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Phoebe Dynevor und Regé-Jean Page sind Daphne und der Duke. Also eines dieser Liebespaare, das erst hundert Tage um den heissen Brei der Leidenschaft rumreden müssen, bis sie endlich rummachen.
Phoebe Dynevor und Regé-Jean Page sind Daphne und der Duke. Also eines dieser Liebespaare, das erst hundert Tage um den heissen Brei der Leidenschaft rumreden müssen, bis sie endlich rummachen.Bild: Netflix

Trefft die Titanin hinter «Bridgerton» und mächtigste Frau bei Netflix

Weil sie gerne dabei zuschaut, wie Menschen andere Menschen aufschneiden, erfand Shonda Rhimes die Spitalserie «Grey's Anatomy». Sie ist die Trash-Queen der Serienwelt. Jetzt ist sie für mindestens ein Dutzend Netflix-Projekte verantwortlich.
06.01.2021, 17:02

Daphne Bridgerton ist ein richtiges Milchlamm von einer Frau. Weisser und reiner von Gemüt und Geblüt geht nicht mehr. Doch Daphne verliebt sich in den tödlich attraktiven Duke of Hastings, und spätestens als der ihr beibringt, wie man masturbiert, ist sie verloren. Auch der Duke ist in Daphne verliebt, das wird ihm klar, als er mit ihr zusammen das Gemälde eines Sonnenauf- oder -untergangs betrachtet. Doch dann gibt's noch unendlich viele Probleme und schliesslich mündet das Drama der beiden in der Frage: Hat Daphne den Duke beim Samenraub vergewaltigt?

Dies ist bloss die krasseste aller Fragen, die gerade um «Bridgerton» diskutiert werden. «Bridgerton» ist die im Jahr 1813 spielende Netflix-Serie, in der reiche oder gefallene Mädchen einen Mann finden müssen, ob der ihnen nun gefällt oder nicht.

«Bridgerton» ist gross, prächtig, dekadent, witzig, fies, hyperromantisch, eine einzige berauschende Wunscherfüllungs-Maschine, und als Soundtrack zu den Ballszenen gibt's cool historisierte Billie-Eilish-Melodien.
In der Buchvorlage «The Duke and I» von Julia Quinn sind Queen Charlotte und ihre Hofdamen weiss, in «Bridgerton» wäre das nicht normal.
In der Buchvorlage «The Duke and I» von Julia Quinn sind Queen Charlotte und ihre Hofdamen weiss, in «Bridgerton» wäre das nicht normal.Bild: Netflix

Ins Auge sticht jedoch etwas ganz Anderes. Der Duke, die Queen (Golda Rosheuvel) von England, wo «Bridgerton» spielt, der halbe Hofstaat und viele weitere Protagonisten sind schwarz. Wieso? Weil Liebe alle Grenzen überwindet und Schranken niederreisst natürlich, was denn sonst. King George III. hat nämlich aus lauter Liebe die 17-jährige schwarze deutsche (nichts ist unmöglich) Prinzessin Charlotte geheiratet, und seither steht dem gesellschaftlichen Aufstieg von Schwarzen in England nichts im Weg.

Die echte Queen Charlotte (1744 – 1818, auf dem Bild ist sie noch Prinzessin Charlotte von Mecklenburg-Strelitz) führte eine glückliche Ehe, brachte 15 komplett nutzlose Kinder zur Welt und galt zu Lebzeiten aus ausgesprochen hässliche Frau, was das maliziöse Gerücht aufbrachte, sie hätte «negroide» Züge und müsse afrikanische Vorfahren haben. Heutige Wissenschaftler versuchten, diesen Makel ins Positive zu wenden und sie zur ersten schwarzen Queen umzudefinieren. Allerdings vermochten ihre Forschungsergebnisse (noch) nicht zu überzeugen.
Die echte Queen Charlotte (1744 – 1818, auf dem Bild ist sie noch Prinzessin Charlotte von Mecklenburg-Strelitz) führte eine glückliche Ehe, brachte 15 komplett nutzlose Kinder zur Welt und galt zu Lebzeiten aus ausgesprochen hässliche Frau, was das maliziöse Gerücht aufbrachte, sie hätte «negroide» Züge und müsse afrikanische Vorfahren haben. Heutige Wissenschaftler versuchten, diesen Makel ins Positive zu wenden und sie zur ersten schwarzen Queen umzudefinieren. Allerdings vermochten ihre Forschungsergebnisse (noch) nicht zu überzeugen.bild: gettyimages

Das muss so sein. Nicht, weil es in den historistischen Kitschromanen von Julia Quinn stehen würde, aus denen «Bridgerton» entstanden ist. Sondern weil da erstens das hartnäckige Gerücht ist, dass die echte Queen Charlotte eventuell afrikanische Vorfahren gehabt haben könnte. Und weil «Bridgerton» zweitens aus Shondaland kommt. Und die Serien-Produktionsfirma Shondaland gehört einer einzigen Person: Shonda Rhimes.

