Deutlich besser als im TV-Duell mit Donald Trump vergangene Woche. Biden sprach zwar auch im ABC-Interview leise und teilweise unverständlich, er nuschelte und hatte diverse Versprecher. Grobe Patzer oder komplette Aussetzer wie in der Präsidentschaftsdebatte unterliefen dem 81-Jährigen jedoch keine.
Bei einigen Fragen musste Biden einen Moment überlegen, vereinzelt machte er einen komischen Gesichtsausdruck. Er zeigte sich aber immer wieder schlagfertig, gab auch mal eine humorvolle Antwort und musste teilweise schmunzeln.
Biden hatte das eine Bein über das andere geschlagen und wirkte insgesamt konzentriert und relativ entspannt. Dennoch gab der Präsident viele trotzige Antworten und zeigte sich von einer angriffigen Seite. Ob dies die Wogen im demokratischen Lager zu glätten vermag, ist fraglich.
Das Gespräch war aufgezeichnet und dauerte 22 Minuten. Der Sender ABC hatte das Exklusiv-Interview in den Stunden zuvor in Endlosschlaufe angekündigt, im Intro spielte der Sender pathetische Musik ein.
Star-Moderator George Stephanopoulos wollte vom Präsidenten vor allem wissen, ob er mental und physisch in der Lage sei, weiterhin im Rennen zu bleiben und die nächsten vier Jahre als Präsident zu bestreiten. Und ob er daran glaube, Trump am 5. November schlagen zu können.
Stephanopoulos blieb anständig, liess aber während des gesamten Interviews nicht locker und hakte nach. Nicht immer mit Erfolg.
Moderator George Stephanopoulos eröffnete das Gespräch, indem er Biden auf das TV-Duell mit Donald Trump ansprach.
«Ich war erschöpft, es war einfach ein schlechter Abend», sagte Biden daraufhin mehrfach. In den Tagen vor der Debatte sei er krank gewesen, deswegen habe er sich zu wenig erholen können. «Ich habe mich schrecklich gefühlt.» An einer ernsthaften Erkrankung leide er jedoch nicht, so Biden.
Seine Ärzte hätten ihn durchgecheckt, letztendlich sei es aber einfach eine starke Erkältung gewesen.
EXCLUSIVE: President Biden tells @GStephanopoulos the debate was “a bad episode,” adding that he was “feeling terrible” after a busy month.
— ABC News (@ABC) July 5, 2024
The full exclusive interview airs at 8/7c on ABC.https://t.co/hlL4FaVp80 pic.twitter.com/unJF13rrQ7
Nach der Debatte habe er zahlreiche Veranstaltungen abgehalten, mit grossen Menschenmengen und überwältigender Resonanz. Ausrutscher habe er dabei keine gehabt. Biden sagte:
Stephanopoulos fragte auch, ob sich der Präsident die Debatte im Nachhinein angesehen habe. Biden musste einen kurzen Moment überlegen und antwortete dann etwas seltsam: «Ich glaube nicht, dass ich das getan habe.»
Nach dem ABC-Interview kann es nur einen Schluss geben: Nein. Biden scheint von seinen Fähigkeiten als Präsident absolut überzeugt zu sein. Er wurde gefragt, ob er derselbe sei wie bei seinem Amtsantritt vor dreieinhalb Jahren. Bidens Antwort: «Was die Erfolge angeht, ja.»
Dann zählte der 81-Jährige einige seiner Errungenschaften auf. Er habe einen Friedensplan für den Nahen Osten ausgearbeitet, die NATO erweitert, die Wirtschaft angekurbelt und gerade 200'000 neue Jobs angekündigt. Er habe das Land geeint.
Er kandidiere erneut, weil er glaube, am besten zu verstehen, was getan werden müsse, «um diese Nation auf eine völlig neue Ebene zu bringen.» Biden sagte: «Ich glaube nicht, dass irgendjemand besser qualifiziert ist, Präsident zu sein oder dieses Rennen zu gewinnen, als ich.»
Zu seinem körperlichen Zustand sagte Biden: «Kann ich die 100 Meter in zehn Sekunden laufen? Nein. Aber ich bin immer noch gut in Form.» Er sei auch nicht gebrechlicher als früher.
