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«Schachspieler hassen sich viel zu sehr»: GothamChess im Interview

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«Plötzlich hassten mich 300 Millionen Menschen – wegen eines Videos»

Levy Rozman (30) alias GothamChess ist der erfolgreichste Schach-Influencer der Welt – und kommt nun in die Schweiz. Im Interview spricht er über Millionen-Einnahmen durch YouTube, Betrug mit Analperlen – und erklärt, warum er Roger Federer zu einem super Schachspieler machen könnte.
12.09.2026, 21:0712.09.2026, 21:07
Yannick Nock / ch media
Lehrt Millionen die richtigen Züge: Levy Rozman.
Lehrt Millionen die richtigen Züge: Levy Rozman.bild: zvg

Sie wurden als Kind gemobbt, weil Sie Schach spielten. Heute hat genau dieses Spiel Sie berühmt gemacht und Ihnen Millionen Follower beschert. Denken Sie manchmal an Ihre Mobber zurück?
Nein, aber es ist schon witzig: Heute besuchen häufig Jugendliche meine Shows, die mich früher wahrscheinlich gemobbt hätten. Sie wissen schon: grosse, starke, athletische Typen. Bei uns war es an der Schule wie in den Hollywood-Filmen. Es gab die Sportler und die Nerds, ich war definitiv ein Nerd.

Wie war es für Sie, in der Schule als Schachgenie zu gelten?
Es war schlimm, als mich die Lehrer eines Tages gezwungen haben, meine Trophäen mitzubringen. Heute würde das wohl Eindruck machen, aber damals … (er schüttelt den Kopf) … damals wäre mein Ratschlag gewesen: Erzähle bloss niemandem, dass du Schach spielst!

Wenn Sie heute mit dem 12-jährigen Levy sprechen könnten, was würden Sie ihm sagen?
Ich würde ihm raten, niemals mit Schach aufzuhören. Mit zwölf Jahren hatte ich zum ersten Mal Schwierigkeiten, in der Rangliste weiter nach oben zu klettern. Deshalb habe ich drei, vier Jahre ganz damit aufgehört. Meine Eltern hat das lustigerweise überhaupt nicht gestört, aber sie waren auch zu sehr damit beschäftigt, sich scheiden zu lassen.

The Internet’s Chess Teacher
Levy Rozman (30) ist ein US-amerikanischer Schachspieler und Internationaler Meister. Unter dem Namen «GothamChess» betreibt der gebürtige New Yorker mit acht Millionen Abonnenten den grössten Schachkanal auf YouTube. Seine unterhaltsamen Videos wurden über sechs Milliarden Mal angeschaut. Der Bestsellerautor gilt als «Schachlehrer des Internets», Nicht-Schachfans bekann als der Mann in Memes, der «The Roooook» schreit. Im Rahmen seiner Europa-Tournee tritt Rozman am 3. November erstmals im Volkshaus Zürich auf.

Sie bereuen also die lange Pause?
Vielleicht wäre ich heute ein Grossmeister, wenn ich weitergespielt hätte. Aber dann hätte ich wohl nie dieselbe Karriere hingelegt.

Als was sehen Sie sich selbst: Schachspieler, Lehrer, Entertainer oder Unternehmer?
Ich würde sagen, als Unternehmer. Ich liebe einfach das Spiel. Meine Videos haben über sechs Milliarden Views auf YouTube, ich habe Bücher geschrieben – und nun gehe ich auf Europa-Tournee. Aber Sie können mich nennen, wie Sie wollen: Bestseller-Autor oder verdammt gutaussehender Typ, ich bin offen für alles (lacht).

Ihr erstes Geld verdienten Sie als Schachlehrer an einer Schule. Zehn Dollar pro Stunde. Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie merkten: Moment mal, mit Schach kann ich reich werden?
Ja, das war Ende 2020. Da kam die Netflix-Serie «The Queen's Gambit» heraus. Auf YouTube wurden neben dem Trailer plötzlich meine Videos angezeigt. Innert 48 Stunden sprang die Zahl der Zugriffe von 80'000 auf über zwei Millionen. Das war der erste Hinweis: Oh, hier passiert gerade etwas Aussergewöhnliches.

Wie viel verdient ein YouTuber auf Ihrem Niveau? Über eine Million pro Jahr?
Ich bin kein Fan davon, eine genaue Zahl zu nennen, aber ja, mit einem Kanal meiner Grösse kann man definitiv einen siebenstelligen Betrag erreichen. Manche verdienen allerdings noch viel mehr als ich.

Sie sind mittlerweile so bekannt wie die allerbesten Schachspieler der Welt. Gibt es unter Grossmeistern auch Neid auf Ihren Erfolg?
Ja, definitiv. Manchmal lese ich negative Kommentare über mich. Viele mögen uns Content-Creators nicht. Dass meine Videos unter den Grossmeistern Thema sind, hat mir selbst Magnus Carlsen (bester Schachspieler der Welt) bestätigt.