Michelle Obama interviewt Shonda Rhimes an der Pennsylvania Conference For Women 2017. Nicht umgekehrt. Derart sind die Machtverhältnisse.
Michelle Obama interviewt Shonda Rhimes an der Pennsylvania Conference For Women 2017. Nicht umgekehrt. Derart sind die Machtverhältnisse. Bild: Getty Images North America

Shondaland steht für vieles: Für die Spitalserie «Grey's Anatomy», die Washingtoner Politserie «Scandal», die Anwaltsserie «How to Get Away With Murder». Für Frauen in den Hauptrollen, die eigensinnig, unberechenbar, laut, rabiat, gebrochen, berechnend, leidenschaftlich, überschäumend, egoistisch, mächtig, gewalttätig und untreu sind. Für das Rezept, dass Sex dramaturgisch gesehen immer die Lösung ist. Verheddern sich zwei Figuren aus Shondaland in einen ausweglosen Konflikt, können sie gar nicht anders, als Sex zu haben.

Shondaland ist ein Schlaraffenland der schönen Menschen, der extremen Gefühle, der überbordenden Erzählstränge.

Vor allem aber steht Shondaland-Boss Shonda Rhimes für sogenannt «farbenblindes» Casting. Wenn sie ein Drehbuch schreibt, erklärte sie 2006 Oprah Winfrey, stellt sie sich die meisten Figuren nicht leiblich vor. Und beim Vorsprechen geht die Rolle an diejenigen, die ihr mit dem entsprechenden Text im Mund am besten gefallen. So kam der Cast von «Grey's Anatomy» zustande. Ein revolutionärer Akt.

Sonda's Leading Ladies: Kerry Washington («Scandal», links), Viola Davis («How to Get Away With Murder», mitte) und Ellen Pompeo («Grey's Anatomy»).
Sonda's Leading Ladies: Kerry Washington («Scandal», links), Viola Davis («How to Get Away With Murder», mitte) und Ellen Pompeo («Grey's Anatomy»).Bild: Walt Disney Television

Gut, für die Besetzung der Titelheldinnen von «Scandal» mit Kerry Washington («Django Unchained») und «How to Get Away With Murder» mit Oscargewinnerin Viola Davis dürfte das so nicht mehr gegolten haben. Aber sonst: Ein effizientes Konzept, denn amerikanisches Fernsehen, so Rhimes, müsse dringend die Realität der amerikanischen Gesellschaft abbilden. Und gleichzeitig noch mittels gehöriger Übertreibung darüber hinausweisen, muss man hinzufügen. Kühne Behauptungen in die Welt setzen wie in «Bridgerton». Schliesslich besteht der Zauber der Fiktion – und um solche handelt es sich bei «Bridgerton» – immer aus Behauptungen.

Weitere Shondaland-Projekte für Netflix

Mindestens ein Dutzend Formate hat Shonda Rhimes mit ihrer Produktionsfirma für Netflix geplant. Neben «Bridgerton», dessen Schöpfer und Regisseur der bereits in «Scandal» involvierte Chris Van Dusen ist, sind das u.a. die Serien «Inventing Anna» (eine fiktionalisierte Fassung des Lebens der Hochstaplerin Anna Sorokin), «Reset» (Sexismus im Silicon Valley), «The Residence» (das Leben amerikanischer Präsidenten im Weissen Haus), «The Warmth of Other Suns» (die Flucht von Afroamerikanern aus dem Süden der USA in den Norden) und «Sunshine Scout» (eine Komödie über Teenage-Girls am «Ende der Welt», wo auch immer das sein mag).

2017 lockte Netflix Shonda Rhimes mit 150 Millionen Dollar und lukrativen Zusatzklauseln vom Sender ABC (der mittlerweile zu Disney gehört) weg, wo sie pro Jahr für ein Budget von 350 Millionen Dollar rund 70 Stunden Sendezeit herstellte (45 davon als Drehbuchautorin oder Schöpferin), die in 67 Sprachen synchronisiert wurden und weltweit Folge für Folge 30 Millionen erreichten. Shonda Rhimes war damals in ihren eigenen Worten «eine Titanin».

«Wisst ihr, wer das sonst noch macht? Niemand!», sagte sie 2016 in einem TED-Talk. «Ich liebe es zu arbeiten. Es ist kreativ und mechanisch und anstrengend und berauschend und lustig und verstörend und klinisch und mütterlich und grausam und vernünftig. Wenn ich mich tief in die Arbeit stürze, gründe ich eine Nation, renne ich einen Marathon, positioniere ich Truppen, bin ich Beyoncé.» Die Folge war ein Burnout, «die Welt wurde grau, alles schmeckte nach Staub».

