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Frauen der Geschichte

Queen Charlotte: Die wahre Geschichte hinter dem Netflix-Hit «Bridgerton»

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Mal wieder so ein richtig fesches Netflix-Liebespaar: India Amarteifio und Corey Mylchreest als Charlotte und George III.Bild: www.imago-images.de
Frauen der Geschichte

Bodyshaming, Rassismus, Wahnsinn: Das echte Leben der Netflix-Heldin Queen Charlotte

War die Königin schwarz? Im «Bridgerton»-Spin-off «Queen Charlotte» präsentiert die Serien-Titanin Shonda Rhimes ihre gesellschaftliche Lieblingsutopie.
21.05.2023, 15:1922.05.2023, 13:36
Simone Meier
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Prinzessin zu sein, ist manchmal richtig blöd. An einem unauffälligen Augusttag im Jahr 1761, zum Beispiel, trifft eine britische Delegation vor dem Schloss von Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg-Strelitz ein. Adolf Friedrich ist fromm, sparsam, jähzornig und unverheiratet. Auch wenn er selbst mit seiner älteren Schwester zusammen einen sehr bescheidenen Haushalt führt, so braucht sein Herzogtum doch dringend Geld. Und militärischen Respekt. Weshalb Adolf beschlossen hat, seine jüngere Schwester, Prinzessin Charlotte, mit einem Briten zu verheiraten.

Nicht mit irgendeinem Briten natürlich, sondern mit dem mächtigsten. Dem eben zum König ernannten, 23-jährigen George III. Dieser liess unter Deutschlands Prinzessinnen nach einer möglichen Gattin suchen. Seine Anforderung: Sie darf sich nicht für Politik interessieren, damit sie nicht auf die Idee kommt, sich in die Regierungsgeschäfte einzumischen. George will eine stille, devote, möglichst bildungsferne Frau. Mit Charlotte ist er zufrieden. Und Adolf Friedrich unterschreibt begeistert den Liefervertrag für Charlotte, den ihm die britische Delegation überreicht.

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Wir wissen heute alle nicht, wie Queen Charlotte wirklich ausgesehen hat. Viele Zeitzeugen beschreiben sie als ausgesprochen hässlich. Ihre Porträts sind selbstverständlich geschönt.Bild: www.imago-images.de

Nur drei Tage später, am 17. August 1761, tritt die 17-jährige Prinzessin ihre Reise nach London an. Sie dauert 22 Tage. Auf See gerät ihr Schiff in drei schwere Stürme. Am 8. September um 15.30 Uhr betritt die nach England verkaufte Braut den St.-James-Palast in London und wird ihrem zukünftigen Gatten vorgestellt. Um 21 Uhr stehen die beiden vor dem Altar.

Der Hof macht PR für die deutsche Braut

Die Deutschen halten Charlotte für eine gebildete Prinzessin, die besonders in den Fächern Haushaltsführung und Religion brilliert. Die Briten halten nichts von ihr. Sie habe sich auf dem Bildungsstand einfacher Landadeliger befunden und kein Wort Englisch gesprochen, heisst es über sie. Der Hof setzt ein PR-Märchen in die Welt: Charlotte habe trotz ihrer Jugend eine derart scharfe, geistreiche Beschwerde an den preussischen König über das mangelhafte Betragen der preussischen Armee in Mecklenburg geschrieben, dass George sich sofort in ihren klugen Witz verliebt habe.

Trailer zu «Queen Charlotte»

Die Deutschen haben auch nichts an Charlottes Äusserem auszusetzen. Die Briten halten sie und ihre ganze Verwandtschaft für ausgesprochen hässlich. Derart hässlich, dass sie nach den schlimmsten Vergleichen suchen. Charlotte gleicht für sie jenen Menschen, die keinerlei Status in ihrer Gesellschaft haben. Den Sklaven. Aus Afrika.

Der Hofarzt Baron Christian Friedrich Stockmar beschrieb Charlotte als «klein und krumm, mit einem echten Mulattengesicht». Und Sir Walter Scott, Bestsellerautor von historischen Romanen, nannte Charlotte samt Familie von «einer ungesunden Farbe, wie Orang-Outangs aussehende Figuren mit schwarzen Augen und Hakennasen». Auch ihre «breite Nase» und die «dicken Lippen» wurden gerügt.

Mozart, Marie Antoinette und der Weihnachtsbaum

George hat mit Charlotte keine Probleme. Die Ehe gilt als glücklich, die beiden werden Eltern von 15 Kindern, die allerdings ihrerseits nur lausige vier Enkelkinder gebären, eines ist immerhin die zukünftige Queen Victoria. Charlotte macht England mit ein paar kontinentalen Gepflogenheiten bekannt, die es zu grosser Beliebtheit schaffen: Sie importiert den Weihnachtsbaum und Mozart, der 1764 mit erst 8 Jahren mehrfach am Hof auftritt, mit Charlotte zusammen musiziert und ihr einige seiner Stücke widmet.

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George III. und Charlotte mit einigen ihrer Kinder und Haustiere.Bild: www.imago-images.de

Zu ihren besten Freundinnen zählt die letzte französische Königin Marie Antoinette. Die beiden begegnen sich nie direkt, doch sie sind eifrige Brieffreundinnen. Charlotte erlebt durch Marie Antoinette die Revolution hautnah und ist entsetzt, als die Freundin im Oktober 1793 auf der Place de la Concorde geköpft wird.