Woher kommt diese Abneigung?
Das Problem ist, dass die Spitzenspieler finanziell nicht im gleichen Masse vom Wachstum profitiert haben wie die Influencer. Sie arbeiten ihr ganzes Leben lang an etwas unglaublich Schwierigem – und wenn sie dann wirklich zu den Besten gehören, reicht es finanziell trotzdem nicht, zumindest wenn sie nicht zu den Top 10 gehören.

Magnus Carlson (rechts) und Hikaru Nakamura (links) reden über Levy Rozman – angeschlossen an einem Lügendetektor.Video: YouTube/GothamChess

Unter den Grossmeistern, auch den Top 10, scheint es viele Animositäten zu geben – vielleicht sogar mehr als unter anderen Spitzensportlern.
Oh ja, auf jeden Fall!

Warum?
Es ist schon seltsam. Im Tennis können Alcaraz und Sinner oder Federer und Nadal gemeinsam in der Sauna oder im Eisbad sitzen. Auf dem Platz willst du deinen Gegner zwar zerstören, aber persönlich besteht kein Hass. Schachspieler würden so etwas niemals tun, nie im Leben! Sie hassen sich viel zu sehr.

Dann stimmt das Klischee, dass Spitzenschachspieler häufig sozial unbeholfen sind?
Das stimmt zu einhundert Prozent. Ich bin sicher, dass Schach auf Top-Niveau die sozial-emotionale Entwicklung beeinträchtigt, weil die Spieler sich für den Erfolg stark isolieren. Beim Sport kann man die körperliche Energie herauslassen, beim Schach nicht. Ausserdem ist das Medientraining in anderen Sportarten viel besser. Und es gibt gute Vorbilder, Federer zum Beispiel.

Sie wirken sozial nicht unbeholfen.
Ich bin auch nicht einer der besten Spieler der Welt. Als internationaler Meister zähle ich vielleicht zu den Top 2000, mehr nicht. Aber bei 600 Millionen Schachspielern weltweit ist das nicht so schlecht.

Kommen , wir zu einer der grossen Schachfragen der Moderne: Kann man tatsächlich mit Analvibratoren betrügen?
Ich habe es nie ausprobiert, tut mir leid! Aber der Betrugsskandal um den jungen Amerikaner Hans Niemann und Magnus Carlsen war schon verrückt. Hans soll via Analsonde Zeichen bekommen haben. Aber es ist auch wichtig, festzuhalten – ich will schliesslich nicht verklagt werden –, dass das unseres Wissens nie passiert ist.

Wie absurd ist es, dass wir trotzdem darüber sprechen müssen?
Nun ja, sich Dinge in den Hintern zu stecken – das ist schon ein bisschen absurd. Aber ein kleines Gerät im Schuh, das vibriert, wenn ein entscheidender Zug ansteht? Ich bin mir sicher, dass immer mehr Leute solche Dinge ausprobieren. Es ist erschreckend einfach, beim Schach zu betrügen. Computer sind seit so vielen Jahren dem Menschen überlegen. Heute kann dich wahrscheinlich dein Kühlschrank im Schach besiegen.

Haben Sie sich damals gedacht: Analvibratoren sind zwar völlig absurd, aber für mich ist dieses Drama grossartig?
Ich habe mir nicht wie Mr. Burns aus «Die Simpsons» die Hände gerieben, aber ich habe natürlich die Zahlen bei meinen Videos gesehen. Selbst Elon Musk hat die Theorie der Analkugeln weiterverbreitet. Und heute gibt es sogar eine Netflix-Doku darüber. Crazy!

Hat er betrogen? Die Netflix-Doku über einen absurden Vorwurf.Video: YouTube/Netflix

Hat der Skandal zum Schachboom beigetragen?
Die Pandemie war gewissermassen der Anfang, «The Queen's Gambit» hat dann zum höchsten Ausschlag geführt, danach kamen noch die Analperlen dazu. Schach boomt noch immer – und damit auch meine Videos.

Lassen Sie uns über die Macht der Algorithmen sprechen. Sie haben selbst erlebt, wie eines Ihrer Videos völlig ausser Kontrolle geriet.
Ja, ein ganzes Land hat mich gecancelt. Plötzlich hassten mich 300 Millionen Menschen – nur wegen eines Videos. Ich musste meine Inhalte im Land sperren lassen, es war völlig verrückt.

Wir sprechen über Indonesien.
Genau. Im März 2021 spielte ich online gegen einen indonesischen Spieler, den ich des Betrugs verdächtigte. Chess.com prüfte seine Partien und sperrte ihn – ich habe nichts Falsches gemacht, wie sich auch später herausstellte.

Warum ist es eskaliert?
Der Sohn des Spielers machte den Fall auf Facebook öffentlich und behauptete, sein Vater sei unschuldig. Das löste eine Welle der Empörung aus. Ich wurde als arroganter, mächtiger Streamer gebrandmarkt, der nicht verlieren kann. Tausende indonesische Fans überschwemmten meine Social-Media-Kanäle. Es artete komplett aus, bis hin zu Morddrohungen.