«Ich bin nicht zum Scheitern gemacht.»
Shonda Rhimes
Kerry Washington und Shonda Rhimes – mit kaputtem Fuss – bei Jimmy Kimmel.
Kerry Washington und Shonda Rhimes – mit kaputtem Fuss – bei Jimmy Kimmel.bild: gettyimages

Die Titanin kam 1970 als letztes von sechs Kindern in Chicago zur Welt. Ihr Vater war Lehrer, die Mutter Hausfrau, und Shonda liebte nichts mehr als Kassetten mit selbsterfundenen Geschichten vollzuschwatzen. Dass sie Geschichtenerfinden einmal zu ihrem Lebensinhalt machen könnte, kam ihr damals nicht in den Sinn, sie träumte davon, Ärztin, Anwältin oder Politikerin zu werden, genau die Frauen also, die sie später zu Serienheldinnen machte.

In der High School hiessen ihre Vorbilder Whoopie Goldberg und Toni Morrison, sie war Mitglied einer afroamerikanischen Theatertruppe und schrieb in ihrer Freizeit Fiction. Schliesslich studierte sie Drehbuchschreiben in Los Angeles, jobbte erst für eine Werbefirma und dann für die Produktionsfirma von Denzel Washington.

In «Bridgerton» ist in Sachen Farbe alles möglich.
In «Bridgerton» ist in Sachen Farbe alles möglich.Bild: Netflix

Zu ihrem ersten Drehbuchauträgen gehörten das Sequel von «Plötzlich Prinzessin» und «Not a Girl» mit Britney Spears. Herzensangelegenheiten waren das nicht. Denn Shonda Rhimes Herz gehörte etwas ganz anderem: Stundenlangen Dokumentationen über den Spitalalltag. Über die Gespräche, die Ärzte führen, während sie jemanden aufschneiden. Eine Leidenschaft, die sie mit ihren Schwestern teilte. «Grey's Anatomy» war unausweichlich. Und wurde 2005 der Start zu Shonda Rhimes Imperium.

Mehr Geld als ihr hat Netflix nur noch Ryan Murphy, dem Mann hinter «Glee», «American Horror Story», «Hollywood» oder «Ratched» bezahlt, angeblich doppelt so viel wie Rhimes.

Gemeinsam stehen Murphy und Rhimes nun für eine neue Weltordnung, für Sichtbarmachen von Differenzen durch Umkehrung der Verhältnisse, für Toleranz und Inklusion. Beide verpacken ihre Anliegen in Storys, die dermassen dreist süffig und trashig daherkommen, dass alle, die auch nur einen Hauch von Eskapismus-Bedürfnis verspüren (und wer tut das seit dem Einzug von Corona in unser Leben nicht), hilflos die Waffen strecken müssen vor soviel hemmungslos unterhaltsamer Prachtentfaltung.

Das ist nicht immer gleich gut, gelegentlich erzeugt die massenhafte Nachfrage nach ihren Produkten auch unsorgfältige Sturzgeburten, aber dass es den beiden und damit auch Netflix gelingt, ganz furchtlos im Kern hochpolitisches, gesellschaftskritisches Material hochpopulär zu machen, das ist schon bewundernswert. Und zeigt sehr schön, wie sehr wir die sanft bewusstseinsformende Macht der Fiktion im Hintergrund unseres Alltags brauchen.

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14 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Th. Bollinger
06.01.2021 19:57registriert April 2018
Ich bin immer sehr irritiert, wenn äusserliche Merkmale nicht thematisiert werden: Wenn 55 jährige Männer problemlos die unter 25 jährige Frau erobern, wenn die Mutter des 18 jährigen nicht wie ü40, sondern eher wie u30 aussieht, und wenn in historischen Filmen plötzlich Schwarze mit Adelstiteln herumlaufen. Die letzte David Copperfield-Verfilmung zum Beispiel. Irritiert mich total. Colour Blind Casting ist ok, aber nicht in historischen Verfilmungen.
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Rodger
07.01.2021 09:01registriert November 2020
Ich verstehe, dass man schwarzen Schauspieler eine grössere Plattform bieten will, aber irgendwie passt es einfach nicht zur englischen Aristokratie des 18 Jahrhunderts. Aber vielleicht bin ich wenn es um historische Korrektness geht ein Bünzli, bei Last Kingdom hat es mich auch aufgeregt, dass die Rüstungen bei den Kampfszenen falsch waren, obwohl der Autor in den Bücher äusserts akkurat war. Bei mir fällt die Serie dadurch leider durch, bin aber auch nicht das Zielpublikum.
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John Henry Eden
06.01.2021 22:55registriert Januar 2014
False: «Bridgerton» ist gross, prächtig, dekadent, witzig, fies.....

True: «Bridgerton» ist Rosamunde Pilcher mit Sexszenen.
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