Heidi im Hitzesommer: Eine Reise aus den Bergen nach Frankfurt (41,2 Grad)
Der Mann streckt uns einen Eiswürfel entgegen: «Mögt ihr Eis?» Der Eiswürfel ist erstaunlich gross und verheissungsvoll, keine Ahnung, woher er kommt, aus einem ausgetrunkenen Glas wohl, der Mann strahlt, als hielte er eine grosse Kostbarkeit in der Hand – was er in diesem Moment tatsächlich tut. Wir schütteln den Kopf, er zieht weiter, will er Geld dafür? Auf dem Trottoir sitzen und liegen gut zwanzig Junkies, setzen sich Spritzen, delirieren in der Hitze. Jemand drückt uns eine mit viel Elend bebilderte Broschüre in die Hand: «Fakten über Drogen».
Wir sind in Frankfurt am Main. Die offizielle Temperaturangabe lautet 41,2 Grad. Die inoffizielle? «Sicher 50», sagt die Frau für immer an meiner Seite. Wir sind im Bahnhofsquartier, das auch der Einstieg ins Finanzquartier ist, alles hier ist versiegelt, viele Wolkenkratzer, viel Metall, Glas, Teer, alles strahlt, reflektiert, heizt sich auf.
Ich bin an einem persönlichen Tiefpunkt angelangt. Früher fühlte ich mich bei Temperaturen über 32 Grad wie ein Regenwurm auf heissem Asphalt. Mein schlimmster Sonnenbrand sah aus, als wäre meine Schulter an einem Bügeleisen kleben geblieben. Ich habe Fortschritte gemacht. Ich fühle mich nicht mehr wie ein Regenwurm, ich fühle mich jetzt immerhin so stabil wie eine Blindschleiche.
Gestern Freitag sind wir in Frankfurt angekommen. Nach zwei Wochen in den Bergen, wo die beseligende Höchsttemperatur (auf 1600 Metern) 26 Grad betrug. Nachts waren es 20 Grad weniger. Minütlich dankten wir in Gedanken unseren Freunden mit der Wohnung in den Bergen für die wundersame Fluchtmöglichkeit aus der Hitze. Die Schweiz macht's möglich.
Am 25. Juni 2026 verlassen wir die Berge, am 26. setzen wir uns in den Zug nach Frankfurt, denn am 27. soll ich in meinem Zweitleben als Schriftstellerin in Wiesbaden eine Lesung halten, an einem Open-Air-Literaturfestival zwischen grossen deutschen Namen, es wird ein Prachts-Prestige-Projekt. Theoretisch. Sagen wir so: Hochmut kommt vor dem Sonnenstich.
In Frankfurt wollen wir einen unbeschwerten Freitagabend lang Fun haben, zwischen Wolkenkratzern flanieren, etwas «Heidi»- und «Bad Banks»-Feelings einfangen, ein Museum besuchen, essen gehen, vielleicht in eine Hochhausbar, am Samstag dann weiter nach Wiesbaden, am Sonntag zurück nach Zürich.
Das gebuchte Frankfurter Hotel liegt gleich beim Bahnhof. Am Empfang gesteht uns eine unglückliche Rezeptionistin, dass die Klimaanlage an der Hitze gescheitert sei. «Überfordert» ist das Wording. Sie geben uns den Zimmerschlüssel, wir könnten es ja mal versuchen. Es gibt im Zimmer keinen Unterschied zu draussen, wir bringen den Schlüssel zurück, es ist kein Problem. «Wir tun das den ganzen Tag lang», sagt ein verzweifelter Concierge, «und alle zwanzig Minuten schreit uns jemand an». Er tut uns wahnsinnig leid.
Ob er uns ein Hotel empfehlen könne, in dem die Klimaanlage funktionieren würde, fragen wir. Die grossen, preiswerten kommen alle nicht infrage, da sind die Klimaanlagen ebenfalls tot, aber der nette Mensch telefoniert mit einem kleineren Boutiquehotel, das zu seiner Kette gehört. Es schmiegt sich direkt an das ältere der beiden Gebäude der Europäischen Zentralbank, es heisst beinahe wie die böse Firma aus der Serie «Severance», aber nur beinahe. Es ist der Himmel auf Erden. Und verlangt nicht einmal einen Preisaufschlag von uns.
