ausserdem immer mehrere Navigationssysteme, sodass der Ausfall von GPS nicht zwangsläufig zum Verfehlen des programmierten Ziels führt.
In Tschasiw Jar treffen wir zwei junge Männer, die als Sanitäter in der Armee dienen. Sie tragen Zivil, kurze Hosen, und ihre Füsse stecken in Plastikschlappen. Offenbar haben sie gerade Gefechtspause. Sie zeigen uns ihre «Ambulanz», einen zerbeulten amerikanischen Pick-up, dessen Führerkabine teilweise mit Stahlplatten gepanzert ist - gegen Granat- und Bombensplitter.
Das Fahrzeug verfügt auch über einen Störsender. «Wir schalten ihn ein, sobald wir losfahren, um Verwundete zu evakuieren», erzählt einer der Sanitäter. «Sobald wir ausserhalb der Sieben-Kilometer-Zone sind, uns also von der Front entfernen, können wir mit dem Stören aufhören. So weit kommen die russischen Quadcopter in der Regel nicht.»
Die Männer möchten uns zum Tee einladen, aber wir wollen die zerstörte Stadt erkunden. Beim einzigen Laden legen wir einen Halt ein und kaufen uns ein lauwarmes Erfrischungsgetränk. Stromversorgung und fliessendes Wasser gibt es hier schon lange nicht mehr. Überall sind Benzingeneratoren zu hören, aber das kleine Geschäft hat keinen.
Der Besitzer ist ein glühender Anhänger von Präsident Selenski, aber der Angestellte, der heute hinter der Theke steht, ist anders gepolt. Etwas verschämt hält er sich einen kleinen Radioempfänger ans Ohr. Er hört sich gerade eine Sendung aus der inzwischen von Russland annektierten «Volksrepublik Donezk» an.
Auf der anderen Seite der Front würde er im umgekehrten Fall - also Abhören einer ukrainischsprachigen Sendung - grosse Probleme bekommen. Hier in Tschasiw Jar wissen die Soldaten, dass ein grosser Teil der rund zurückgebliebenen 600 bis 700 Zivilisten nur darauf wartet, von Putins Truppen «befreit» zu werden.
Solange die Leute nicht für die Russen spionieren und Positionen der ukrainischen Kräfte verraten, werden die Putin-Anhänger in Ruhe gelassen. Das gilt auch für den Mitarbeiter des Ladens, der neben Nahrungsmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs verbotenerweise hochprozentigen Fusel verkauft.
- Krieg ist wie Schach, macht der eine einen Zug, macht der andere einen Gegenzug. Es ist dynamisch, nicht starr, obwohl der Frontverlauf vielleicht das Gegenteil vermittelt.
- Moderne westliche Waffen sind nicht das Allerheilmittel. Ein grossmaststäblicher Krieg wie in der UKR ist und bleibt dreckig.
Das ist mir neu:
"Zu Beginn ... waren die Russen im Bereich elektronische Kriegsführung haushoch überlegen ... "
"dass ein grosser Teil der rund zurückgebliebenen 600 bis 700 Zivilisten nur darauf wartet, von Putins Truppen «befreit» zu werden.
Naja, die NATO hat Munition, welche die Quelle von GPS-Störsendern anpeilt. Entweder wird dann nicht ständig gestört, oder der Sender wird zerstört.
Hoffentlich bekommt die Ukraine zusammen mit der F-16 entsprechende Munition.