«Ich trage den Schmerz bis heute in mir»: Bill Kaulitz über Queerfeindlichkeit
Vor fast genau 21 Jahren platzen «Tokio Hotel» ins Rampenlicht. Am 15. August 2005 erschien ihr Song – und beinahe zeitgleich startete das Geläster über das Liebesleben und die Sexualität von Bill Kaulitz.
Nachdem er sein Privatleben stets für sich behielt, spricht er nun im Stern über seine Erfahrungen – und warum er glaubte, dass Liebe immer wehtun müsse.
Liebeskummer und Einsamkeit
«Ich bin so aufgewachsen», sagt er und erklärt: «Schon als kleiner Junge war ich verliebt in das Unmögliche: meist heterosexuelle Freunde, die eine Freundin hatten.» Er habe die romantische Vorstellung gehabt, dass sexuelle Orientierung keine Rolle spiele. Frei nach dem Motto: «Wenn er mich wirklich liebt, wird er sich für mich entscheiden.»
Tatsächlich habe er noch nie eine «einfache» Beziehung gehabt, in der man sich gemeinsam öffentlich zeigte oder zusammenwohnte. «Es war immer versteckt, ein Wegducken», erzählt er, denn: «Viele Partner sind nicht bereit, neben mir im Rampenlicht zu stehen.»
Das heisst aber nicht, dass er sich als Single ständig einsam fühlt. Der 36-Jährige stellt klar: «Ich war schon allein im Urlaub, ich liebe es, allein mit meinen Hunden zu leben. Aber die Leute um einen herum geben einem oft ein schlechtes Gefühl, als würden sie einen bemitleiden.»
Einzig auf Hochzeiten hole ihn die Einsamkeit ein. «Wenn man dann an den Singletisch gesetzt wird, während alle anderen mit ihren Partnern die Liebe feiern, tut das weh», erzählt er. Und auch wenn die Scheinwerfer ausgehen, wird der Sänger melancholisch: «Wenn das Team Feierabend macht und nach Hause geht, dann fahren alle in ihr Privatleben. Aber ich bin immer noch Bill Kaulitz.»
«Heute kann ich mich wehren»
Manchmal wünsche er sich die Leichtigkeit seiner Jugend zurück. «Menschenmassen machen mir jetzt Angst», sagt er. Doch leicht war Bills Teenagerzeit nicht: «Das war keine behütete Kindheit.»
Der Sänger erlebte schlimme Übergriffe. «Ich trage diesen Schmerz bis heute in mir», sagt er und erzählt: «Damals gab es Situationen, in denen mir die Hose heruntergezogen oder mir im Schwimmbad zwischen die Beine gefasst wurde. Das war für mich fast normal, und aus Scham habe ich es oft niemandem erzählt.»
Heute könne er darüber sprechen, «weil ich ein anderes Selbstbewusstsein habe, das es mir ermöglicht, meinen Schmerz von damals einzuordnen. Vielleicht sogar zu vergessen.» Auch, weil er sich dieser Queerfeindlichkeit im Alltag, in der U-Bahn oder im Supermarkt, nicht aussetzen müsse: «Ich kann heute mit meinen Haaren und meinen Penisschuhen hier sitzen, weil ich weiss, dass ich mich wehren kann.» Das sei für viele andere nicht die Realität.
Trotzdem ist er überzeugt: «Es gab für uns nie die Option, uns anzupassen.» Tom, der als Teenager mit «Fuck Nazis»-Shirts herumlief, stimmt ihm zu – und meint: «Wir hatten auch wahnsinnig viel Glück, dass uns niemand den Schädel eingeschlagen hat.»
Auch ihre Mutter habe sich manchmal Sorgen gemacht und gefragt: «Ach Billy, muss es denn wirklich der pinke Rucksack sein?» Doch Bill meint: «Ich wollte ihn halt tragen.» Und genau das hat er dann getan. (schweizheute.ch)

