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Joe Biden: Erstes TV-Interview nach Debakel-Debatte mit Donald Trump

Bidens erstes TV-Interview seit der Katastrophen-Debatte – das Wichtigste in 8 Punkten

Eine Woche nach der katastrophalen TV-Debatte gab Joe Biden dem Sender ABC News ein exklusives Interview. Der US-Präsident zeigte sich dabei durchaus selbstkritisch. An seiner Kandidatur will Biden jedoch festhalten, er fühle sich geistig und körperlich fit.
06.07.2024, 06:1506.07.2024, 13:24
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Wie hat sich Joe Biden geschlagen?

Deutlich besser als im TV-Duell mit Donald Trump vergangene Woche. Biden sprach zwar auch im ABC-Interview leise und teilweise unverständlich, er nuschelte und hatte diverse Versprecher. Grobe Patzer oder komplette Aussetzer wie in der Präsidentschaftsdebatte unterliefen dem 81-Jährigen jedoch keine.

Bei einigen Fragen musste Biden einen Moment überlegen, vereinzelt machte er einen komischen Gesichtsausdruck. Er zeigte sich aber immer wieder schlagfertig, gab auch mal eine humorvolle Antwort und musste teilweise schmunzeln.

Biden hatte das eine Bein über das andere geschlagen und wirkte insgesamt konzentriert und relativ entspannt. Dennoch gab der Präsident viele trotzige Antworten und zeigte sich von einer angriffigen Seite. Ob dies die Wogen im demokratischen Lager zu glätten vermag, ist fraglich.

MADISON, WISONSIN - JULY 05: (EDITOR’S NOTE: This Handout image was provided by a third-party organization and may not adhere to Getty Images’ editorial policy.) In this handout photo provided by ABC, ...
Joe Biden mit Moderator George Stephanopoulos.Bild: Getty Images North America

Wie lange dauerte das Gespräch und worum ging es?

Das Gespräch war aufgezeichnet und dauerte 22 Minuten. Der Sender ABC hatte das Exklusiv-Interview in den Stunden zuvor in Endlosschlaufe angekündigt, im Intro spielte der Sender pathetische Musik ein.

Star-Moderator George Stephanopoulos wollte vom Präsidenten vor allem wissen, ob er mental und physisch in der Lage sei, weiterhin im Rennen zu bleiben und die nächsten vier Jahre als Präsident zu bestreiten. Und ob er daran glaube, Trump am 5. November schlagen zu können.

Stephanopoulos blieb anständig, liess aber während des gesamten Interviews nicht locker und hakte nach. Nicht immer mit Erfolg.

epa11461082 US President Joe Biden speaks about staying in the race for the presidency during a campaign stop at Sherman Middle School in Madison Wisconsin, USA, 05 July 2024. The president is facing  ...
Joe Biden hatte am Tag des Interviews in Madison, Wisconsin, auch noch einen Wahlkampfauftritt. Bild: keystone

Was sagte Biden zu seinem katastrophalen Auftritt in der TV-Debatte?

Moderator George Stephanopoulos eröffnete das Gespräch, indem er Biden auf das TV-Duell mit Donald Trump ansprach.

«Ich war erschöpft, es war einfach ein schlechter Abend», sagte Biden daraufhin mehrfach. In den Tagen vor der Debatte sei er krank gewesen, deswegen habe er sich zu wenig erholen können. «Ich habe mich schrecklich gefühlt.» An einer ernsthaften Erkrankung leide er jedoch nicht, so Biden.

Seine Ärzte hätten ihn durchgecheckt, letztendlich sei es aber einfach eine starke Erkältung gewesen.

Nach der Debatte habe er zahlreiche Veranstaltungen abgehalten, mit grossen Menschenmengen und überwältigender Resonanz. Ausrutscher habe er dabei keine gehabt. Biden sagte:

«Ich hatte einfach einen schlechten Abend, ich weiss nicht, warum.»

Stephanopoulos fragte auch, ob sich der Präsident die Debatte im Nachhinein angesehen habe. Biden musste einen kurzen Moment überlegen und antwortete dann etwas seltsam: «Ich glaube nicht, dass ich das getan habe.»

Einladung auch an Trump
Der Sender ABC gab bekannt, auch Donald Trump für ein Interview angefragt zu haben. Dieser habe jedoch abgelehnt.

Wird Biden seinen Posten räumen?

Nach dem ABC-Interview kann es nur einen Schluss geben: Nein. Biden scheint von seinen Fähigkeiten als Präsident absolut überzeugt zu sein. Er wurde gefragt, ob er derselbe sei wie bei seinem Amtsantritt vor dreieinhalb Jahren. Bidens Antwort: «Was die Erfolge angeht, ja.»

Dann zählte der 81-Jährige einige seiner Errungenschaften auf. Er habe einen Friedensplan für den Nahen Osten ausgearbeitet, die NATO erweitert, die Wirtschaft angekurbelt und gerade 200'000 neue Jobs angekündigt. Er habe das Land geeint.

Er kandidiere erneut, weil er glaube, am besten zu verstehen, was getan werden müsse, «um diese Nation auf eine völlig neue Ebene zu bringen.» Biden sagte: «Ich glaube nicht, dass irgendjemand besser qualifiziert ist, Präsident zu sein oder dieses Rennen zu gewinnen, als ich.»

Soll Joe Biden zurücktreten?

Wie beurteilt Biden seine geistige und körperliche Fitness?

Zu seinem körperlichen Zustand sagte Biden: «Kann ich die 100 Meter in zehn Sekunden laufen? Nein. Aber ich bin immer noch gut in Form.» Er sei auch nicht gebrechlicher als früher.

Er werde von seinen Ärzten überallhin begleitet und ständig beurteilt. «Sie zögern nicht, mir zu sagen, wenn sie denken, dass etwas nicht in Ordnung ist.»

