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Dem Erschiessungstod entronnen

Die bewegende Geschichte von Ali Hussein Kadhim, dem einzigen Überlebenden des bislang schlimmsten IS-Massakers



Am 11. Juni näherten sich Kämpfer des Islamischen Staats (IS), der sich damals noch Islamischer Staat im Irak und Syrien (ISIS) nannte, einem Stützpunkt der irakischen Armee in Tikrit. Einige Soldaten entschieden sich zur Flucht – ein tragischer Fehler, denn draussen warteten die Terroristen.

Sunnitischen Soldaten erlaubten sie, der Regierung in Bagdad abzuschwören und so ihr Leben zu retten. Ali Hussein Kadhim hatte weniger Glück und wurde wie alle anderen Schiiten abgeführt. Er ist der einzige bekannte Überlebende des Massakers, das der IS im Anschluss verübte.

Gegenüber der «New York Times» hat der 23-jährige Mann seine bewegende Geschichte erzählt. Er lag gefesselt auf dem Boden und wäre als Vierter an der Reihe gewesen. Schon nach den ersten Schüssen spritzte ihm Blut ins Gesicht. «Ich dachte an meine Familie», sagte er. Dann merkte er, wie eine Kugel an seinem Kopf vorbeipfiff. «Ich stellte mich tot.» Einen Augenblick später hörte er einen der Terroristen sagen: «Lass ihn leiden, er ist ein ungläubiger Schiit, lass ihn bluten.»

Sunniten halfen ihm auf der Flucht

Ali Hussein Kadhim verharrte mehrere Stunden bewegungslos, bis die Nacht hereinbrach und alles still wurde. Er schaffte es zum nahen Ufer des Tigris, doch die Strömung war zu stark, um ihn zu überqueren. Zudem war er immer noch gefesselt. Im schützenden Schilf stiess er auf einen weiteren Überlebenden. Der schwer verletzte Abbas durchschnitt ihm die Fesseln. Ali Hussein Kadhim gelang nach drei Tagen die Flucht an einer Stelle, wo die Strömung weniger stark war. Abbas musste er zurücklassen.

An dieser Stelle überquerte Ali Hussein Kadhim den Tigris.

Auf seiner abenteuerlichen Flucht hatte Ali Hussein Kadhim viel Glück. In den Dörfern, die er durchquerte, verrieten ihn die Sunniten nicht an den IS, sondern gewährten ihm Unterschlupf und gaben ihm zu essen. Ein Fluchthelfer schleuste ihn an mehreren IS-Checkpoints vorbei in die Kurdenstadt Erbil, wo sein Onkel auf ihn wartete. Nach einer langen Fahrt mit vielen Umwegen erreichte er schliesslich sein Heimatdorf im Süden Iraks.

«Meine Familie weinte, ich lachte», erinnert sich Ali Hussein Kadhim an den Moment des Wiedersehens. Seit er Lokalmedien von seinen Erlebnissen berichtete, bekommt er ständig Telefonanrufe von Angehörigen seiner vermissten Kameraden. Den Soldatenberuf hat er an den Nagel gehängt. Bis auf weiteres arbeitet er auf den Dattelfeldern seines Onkels. (kri)

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