«Ich stehe gerade wirklich auf dem Höhepunkt meiner Karriere»
Shakira befindet sich gerade auf einem Höhenflug ihrer Karriere. Anfang Mai spielte die Kolumbianerin am Copacabana-Strand in Rio de Janeiro vor zwei Millionen Menschen, der Oberste Gerichtshof in Spanien sprach sie jüngst vom Vorwurf des Steuerbetrugs frei und ordnete die Rückzahlung von satten 55 Millionen Euro an. In Madrid wird sie zwölf Konzerte geben und mit ihrem neuen Song «Dai Dai» (Italienisch für «Auf geht’s») sorgt der 49-jährige Weltstar des Latin-Pop für eine Portion WM-Vorfreudekribbeln. Im Interview spricht sie über die Wichtigkeit von Bildung, ihre eigenen Kinder und über sich als Fussballfan.
Sie werden zusammen mit Madonna beim WM-Final in der Halbzeit auftreten. Wie gehen Sie an diesen Auftritt heran?
Shakira: Zunächst mal fühle ich mich natürlich unglaublich glücklich und geehrt, dass ich dabei sein kann. Diese Show wird etwas ganz Aussergewöhnliches werden. Ich werde selbstverständlich meinen Song «Dai Dai» präsentieren. Und ich glaube, dass dieser Auftritt noch bedeutsamer sein wird als alles, was ich bei früheren Weltmeisterschaften erlebt habe. Denn «Dai Dai» ist viel mehr als ein reines WM-Lied.
Inwiefern?
Der Song ist eine Botschaft an jedes Kind, dem man gesagt hat, sein Traum sei zu gross. Er ehrt Legenden des Fussballs wie Pelé, Messi und Ronaldo – aber nicht als blosse Hommage, sondern um uns an Folgendes zu erinnern: Jeder Champion hat einmal als Kind angefangen, das gekämpft hat, das aber nie aufgegeben hat, weil ihn jemand unterstützt hat. Hinter jedem Champion stehen immer Menschen, die an ihn glauben. Das ist meine Botschaft.
«Dai Dai» ist also mehr als nur ein fröhlicher Sommersong für Sie?
Wir wollen sicherstellen, dass die Bedeutung von Bildung an diesem Abend der eigentliche Star ist. Das klingt vielleicht gross, aber es ist ein konkreter Plan. Wir arbeiten hart daran, mehr als 100 Millionen Dollar zu sammeln, die gezielt für Bildungsprojekte eingesetzt werden sollen – für genau jene Kinder, die keinen Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung haben. Derzeit sind bereits rund 40 Millionen Dollar zusammengekommen, aber wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Ich spende 100 Prozent meiner Einnahmen aus diesem Song an den FIFA Global Citizen Education Fund. Das bedeutet: Jedes Mal, wenn jemand den Song streamt oder das Video ansieht, trägt er dazu bei, mehr Chancen für Kinder auf der ganzen Welt zu schaffen – von Uganda über Kolumbien bis nach Mumbai.
Bildung ist seit langem ein persönliches Herzensthema für Sie?
Ich mache seit meinem 18. Lebensjahr im Grunde zwei Dinge: Ich schreibe Songs, und ich baue Schulen. Und jetzt, bei dieser WM, kommen diese beiden Leidenschaften endlich zusammen. Das einzige Werkzeug, das wir wirklich haben, um die Welt zu verändern, ist Bildung. Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind grosszuziehen – und es braucht uns alle als Erwachsene, um Kindern die Chancen zu geben, die sie verdienen.
Als Sie 2010 für die WM den Song «Waka Waka» aufgenommen haben, schien die Welt voller Optimismus. Das 2026er Grundgefühl ist weitaus pessimistischer mit Krisen, Kriegen und vielerorts einer gespaltenen Gesellschaft.
Ja, dem stimme ich zu.
Hat «Dai Dai», Ihre Musik generell, für Sie das Zeug, unser aller Stimmung zu verbessern?
Ich denke, es ist gerade jetzt notwendiger denn je, dass die Menschen zusammenkommen. Die Algorithmen manipulieren die Reaktionen der Menschen, spalten sie, wiegeln sie gegeneinander auf. In dieser Welt brauchen wir die Begeisterung für eine gemeinsame Sache – wie zum Beispiel Fussball oder eben auch Musik. Musik hat die Kraft, Menschen zu verbinden, die sonst nichts miteinander verbindet. Und wenn diese Kraft einem so wichtigen Ziel dient wie der Bildung, dann halte ich das wirklich für etwas sehr Bedeutendes.
Was macht für Sie einen grossartigen WM-Song aus?