Stephanopoulos wollte vom Präsidenten wissen, ob er spezifische kognitive Tests gemacht und sich von einem Neurologen habe untersuchen lassen. Bidens Antwort: «Nein. Niemand hat gesagt, ich müsse das. Sie sagten, dass es mir gut geht.»

Als der Moderator nachhakte, ob er sich einer unabhängigen medizinischen Untersuchung unterziehen und die Ergebnisse dem amerikanischen Volk mitteilen würde, wich Biden aus:

«Schauen Sie, ich unterziehe mich jeden Tag einem kognitiven Test. Bei allem, was ich tue. Ich mache nicht nur Wahlkampf, ich regiere die Welt.»

Die geistige und körperliche Kapazität für weitere vier Jahre als Präsident seien vorhanden, so Biden. «Ich würde nicht kandidieren, wenn ich das nicht glauben würde.»

Was sagte Biden zur Kritik aus dem eigenen Lager?

Moderator George Stephanopoulos sprach Biden auf einen Artikel der Washington Post an. Gemäss diesem sollen mehrere Senatoren Biden zu überzeugen versuchen, zurückzutreten. Sie seien der Meinung, dass ihr Präsident am 5. November gegen Trump nicht gewinnen könne.

Auch diesen Einwand wischte Biden weg. Er habe mit vielen demokratischen Parteigrössen gesprochen und «keiner hat gesagt, dass ich gehen soll». Er gab jedoch zu, davon gelesen zu haben, dass einige innerhalb der demokratischen Partei unzufrieden seien.

Dann witzelte Biden: «Wenn der allmächtige Gott käme und sagen würde: ‹Joe, steig aus dem Rennen aus›, würde ich aussteigen. Der allmächtige Gott kommt aber nicht.»

Was sagte Biden über Trump?

Auf jeden Fall ist Biden sich sicher, die Fähigkeit zu haben, Trump zu schlagen. Auf die entsprechende Frage antwortete der Präsident: «Ja. Ja, ja, ja.»

Biden bezeichnete Trump auch als pathologischen (krankhaften, Anm. d. Red.) Lügner. In der TV-Debatte habe er über 20 Mal gelogen. Biden fragte Stephanopoulos rhetorisch: «Haben Sie jemals etwas gesehen, was Trump getan hat, das jemand anderem zugutekam und nicht ihm?»

This combination of photos shows Republican presidential candidate former President Donald Trump, left, and President Joe Biden during a presidential debate hosted by CNN, Thursday, June 27, 2024, in  ...
50 Millionen Amerikaner haben die erste TV-Debatte verfolgt.Bild: keystone

Biden verwies nochmals darauf, dass Trump während der Covid-Pandemie empfohlen habe, sich Bleichmittel zu spritzen. Und: «Trump will alles rückgängig machen, was ich getan habe.»

Setze Trump seine Pläne um, würden die USA in eine Rezession schlittern, es käme zu einem Anstieg der Inflation.

Was sagte Biden zu den schlechten Umfragewerten?

Von diesen lässt sich der Präsident nur bedingt beeindrucken. Die Meinungsforscher, mit denen er in Kontakt sei, sprächen von einem Kopf-an-Kopf-Rennen.

Die Zustimmungsrate von 36 Prozent, die Moderator Stephanopoulos im Interview ansprach, sei nicht der Wert, den seine Umfragen zeigen würden, so Biden.

Bei den Umfragen der «New York Times» sei er zudem schon immer zurückgelegen, seit der TV-Debatte mit Trump habe sich dabei nichts wesentlich geändert.

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Joe Biden - sein Leben in Bildern
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Joe Biden - sein Leben in Bildern
1942 wird im US-Bundesstaat Pennsylvania ein Bub geboren, der später zu höchsten politischen Weihen gelangen sollte: Joseph Robinette Biden, genannt «Joe». Joe ist eines von vier Kindern, die Bidens eine Arbeiterfamilie.

Bild: Präsidentschaftskampagne Joe Biden.
quelle: https://joebiden.com/joes-story/
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Die erste Präsidentschaftsdebatte ist Geschichte – hier die Zusammenfassung im Video
Video: watson
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130 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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E7#9
06.07.2024 06:11registriert Dezember 2019
Man stelle sich vor, was hier los gewesen wäre, hätte Trump während seiner Präsidentschaft gesagt, er würde die Welt regieren.

Ich glaube nicht, dass Biden dieses Interview viel nützt. Es ist leicht ohne Gegner zu brillieren und in Anwesenheit Dritter selbige abzuwerten. Im 1:1 war er weit unterlegen, hat selber gelogen und bewiesen, dass er im Ernstfall zu müde ist, um kraftvoll und mit klarem Verstand sein Amt auszuführen. Er hat den 1:1 Test nicht bestanden. Wen interessiert es dann, wie er sich in einem nachträglichen Wohlfühl-Rehabilitations-Interview (ohne Gegner) darstellt?
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Macca_the_Alpacca
06.07.2024 06:36registriert Oktober 2021
«Sie zögern nicht, mir zu sagen, wenn sie denken, dass etwas nicht in Ordnung ist.» Wieso haben die denn am Abend der TV Debatte nix gesagt? Das hat ja jedes Kind gesehen, dass der Man fast aus den Schuhen kippt.
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Sisyphus
06.07.2024 07:59registriert Dezember 2021
Als ich gestern das Spiel Portugal gegen Frankreich gesehen habe, kam mir plötzlich Biden in den Sinn. Ronaldo und Biden haben den richtigen Zeitpunkt für ihren Rücktritt verpasst. Schade, beide hätten die Chance gehabt, als Helden in Erinnerung zu bleiben.
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