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Pipilotti Rists «Pixelwald» im Kunsthaus Zürich. Sieht aus wie ein Märchen, ist aber eigentlich als explodierte Leuchtröhre eines alten Fernsehers gedacht. Bild: EPA/kEYSTONE

Digital ist besser. Das gilt auch für die Kunst

Was will die Kunst mit den sozialen Medien? Darf man einen Fernseher mit Nagellack bemalen? Und was hat ein Museum mit einem WC zu tun? Pipilotti Rist und andere haben da so ihre Ideen.



Februar 2018, Sydney, Australien, die Menschen spinnen: Alle wollen ins Museum, in die bunte, halluzinogene Welt der Pipilotti Rist. Das Museum droht zu platzen. Es denkt sich, okay, wenn wir den Leuten verbieten, Selfies zu machen, kommen weniger. Und dann? «Dann ging der Schuss nach hinten los», sagt Pipilotti Rist überaus zufrieden, «dann kamen noch mehr Leute. Weil alle die Ausstellung noch einmal ohne Handy sehen wollten.»

pipilotti beyoncé

Liebeserklärung oder geklaut? 2016 imitierte Beyoncé (rechts) in «Lemonade» das Pipilotti-Video «Ever Is Over All» von 1997. Bild: via twitter/@sentrablanco05

Rists Welterfolg ist mit jedem Jahr noch krasser, eine Explosion der Besucherrekorde, der Begeisterung, Beyoncé kopierte sie in «Lemonade», ihr Einfluss sprengt jede Dimension. Und jetzt sitzt sie da, auf einer Bühne im Zürcher Museum für Gestaltung und erzählt. Zum Beispiel über ihre Vorliebe für Körperteile, die man normalerweise lieber versteckt hält. Etwa die Zunge.

«Ich verstehe nicht, wieso Teller-Abschlecken keine Konvention ist. Im Gegensatz zum Essen sieht man den Mund ja nicht. Man müsste auch weniger abwaschen.»

Pipilotti Rist

Ins Museum gehen, heisst bei Pipilotti Rist, seinen Körper in einen andern Körpern hineinzubewegen. Bild: KEYSTONE

Aber was ist eigentlich der Grund für ihre Publikumsströme? Wenn sich die Leute schon in ein Museum bewegen, mit ihrem Körper, dann müsse dort auch etwas geboten werden, sagt sie. Erlebnis, Verzauberung, Überwältigung, Verunsicherung, Entgrenzung, Verschmelzung, Kopulation.

Körperöffnungen öffnen sich in ihren Videos den Besucherkörpern. Das ist weit intimer und auf feinere Weise erotischer als beispielsweise eine Aktion wie im Pariser Palais de Tokyo, das am vergangenen Wochenende die Nudisten-Community dazu einlud, nackt das Museum zu besuchen.

Nudists pose as they visit a contemporary art exhibition at the Palais de Tokyo museum in Paris Saturday, May 5, 2018.  The museum opened its doors to France's nudist community as they attempt to encourage acceptance of clothes-free activities. (Geoffroy Van Der Hasselt/pool photo via AP)

Blass vor Weiss: Die Nudisten im Palais de Tokyo. Bild: AP/AFP POOL

Pipilotti Rist ist gegen weissen Räume mit ein paar Vierecken an der Wand. Also konventionelle Museen. Sie hasst weisse Räume. Und Vierecke. Der Fernseher in der «Stube» ist so eins. Eine genormte Fläche für genormte Inhalte mit viel zu viel Plastik drum rum. Müsste man dringend mit Nagellack bemalen und an die Decke hängen, sagt sie. Und wieso sagt sie eigentlich andauernd «Stube»?

«Ich sag bewusst Stube und nicht Wohnzimmer, weil man ja auch auf der Toilette wohnt.»

Pipilotti Rist

Okay, Teller abschlecken und auf dem WC wohnen also. Und sich nicht schämen dafür. Und in den Videos Orgien des Organischen feiern. Pipilotti Rist ist sicher die freiste Frau der Schweiz.  Allerdings braucht sie eine Unmenge von Technik, um die glühenden, blühenden Visionen aus ihrem Innern für andere betretbar zu machen. Ist sie eine Technikfetischistin?

«Ich liebe Maschinen, aber man sollte Technik respektlos behandeln. Maschinen, Kameras, Abspielgeräte sind nur Erweiterungen unserer Sinne. Quasi einfache Krücken.»

Pipilotti Rist

«Pickelporno» von Pipilotti Rist

Aus Pipilotti Rists «Pickelporno» von 1992. Bild: Pipilotti Rist

Aber gibt es denn überhaupt noch eine Möglichkeit, all die klassischen Museen mit den unbewegten, in Vierecken gefangenen alten Meistern zum Beispiel, für die digitale Gegenwart und Zukunft zu retten? Ein paar versprengte Nudisten können da ja wohl nicht die Lösung sein. Weshalb die Tagung des Kunst Forum Zürichs, an der Pipilotti Rist auftritt, denn auch «Building a Museum for Next Generations» heisst.

