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«Sorry, nicht in Betrieb», heisst es derzeit bei vielen Tankstellen auf der Insel.
«Sorry, nicht in Betrieb», heisst es derzeit bei vielen Tankstellen auf der Insel.
Bild: keystone
Analyse

Die Quittung für den Brexit – oder warum den Briten der Sprit ausgeht

Mit dem Brexit wurden die ausländischen Arbeitskräfte von der Insel vertrieben. Jetzt fehlen rund 100’000 Lastwagenfahrer.
29.09.2021, 12:0429.09.2021, 13:04

«Wir wollen die Kontrolle über unser Land zurück.» «Macht endlich vorwärts mit dem Brexit.» Mit solchen Parolen haben Konservative und Nationalisten die Engländer zum Austritt aus der EU gepeitscht. Treibende Kraft war dabei die Angst vor billigen Arbeitskräften aus dem Osten, welche den Einheimischen angeblich die Jobs stehlen. Nun zeigt sich, dass dies ein monumentaler Irrtum war.

Die überwiegende Mehrheit der Ökonomen hat die Briten immer davor gewarnt, dass der Brexit aus wirtschaftlicher Optik keine gute Idee sei. Erfolglos. Die Populisten behielten letztlich die Oberhand. Deshalb stehen die Bewohner der Insel in einer Anspielung auf Shakespeares «Richard III.» vor einem neuen «Winter der Verzweiflung»: Vor den Tankstellen bilden sich lange Schlangen. Autofahrer stehen stundenlang an, um ihren Tank zu füllen, oft vergeblich. Spitäler, Polizei und Feuerwehr schlagen Alarm, weil ihre Fahrzeuge wegen mangelndem Sprit nicht einsatzfähig sind.

Lange Schlangen vor den Tankstellen.
Lange Schlangen vor den Tankstellen.
Bild: keystone

In den Siebziger- und Achtzigerjahren waren streikende Kohlenarbeiter Ursache für das Chaos und für die «winters of discontent». Diesmal ist das Gegenteil der Fall: Es sind nicht verzweifelte Arbeiter, die um ihren Job kämpfen, es ist ein Mangel an Arbeitskräften. Im Vereinigten Königreich fehlen derzeit rund 100’000 Lastwagenfahrer.

Das ist nicht weiter verwunderlich: Jahrzehnte neoliberaler Wirtschaftspolitik haben diesen Job so unattraktiv gemacht, dass ihn niemand mehr haben will. Ein betroffener Fahrer erklärt gegenüber der «Financial Times»: «Das ist kein normales Leben mehr für einen Menschen. Es ist kein Job, es ist wie im Gefängnis. Man macht ihn wie ein Zombie.»

Nun versucht die Regierung verzweifelt, Realersatz zu finden. Soldaten werden zu Sonderschichten aufgeboten. Ausländer aus der EU sollen mit Sonder-Visas wieder auf die Insel gelockt werden. Der Erfolg hält sich in Grenzen. Der «Guardian» zitiert einen betroffenen ausländischen Fahrer wie folgt:

«Warum soll ich nach Grossbritannien gehen mit all den bürokratischen Hürden und den mir feindlich gesinnten Menschen? Ich kann nach Irland oder Holland, verdiene mehr, werde respektiert, fahre auf guten Autobahnen mit modernen Rastplätzen und bin ein freier europäischer Bürger, kein Mensch zweiter Klasse.»

Die Briten sind in die Immigrationsgrube gefallen, die sie sich selbst gegraben haben. Doch sie sind bei weitem nicht allein. Mit absurden Verschwörungstheorien wie dem «Grossen Austausch» – die These, wonach das christliche Abendland von Muslimen unterwandert wird – oder der Angst vor einem Jobverlust hetzen Populisten die Bevölkerung gegen Immigranten auf. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall.

Mauro Guillen ist Wirtschaftsprofessor an der Universität Cambridge und gehört zu den bekanntesten Trendforschern der Gegenwart. In seinem jüngst veröffentlichten Buch «2030, Die Welt von morgen» schreibt er: «Protektionismus und Populismus – von Ausländerfeindlichkeit ganz zu schweigen – sind auf lange Sicht kontraproduktiv. Die beste Strategie besteht darin, die Gesellschaft und die Wirtschaft mit den globalen Trends in Einklang zu bringen.»

Es sind zwei Vorurteile, die permanent gegen die Zuwanderung ins Feld geführt werden: Die Ausländer stehlen die Jobs und drücken die Löhne. Und sie missbrauchen unsere Sozialsysteme. Beide sind falsch.

Zu den Jobs: «Die meisten Immigranten stehen überhaupt nicht im Wettbewerb mit den Einheimischen», stellt Guillen fest. Er stützt sich dabei vorwiegend aus Daten aus den USA. Sie treffen jedoch für alle entwickelten Staaten zu. «In hochentwickelten Industrienationen wie den Vereinigten Staaten, Japan und den europäischen Staaten gibt es immer noch genügend Jobs für Geringqualifizierte», so Guillen.

Mit anderen Worten: Das Gros der Immigranten erledigt die Jobs, welche die Einheimischen nicht mehr wollen. Dazu gehören etwa Jobs in der Landwirtschaft – oder Lastwagenfahrer.

Kommt unter Druck: Premierminister Boris Johnson.
Kommt unter Druck: Premierminister Boris Johnson.
Bild: keystone

Gut ausgebildete Immigranten sind andererseits ein Segen für die Wirtschaft. «Immigration ist Unternehmergeist in Reinkultur», stellt LinkedIn-Mitbegründer Reid Hoffman fest. Deshalb klauen die Immigranten nicht unsere Jobs, sie schaffen vielmehr neue.

Zu den Sozialversicherungen: Die zugewanderte Familie mit sechs Kindern, die von Sozialhilfe lebt, gibt es, doch sie ist nicht repräsentativ. In der Summe gilt, dass Immigranten unter dem Strich mehr in die Sozialsysteme einbezahlen, als sie daraus entnehmen. Gerade im Hinblick auf die zunehmende Überalterung der entwickelten Nationen brauchen wir daher diese Menschen. Ode wie sich Guillen ausdrückt: «Es stellt sich heraus, dass die Immigration keine Bedrohung, sondern eine laterale Chance darstellt, um die künftige Funktionsfähigkeit des Rentensystems zu garantieren.»

Wegen des Brexits stecken die Briten derzeit besonders tief in der Bredouille. Doch Schadenfreude ist fehl am Platz. Nicht nur auf der Insel fehlen Lastwagenfahrer, sondern in fast allen entwickelten Ländern. Rod McKenzie von der Road Haulage Association stellt deshalb in der «Financial Times» fest: «Selbst wenn wir wieder Lastwagenfahrer aus der EU anheuern könnten, würde das unser Problem nicht lösen. Auch dort gibt es viel zu wenige. Der einzige Ort, der keinen signifikanten Mangel an Lastwagen aufweist, ist Afrika

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