Wie ich das Alleinwandern für mich entdeckt habe
Albert Einstein verbrachte viel Zeit damit, schweigend spazieren zu gehen oder allein auf dem Zürichsee zu segeln. Er schätzte die Stille, um Gedanken zu ordnen, Zusammenhänge herzustellen und neue Ideen miteinander zu verbinden. «Die Monotonie und Einsamkeit eines ruhigen Lebens regen den kreativen Geist an», soll er einst gesagt haben.
Beim Alleinwandern erlebe ich etwas Ähnliches. Nur ist es alles andere als monoton. Im Gegenteil: Es ist ein einziges Abenteuer. Das klingt paradox. Denn was soll daran spannend sein, stundenlang einen Fuss vor den anderen zu setzen, den Schweiss im Nacken und gefühlt immer nur den nächsten Anstieg vor Augen zu haben, bis man irgendwann erschöpft auf einem Gipfel steht?
Die Wahrheit ist: Je weniger passiert, desto mehr nehme ich wahr. Das gilt ganz besonders für meine erste Wanderung allein – und für all das, was in mir vorging, als ich zum ersten Mal einen ganzen Tag mit mir allein in den Alpen unterwegs war.
Schmetterlinge statt Smalltalk
Es ist erstaunlich, wie viel wir im Alltag nicht wahrnehmen, weil unsere Aufmerksamkeit bereits an so vielen anderen Dingen hängt. Dieser Gedanke ging mir durch den Kopf, als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal allein die Glarner Alpen erkundete. Plötzlich nahm ich Dinge wahr, die ich sonst wohl übersehen hätte: die vielen Schmetterlinge, die vielen Grüntöne eines Baumes, den Geruch von Harz. Ohne Begleitung, die einen mit Smalltalk vom brennenden Oberschenkelmuskel ablenkt, schärfen sich die Sinne radikal.
Dass ich überhaupt alleine wandern ging, war schlichtes Terminpech: Niemand hatte Zeit, ich aber Lust auf eine Wanderung. Also ging ich einfach allein los – ohne zu ahnen, dass daraus eine ziemlich philosophische Angelegenheit werden würde.
Stolpern über die eigenen Muster – oder wenn das Ego Navi spielt
Berauscht von der Natur (und dem Sauerstoffmangel) entschloss ich mich, die Wanderung noch etwas zu verlängern – und tat damit natürlich genau das, was man alleine in den Alpen nicht tun sollte: mich verlaufen.
Mein Kopf wurde ziemlich laut. Warum will ich eigentlich immer so viel? Warum reicht mir das, was schon da ist, nicht? Muss es wirklich immer die Extrameile sein? Fragen über Fragen. Ich versuchte, meine Gedanken zu beruhigen, indem ich mir einredete, dass der Umweg vielleicht etwas Gutes hatte: eine ausgedehnte Unterhaltung mit mir selbst.
Wenn niemand mitwandert, mit dem man sich unterhalten oder ablenken kann, wird es schwieriger, sich selbst auszuweichen. Ich beobachtete also meine eigenen Muster (meine Unfähigkeit, es einfach mal entspannt angehen zu lassen) – und lernte mich dabei selbst etwas besser kennen.
«Erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt»
Die Entscheidung war simpel: umdrehen oder einen neuen Weg einschlagen. So wählte ich einen Pfad, der mich durch eine Schlucht zurück ins Tal führte. Vielleicht braucht es manchmal einen Umweg, um überhaupt zu merken, dass es noch andere Wege gibt. Das war zumindest der Trost, an den ich in diesem Moment glauben wollte. Diesmal sollte ich damit sogar recht behalten.
Der heroische Moment war perfekt, als ich nach rund vier Stunden endlich mein eigentliches Ziel erreichte: einen glasklaren Bergsee vor mächtiger Felskulisse. Zumindest theoretisch.
Mental habe ich mich schon reinspringen sehen. In der Realität schob sich genau in diesem Moment eine fette Wolkenwand vor die Sonne. Statt des epischen Sprungs ins eiskalte Wasser entschied ich mich für die Light-Variante: Zehen ins Wasser tunken, mich ins Gras legen und feststellen, dass das Leben einen schmutzigen Humor hat. Ich dachte darüber nach, wie verbissen wir oft versuchen, unser Leben zu planen – und wie wenig Kontrolle wir tatsächlich darüber haben.
Ich hatte mir diesen Moment definitiv anders vorgestellt. Aber da wurde mir bewusst, dass das Ziel nicht immer das Entscheidende ist. Die wahre Zufriedenheit lag im Hindernislauf davor, im lauten Nachdenken und in der absoluten Freiheit, meine Route genauso durchgezogen zu haben, ohne mich vor jemand anderem rechtfertigen zu müssen.
Vertrauen in den eigenen Weg
Auf dem Rückweg waren die Beine zwar schwer, das Herz aber leicht. Ich mochte dieses Gefühl, etwas ganz allein geschafft zu haben – dieses Kribbeln irgendwo zwischen Nervosität, Unsicherheit und Vorfreude. Es lässt mich seither immer wieder alleine losziehen.
Alleinwandern ist das beste Training gegen die eigene Unentschlossenheit. Welchen Weg soll ich einschlagen? Umdrehen oder durchziehen? Manchmal landet man in der Sackgasse, manchmal vor einer grandiosen Aussicht. Das Wichtigste ist am Ende nicht, ob man den perfekten Weg erwischt hat, sondern dass man den Mut hatte, überhaupt erst loszugehen.