So ein Song braucht einen kraftvollen Beat, zu dem alle tanzen können. Dazu Energie, Leidenschaft und eine klare, kohärente Botschaft. Entscheidend ist ein gewisses Element der Innovation, das neugierig macht und aufhorchen lässt. Deshalb habe ich mir auch Zeit gelassen, diesen Song zu entwickeln. Als ich ihn der FIFA präsentiert habe, waren alle begeistert, weil er all diese Zutaten vereint, die ich mir für einen WM-Song wünsche.
Ed Sheeran hatte bei «Dai Dai» ebenfalls seine Finger drin. Wie ist der Song genau entstanden?
Auf eine sehr natürliche Weise. Ich sagte zu Ed, «Du, lass uns etwas für diese WM machen.» Er war sofort dabei, denn es war schon immer sein Traum, Musik für eine Weltmeisterschaft zu machen. Er hat seinen Teil beigetragen, ich habe mein eigenes Ding daraus gemacht und den Rest der Worte und der Musik wirklich sehr schnell geschrieben. Alles ging ganz leicht, ganz so wie damals bei «Waka Waka».
Wann wissen Sie, ob ein Song etwas taugt?
Ich mache meine Musik immer zunächst für mich selbst. Wenn mich ein Song zum Tanzen bringt und mir ein gutes Gefühl gibt, dann weiss ich, dass er stimmig ist. «Dai Dai» ist definitiv ein Feel-Good-Song. Er handelt von Entschlossenheit und davon, dass ein echter Sieger auch Schwierigkeiten kennt. Und trotzdem ist er leichtherzig, hymnisch und einfach wie gemacht, um sich dazu zu bewegen.
«Waka Waka» gilt als einer der besten WM-Songs aller Zeiten. Welche Bedeutung hat diese Nummer für Sie heute, sechzehn Jahre später?
«Waka Waka» hatte einen enormen Einfluss auf mein Leben. Er hat mich zur Mutter gemacht, denn dank «Waka Waka» habe ich den Vater meiner Kinder kennengelernt. Milan ist jetzt 13, Sasha 11, die beiden sind die Sonne meines Lebens und das Schönste, das mir je passiert ist. Ich bin dankbar, dass ich meine Waka-Babies habe. Ich wollte Mutter werden, seit ich ein Kind war – das war immer einer meiner tiefsten Wünsche und eine noch grössere Priorität als meine musikalische Karriere.
Sie sind jetzt seit 30 Jahren professionell im Musikgeschäft tätig. Gab es jemals einen Moment, in dem Sie das Gefühl hatten, den Zenit überschritten zu haben?
Im Gegenteil. Es ist seltsam, aber obschon ich das schon so lange mache, fühle ich mich noch immer, als würde ich gerade erst anfangen. Ich bin so leidenschaftlich wie eh und je, so verliebt in meine Karriere wie immer. Ich staune selbst, wie gut ich das verbinden kann, einerseits Mutter mit ganzem Herzen zu sein und andererseits so sehr für meine Musik zu brennen wie am ersten Tag. Ich stehe gerade wirklich auf dem Höhepunkt meiner Karriere.
Sie haben nicht nur spanische und kolumbianische, sondern auch italienische Wurzeln. Was sagen Sie dazu, dass Italien bei der WM nicht dabei ist?
Ich war supertraurig, als sich Italien nicht hat qualifizieren können. Ja geradezu untröstlich. Aber so ist es halt.
Und zu wem halten eigentlich Ihre Söhne? Sie sind Kolumbianerin, deren Vater, Ex-Nationalspieler Gerard Piqué, ist Spanier.
Oh, das ist einfach (lacht). Wenn Kolumbien spielt, tragen sie das kolumbianische Trikot, und wenn Spanien spielt, das spanische.
Sie werden ab Mitte Dezember eine ganze Reihe von Konzerten in Madrid in einem extra für Sie errichteten Pop-up-Stadion spielen. Warum ausgerechnet Madrid, und denken Sie, das Konzept der sogenannten «Residencies» ist die Zukunft der Livemusik?
Ja, ich denke, diese Residency-Formate werden eine wichtige Rolle in der Zukunft der Branche spielen. Was wir präsentieren wollen, ist die grösste und tollste Show, die ich je in meinem Leben gespielt habe. Und das geht besser, wenn man dafür an ein und demselben Ort bleibt. Für Madrid haben wir uns entschieden, weil Madrid eine der lebendigsten Städte Europas ist. Ich liebe Madrid. Alle lieben Madrid. Wir hatten zunächst drei Shows geplant, aber die Nachfrage war so gross, dass wir immer mehr hinzugefügt haben. Mittlerweile sind wir bei zwölf Stadionshows. Und ich werde dort alles geben. Es wird neue Elemente geben, neue Songs, besondere Gäste. Ich werde jeden Abend die Bude einreissen, das verspreche ich (lacht). (schweizheute.ch)
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