Die Krankheit des Königs

Und Charlotte verteidigt ihren Mann, der unter einer bipolaren Störung leidet und als «Mad King George» in die Geschichte eingehen wird, gegen allerlei medizinische Massnahmen und höfische Intrigen. Seinen ersten Schub erleidet er 1765, einen schwereren zweiten 1788 und ab 1810 ist er für die Realität ganz verloren, einer seiner Söhne übernimmt die Regierungsgeschäfte. Einmal hält er eine 58-stündige, wirre Rede. Zehn Jahre lang befindet er sich in völliger Umnachtung, weder Napoleons Niederlage bei Waterloo 1815 noch Charlottes Tod 1818 erreichen ihn.

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Bild: www.imago-images.de

Erstaunlicherweise führt ausgerechnet die Krankheit dazu, dass er beim Volk beliebter wird. 1786 und 1790 verüben nämlich zwei geistig verwirrte Menschen – eine Frau, die sich für die rechtmässige Thronfolgerin und ein Mann, der sich für den Apostel Paulus hält – Anschläge auf George III. Er bittet seine Sicherheitskräfte um Milde: «Die arme Kreatur ist verrückt. Tut ihr nicht weh. Sie hat mir auch nicht weh getan.» Seine Milde ist sein Triumph.

Die Ahnenforschung führt nach Afrika

Viele Jahre später, nämlich ab 1967, geht der Ahnenforscher Mario de Valdes y Cocom aus Belize der Frage nach, wieso Königin Charlotte eigentlich mit afrikanischen Frauen verglichen wurde. Und wieso sie auf vielen ihrer Porträts aussah wie eine Weisse mit afrikanischem Knochenbau. Letzteres mag jedoch daran liegen, dass der Hofporträtist Sir Allan Ramsay ein glühender Verfechter der Abschaffung der Sklaverei war und eine politische Message in seine Bilder geschmuggelt haben könnte, wie Valdes schreibt.

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Der Kopf von Charlottes Freundin Marie-Antoinette blieb nicht sehr lange oben.Bild: www.imago-images.de

Viele Generationen und gut 400 Jahre früher findet sich unter Charlottes Vorfahren tatsächlich ein unehelicher Sohn des portugiesischen Königs Alfonso und einer Muslimin mit vermutlich nordafrikanischen Wurzeln. Dieser Sohn wiederum heiratete in eine adelige Familie, deren zurückliegende Verästelungen ebenfalls nach Afrika führten.

Von Königin Charlotte aus befinden sich diese allerdings neun bis 15 Generationen zurück und dürften kaum sichtbare Spuren hinterlassen haben. Zudem sind auch keinerlei Zeugnisse aus Deutschland bekannt, dass sich Mecklenburg jemals unter der Herrschaft eines afrikanisch anmutenden Herzogs befunden haben könnte.

Shonda Rhimes beisst an

Die These von Valdes führte jedoch dazu, dass Seriengigantin Shonda Rhimes ihre Queen Charlotte im Netflix-Hit «Bridgerton» und im «Bridgerton»-Spin-off «Queen Charlotte» schwarzen Schauspielerinnen anvertraute. Immer mit der Betonung, dass es sich hierbei um eine «Fiktion nach Fakten» handle.

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Golda Rosheuvel und James Fleet als alterndes Königspaar in «Queen Charlotte» respektive «Bridgerton».Bild: www.imago-images.de

Shonda Rhimes träumt quasi Valdes' Idee weiter, visualisiert ihre Lieblingsutopie einer egalitären Gesellschaft und bringt so einen interessanten Gedankentwist in ihren pastelligen «Bridgerton»-Sirup. Was wäre, wenn England im 18. Jahrhundert tatsächlich eine schwarze Königin gehabt hätte? Wäre eine wie Meghan dann heute nicht zur Aussenseiterin geworden?

Natürlich richtet Shonda Rhimes ihre Queen Charlotte mit der gewohnt deftigen Rhimes-Kelle an, alles wird verkürzt, verschönt, romantisiert und dramatisiert, dass die weitaus gemächlichere Historie aus allen Nähten kracht. Natürlich ist das junge Paar wunderschön und der verrückte König direkt nach der Hochzeit und für immer vollkommen wahnsinnig. Ein Arzt namens Monro, der die historische Bühne erst 1811 betrat und von Charlotte schnell wieder entsorgt wurde, ist von Anfang an als Georges teuflischer Folterknecht mit dabei. Und natürlich hatte Charlotte keine schwarze adelige Freundin wie in der Serie.

Aber so ist das nun einmal, wenn die echte Geschichte zur Geschichte wird. Sir Walter Scott würde Shonda Rhimes dafür mit Sicherheit applaudieren.

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26 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Skunk42
21.05.2023 16:36registriert Februar 2022
"Wäre eine wie Meghan dann heute nicht zur Aussenseiterin geworden?"

Meghan ist wegen ein paar anderer Dinge zur Aussenseiterin geworden.
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Denkenderprolet
21.05.2023 16:50registriert August 2021
Ich freue mich auf die Verfilmung von Martin Luther Kings Leben. Chris Pratt könnte die Rolle gut übernehmen.
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Amateurschreiber
21.05.2023 16:04registriert August 2018
Was wir gerade mit solchen Filmen und Serien erleben hat nichts mit der Gleichstellung der Schwarzen (insbesondere der Afrikaner) zu tun. Der Trailer schreit es uns geradezu entgegen: Die US - Amerikaner sind hartnäckig auf der Suche nach ihrer Identität. Die Geschichte ihrer Nation besteht vorwiegend aus kriegerischen Ereignissen. Kulturhistorisch haben sie aber nur wenig vorzuweisen.
Diesen Phantomschmerz versuchen sie nun zu stillen, indem sie die europäische, afrikanische und asiatische Geschichte auch als die ihrige erklären und stellen sie nun einfach amerikanisiert in ihren Filmen dar!
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