Was hat das mit Ihnen gemacht?
Ich hatte keine Todesangst, aber es war schrecklich. Ich habe nicht gut geschlafen. Das hat mir gezeigt, welche enorme Macht etwas entwickeln kann, sobald es im Internet über dich verbreitet wird.

Macht Ihnen der Einfluss der Social-Media-Algorithmen manchmal selbst Angst?
Ich bin überzeugt, dass zumindest meine Inhalte der Welt grundsätzlich etwas Positives geben, aber es gibt so viel Unsinn. Ich sass einmal im Flieger und habe gesehen, wie ein kleines Kind vor mir einfach ein YouTube-Video nach dem anderen geschaut hat. Fünf Stunden lang! Das macht mir Angst. Kein Wunder, wollen viele Länder Social Media für Kinder verbieten.

Welchen Einfluss hat Schach auf die Entwicklung von Kindern?
Schach stärkt das Selbstvertrauen und fördert kritisches Denken. Es lehrt Geduld und einen guten Umgang mit Niederlagen. Und natürlich hilft es bei der Konzentration. Ich finde, jedes Kind sollte mit fünf Jahren mindestens einen Monat lang Schachunterricht bekommen. Und nicht etwa, damit sie alle meine Bücher kaufen.

Haben Sie schon einmal gegen ein Kind verloren?
Natürlich. Ich kann wahrscheinlich fast jedes Kind auf der Welt schlagen, das jünger als zehn ist. Aber es gibt tatsächlich schon Zehnjährige, die besser sind als ich.

Schach ist noch immer stark männlich geprägt. Warum interessieren sich deutlich weniger Mädchen dafür?
Ich denke, Eltern schicken ihre Kinder oft in unterschiedliche Klassen. Traditionell gehen mehr Mädchen zum Tanzen, mehr Buben zum Schach. Zudem ist es unangenehm, das einzige Mädchen unter zehn oder 15 Jungs zu sein. Aber es verändert sich: Als ich meinen Kanal startete, bestand mein Publikum zu 99 Prozent aus Männern, heute sind es noch 88 Prozent.

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Levy Rozman fordert einen Kontrahenten heraus.Bild: www.imago-images.de

Können wir also in zehn oder 15 Jahren eine Frau als Schachweltmeisterin sehen?
Im Moment gibt es leider nur sehr wenige Mädchen weltweit, die sich auf einer entsprechenden Entwicklungskurve befinden. Ich glaube, es ist vor allem ein Zahlen-Problem, das hat nichts mit Intelligenz zu tun. Wenn eine Gruppe dermassen in der Minderheit ist, ist es zwangsläufig viel unwahrscheinlicher, dass aus ihr die beste Spielerin der Welt hervorgeht.

Sie kommen auf Ihrer Europa-Tournee im November nach Zürich. Ist es Ihr erster Besuch in der Schweiz?
Ja, ich freue mich nach diesem Sommer auf wunderbare Städte, Schokolade und die Kälte. Vielleicht schneit es sogar, das soll in der Schweiz ja häufig vorkommen. Aber viel kenne ich noch nicht von Ihrem Land.

Einen der berühmtesten Schweizer überhaupt haben Sie bereits erwähnt …
… Roger Federer, klar!

Wer ist der Grössere in seinem Sport: Magnus Carlsen oder Roger Federer?
Da muss ich fast Magnus sagen – einfach wegen seiner Dominanz. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die 15 Jahre lang die Nummer eins der Welt waren und immer noch ganz oben stehen. Aber klar, beides sind GOATs (Greatest of All Time).

Federer hatte Nadal und Djokovic als grosse Rivalen. Wäre Carlsen noch besser geworden, wenn ihn jemand wirklich gefordert hätte?
Wahrscheinlich schon, aber wäre er auch glücklicher? Ich glaube, Magnus geniesst es, gegen bestimmte Rivalen zu spielen, die ihn ein wenig pushen – nur um sie dann zu zerstören. Er gewinnt lieber, als einen Rivalen zu haben. Er hätte weniger Titel gewonnen und wäre vielleicht nicht der Mythos, der er heute für die Schachwelt ist.

Letzte Frage: Was ist wahrscheinlicher? Dass Sie Federer zu einem respektablen Schachspieler machen oder Federer Sie zu einem respektablen Tennisspieler?
Ich könnte Federer tatsächlich zu einem der Top 1 Prozent der Schachspieler weltweit machen. Das ist bereits bei einer Wertung von 1800 Elo der Fall. Nicht nur, weil ich einer der besten Schachlehrer der Welt bin (lacht), sondern weil es in dem Alter noch möglich ist. Aber es gibt keine verdammte Chance, dass Federer aus mir je einen guten Tennisspieler macht! (schweizheute.ch)

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