Er werde von seinen Ärzten überallhin begleitet und ständig beurteilt. «Sie zögern nicht, mir zu sagen, wenn sie denken, dass etwas nicht in Ordnung ist.»
EXCLUSIVE: Pres. Biden would not commit to an independent cognitive test when pressed in an interview with ABC's George Stephanopoulos.https://t.co/hlL4FaVp80 pic.twitter.com/Jg2SepN8bN
— ABC News (@ABC) July 6, 2024
Stephanopoulos wollte vom Präsidenten wissen, ob er spezifische kognitive Tests gemacht und sich von einem Neurologen habe untersuchen lassen. Bidens Antwort: «Nein. Niemand hat gesagt, ich müsse das. Sie sagten, dass es mir gut geht.»
Als der Moderator nachhakte, ob er sich einer unabhängigen medizinischen Untersuchung unterziehen und die Ergebnisse dem amerikanischen Volk mitteilen würde, wich Biden aus:
Die geistige und körperliche Kapazität für weitere vier Jahre als Präsident seien vorhanden, so Biden. «Ich würde nicht kandidieren, wenn ich das nicht glauben würde.»
Moderator George Stephanopoulos sprach Biden auf einen Artikel der Washington Post an. Gemäss diesem sollen mehrere Senatoren Biden zu überzeugen versuchen, zurückzutreten. Sie seien der Meinung, dass ihr Präsident am 5. November gegen Trump nicht gewinnen könne.
.@GStephanopoulos “If you are told reliably from your allies, from your friends and supporters … that they’re concerned you’re gonna lose the House and the Senate if you stay in, what will you do?”
— ABC News (@ABC) July 6, 2024
Pres. Biden: “I’m not gonna answer that question. It’s not gonna happen.” pic.twitter.com/1k9UvU4Iyh
Auch diesen Einwand wischte Biden weg. Er habe mit vielen demokratischen Parteigrössen gesprochen und «keiner hat gesagt, dass ich gehen soll». Er gab jedoch zu, davon gelesen zu haben, dass einige innerhalb der demokratischen Partei unzufrieden seien.
Dann witzelte Biden: «Wenn der allmächtige Gott käme und sagen würde: ‹Joe, steig aus dem Rennen aus›, würde ich aussteigen. Der allmächtige Gott kommt aber nicht.»
Auf jeden Fall ist Biden sich sicher, die Fähigkeit zu haben, Trump zu schlagen. Auf die entsprechende Frage antwortete der Präsident: «Ja. Ja, ja, ja.»
Biden bezeichnete Trump auch als pathologischen (krankhaften, Anm. d. Red.) Lügner. In der TV-Debatte habe er über 20 Mal gelogen. Biden fragte Stephanopoulos rhetorisch: «Haben Sie jemals etwas gesehen, was Trump getan hat, das jemand anderem zugutekam und nicht ihm?»
Biden verwies nochmals darauf, dass Trump während der Covid-Pandemie empfohlen habe, sich Bleichmittel zu spritzen. Und: «Trump will alles rückgängig machen, was ich getan habe.»
Setze Trump seine Pläne um, würden die USA in eine Rezession schlittern, es käme zu einem Anstieg der Inflation.
Von diesen lässt sich der Präsident nur bedingt beeindrucken. Die Meinungsforscher, mit denen er in Kontakt sei, sprächen von einem Kopf-an-Kopf-Rennen.
Die Zustimmungsrate von 36 Prozent, die Moderator Stephanopoulos im Interview ansprach, sei nicht der Wert, den seine Umfragen zeigen würden, so Biden.
Bei den Umfragen der «New York Times» sei er zudem schon immer zurückgelegen, seit der TV-Debatte mit Trump habe sich dabei nichts wesentlich geändert.
Ich glaube nicht, dass Biden dieses Interview viel nützt. Es ist leicht ohne Gegner zu brillieren und in Anwesenheit Dritter selbige abzuwerten. Im 1:1 war er weit unterlegen, hat selber gelogen und bewiesen, dass er im Ernstfall zu müde ist, um kraftvoll und mit klarem Verstand sein Amt auszuführen. Er hat den 1:1 Test nicht bestanden. Wen interessiert es dann, wie er sich in einem nachträglichen Wohlfühl-Rehabilitations-Interview (ohne Gegner) darstellt?