Der deutsche Kulturwissenschaftler Wolfgang Ulrich plädiert wie Pipilotti Rist für die totale Auflösung von Räumen und Werken. Und dies explizit auf den sozialen Medien. Jedes medial verbreitete Selfie vor einem Rembrandt setze diesen in einen Kontext, genau so, wie es eine Ausstellung auch tut. Jeder Hashtag sei ein kleiner kuratorischer Akt, jede Community, die erreicht werde, ein weiteres Publikum.

Bild

Das Groninger Museum hat FaceApp entdeckt. bild: instagram/groningermueseum

Und wenn es die Menschen müde geworden sind, bloss sich selbst und das Bild im Rahmen zu betrachten, dann wird die statische Kunst zum Ausgangspunkt von Metarmophosen. Dann verflüssigt sich das Werk. Wird in eine App eingeschleust und verwandelt. Mehrere Museen werben für ihre eigenen alten Porträts mit lustigen FaceApp-Varianten.

Die App ConstructKlee dagegen verwandelt restlos alles in ein Kunstwerk à la Paul Klee, egal ob es sich dabei um einen originalen Van Gogh oder um irgendein Foto handelt. Entwickelt wurde sie als Gadget zur grossen Klee-Ausstellung 2018 in der Münchner Pinakothek der Moderne. Aus passiven Konsumenten sollen aktive Produzenten gemacht werden.

#ConstructKlee

Aus Van Goghs Sonnenblumen mach Klee ... Bild: via instagram/#ConstructKlee

Die digitale Kunstrevolution geht so: Aus der Kontemplation ausgestellter Bilder wird eine neue Kommunikation mittels selbst erstellter Bilder.

#ConstructKlee

... oder aus einer Schildkröte. Bild: via instagram/#ConstructKlee

Das folgende Bild mit den handyfixierten Schülern im Rijksmuseum in Amsterdam führte in den letzten Jahren immer wieder zu Entrüstungsstürmen unter webphobischen Kulturpessimisten. «It's official – culture is dead», lautete einer der berühmtesten Kommentare, sagt Wolfgang Ulrich.

Immer wieder wurde der Irrtum berichtigt, die Schüler waren nicht mit irgendwas, sondern mit der Museumsapp beschäftigt und informierten sich dort über den Rembrandt, vor dem sie sassen. Egal, gesehen wurden SM-verseuchte Kunstbanausen, die den Untergang abendländischer Kultur vorantrieben.

Bild

Die ausnehmend kunstinteressierten Kids von Amsterdam. bild: twitter

Es ist nicht absehbar, wohin das führen soll, gerade in Sachen Urheberrecht. Pipilotti Rist nennt die Möglichkeit des Publikums die tausend eigenen Augen, die Erweiterungen unserer Sinne, die Krücken produktiv zu nutzen, vorsichtig «potentiell demokratisch». Wolfgang Ulrich ist radikaler: Erst die digitale Weiterverwertung, sagt er, ist der Erfolg eines Werkes. Womit dann wohl Instagram wichtiger als jedes Museum der Welt sein dürfte.

Selfies sind kein neues Phänomen

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Video: srf/SDA SRF

28 Menschen, die an der modernen Technik scheitern

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    Alle Leser-Kommentare
  • Gummibär 10.05.2018 15:50
    Highlight Highlight Google als Kirche ist an sich keine schlechte Analogie, wenn da nicht der alte Glaubenssatz wäre :

    "Wenn Gott gewollt hätte, dass wir mehr Zeit in der Kirche verbringen, hätte er uns einen grösseren Hintern zum sitzen und einen kleineren Kopf zum denken gegeben."
  • Roman Stanger 10.05.2018 11:57
    Highlight Highlight Jaja, "die heutige Jugend" interessiert sich nicht mehr für Kultur ... Wir damals, die handylose Generation, wir waren ja immer unfassbar begeistert, wenn wir ins Museum verschleppt wurden. Wenns damals schon Handys gegeben hätten, wir hätten es im Sack gelassen und wären andächtig in Hodler-Gemälde und Giacometti-Steckenmännchen versunken. Ganz bestimmt!
  • gondwana 10.05.2018 10:34
    Highlight Highlight wo kann man hier inputten?
  • lilie 10.05.2018 09:16
    Highlight Highlight Ich finde alte Gemälde eigentlich sehr interessant. Da ich aber davon keine Ahnung habe, bin ich immer froh, wenn eine kompetente Person mir erklärt, worum es eigentlich geht. Was zeigt das Bild? Warum gerade dieses Sujet? Wer hat es gemalt? Unter welchen Umständen? Was hat das Bild zu jener Zeit ausgelöst und warum? Und natürlich auch Details zu Techniken und verwendetem Material.

    Leider habe ich es schon öfters erlebt, dass ich in einem Museum absolut keine Info bekommen habe zu den ausgestellten Bildern. Das finde ich dann schade, weil ich so nur Bilder anschaue, aber nichts lerne.
  • Mischa Müller 09.05.2018 22:30
    Highlight Highlight Das Natel als zeitgenössisches Gebetsbuch... Google als Kirche... phenomenologisch betrachtet, könnte man das so denken...
    • lilie 10.05.2018 10:04
      Highlight Highlight Ich glaube, Mischa sollte mal in seinem Gebetsbuch "Kirche" goo-... äh, kircheln und dann zur Busse drei Wikipedias beten. 😉

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