Neben unserem Rettungshotel liegt also die EZB, in die andere Richtung der berühmte «Silberturm». Er ist schlank, 166 Meter hoch, aus Aluminium und gehört seit 2008 der Deutschen Bahn. Gebaut wurde er jedoch für die Dresdner Bank und davor liegt der Jürgen-Ponto-Platz, benannt nach dem Frankfurter Bankier und Vorstandsvorsitzenden der Dresdner Bank, der 1977 von der RAF erschossen wurde. Die Baustelle hat Ponto noch erlebt, den Einzug seiner Bank nicht mehr.
Auf dem Platz steht der mit venezianischem Silbermosaik überzogene Ponto-Brunnen. Im Gegensatz zu jedem sinnvollen Brunnen ist er nicht zur Benutzung gedacht, bloss zur Dekoration. Ein winziges, schattiges Tümpelchen gibt es dennoch, es ist für die Junkies, was für uns die Berge waren. Hitzeflucht.
Ein Museum schaffen wir, das Städel, es zeigt den Boom der Sommerfrische in Frankreich anhand von Monets Lieblingsseebad Étretat in der Normandie. Wie Étretat selbst wird die Ausstellung von Menschen belagert, die a) nach Bildern von Crowdpleaser Monet und b) nach Kühlung suchen. Dass es in dem danebenliegenden Saal mit den spektakulär verschrobenen Drucken von Pieter Bruegel viiiiel kühler und leerer ist, interessiert ausser uns niemanden.
Draussen schlägt meine Blindschleichenhaftigkeit endgültig zu. Mir ist übel, schwindlig, ich kriege Atemnot. Wiesbaden wird abgesagt. Ciao, Pracht-Prestige-Projekt. Überhitzte Helene-Fischer-Fans verlangen, dass ihr Idol die fürs Wochenende angesetzten Konzerte im Kölner Rheinenergiestadion verschiebt. Die leistungsstarke Helene tut das natürlich nicht. 40 Grad in der Arena? Kein Problem! Was Bad Bunny ein paar Tage zuvor in Düsseldorf konnte, kann die Fischer in Köln noch lange!
In der Nachttischschublade des Hotels findet sich neben einer Bibel das «Book of Mormon». Wieso!?!? Weil der Gründer der riesengrossen, weltumspannenden Hotelkette selbst ein Mormone war. 1921 kehrte der 21-jährige John Willard Marriott von zweijähriger Missionsarbeit heim, machte in Washington an einem besonders heissen Sommertag Zwischenhalt und war verblüfft, wie schnell die Eis- und Limonadenhändler ihre Ware an die Hauptstadt-Touristen verkauften. Es muss dieser Moment gewesen sein, der dem Farmersohn zeigte, dass mit Touristen viel Geld zu verdienen war.
Unser Hotel ist eine hervorragend ausgestattete und funktionierende Blase. Wir können uns dies leisten, das müssen wir uns immer wieder vor Augen halten. Wir. Sind. Privilegiert. Viele sind es nicht. Und in anderen Ländern ist es immer so heiss wie jetzt in Frankfurt oder heisser. Wir sind noch nicht bereit für diese Hitze.
Am Sonntag stehen wir mit unserem Supersparpreisticket wieder am Hauptbahnhof. Natürlich fährt unser Zug nicht. Der DB-Info-Schalter ist geschlossen. Einzelne DB-Mitarbeitende fliehen, wenn Fahrgäste wie niedergegarte Zombies auf sie zuwanken. Sehr viele Menschen warten auf sehr wenige Züge. Die Deutsche Bahn ist eine Band namens Fucked & Verloren. Mein Kopf ist ein leeres Schneckenhaus, das sich dreht und dreht. Wie eine Fata Morgana sehe ich einen SBB-Wagen auf Gleis 8 stehen. Theoretisch sollte er schon längst in Richtung Basel abgefahren sein. Ist er aber nicht.
Ein letzter Sprint, ein Sitzplatz, ein Glück. Selten werden wir patriotisch. Jetzt schon. SBB, spick mi furt vo hie! Die Heidis wollen heim!
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