BBC-Doku über Jared Leto und seine minderjährigen «Lolitas» ist eine neue Hölle
Es ist wieder wie bei Russell Brand: out in the open. Vor aller Augen. Jahrelang. Man hätte einfach nur genau hinsehen und hinhören müssen. Und dann eingreifen, sagen: Junge, mach sofort eine Therapie, dein Verhalten ist so fern von jedem zwischenmenschlichen Umgang! Oder die Polizei einschalten. Man hätte … Später ist man immer weiser. Später, das heisst nach der BBC-Dokumentation «Jared Leto: Hollywood's Dark Secret», die in der Nacht auf Donnerstag ausgestrahlt wurde.
Brand war sexsüchtig, hat das immer wieder zum Thema seiner Comedy-Programme gemacht und die Welt sagte sich, ach, der lustige Brite, wie er wieder übertreibt! Erst 2023, nach einer Dokumentation von Channel 4, wurde klar, dass die Sexsucht äusserst real gewesen war und Übergriffe zur Folge gehabt hatte.
Wie bei Brand drehte sich auch Jared Letos Vokabular in der Vergangenheit fast zwanghaft um das Thema Sex. Und um dessen eigentliche Bedeutung. «Alles dreht sich um Sex, ausser Sex. Sex dreht sich um Macht», sagte er in einem Interview. Auf der Höhe seines Ruhms, als er 2014 den Oscar für seine Rolle als trans Frau im Aidsfilm «Dallas Buyers Club» gewann, behandelte er die Trophäe als seine persönliche Peniserweiterung: «Wollt ihr ihn befummeln?», fragte er die anwesende Presse anzüglich.
Die BBC nennt Jared Leto nie sexsüchtig, doch es wird im Zuge des 60-minütigen Films ebenfalls sehr schnell klar, dass er das ist oder zumindest war. Und dass er dabei besonders oft einen besonderen Kick brauchte: Minderjährige. Mädchen zwischen 14 und 17.
Zwei Männer, die jahrelang mit Letos Band Thirty Seconds to Mars auf Tour waren, beschreiben es so: Sie waren verpflichtet, während der Konzerte möglichst junge Teenager aus dem Publikum zu pflücken und in den Backstagebereich zu bringen. Sie waren verpflichtet, in Städten mit einer hohen Modelagentur-Dichte junge weibliche Models mit VIP- und Backstage-Pässen zu versorgen. Tagsüber, wenn Leto und die Band probten oder zuhause rumhingen, kamen meist zwei Mädchen für Leto, zuerst ignorierte er sie, dann erniedrigte er sie verbal, beschimpfte sie, dann ging's ins Schlafzimmer, einige wurden von den Eltern gebracht und abgeholt. Tag für Tag für Tag. Eingeschritten ist niemand. Alle mussten Verschwiegenheitsvereinbarungen unterschreiben. Auch sie sind Schuldige. Doch paradoxerweise fühlen sich die Opfer am schuldigsten. Das ist allzu oft die fiese Konsequenz von derartigem Missbrauch.
Der BBC sind 120 Vorwürfe von mutmasslichem sexuellem Fehlverhalten des Schauspielers und Sängers bekannt, fünf Frauen äussern sich vor der Kamera, vier waren zum Zeitpunkt ihrer Begegnung mit Leto minderjährig. Der jüngste ihrer Fälle liegt zwölf Jahre zurück, der älteste 27.
Ein Mädchen ist 14 Jahre alt, als es 1999 mit ihrer Mutter nach einem Konzert von Thirty Seconds to Mars für ein Autogramm von Leto ansteht. Sie bittet ihn, auf ihrem T-Shirt zu unterschreiben. Er signiert über ihren Brüsten, sagt: «Toller Busen», und befiehlt einem Security Guard, sie hinter die Bühne zu bringen. Ihre Mutter protestiert: «Das ist meine Tochter und sie ist verdammte 14!» «Trotzdem toller Busen», sagt Leto.
Einem Model, das nach einer langen Filmpremieren-Party betrunken, ohne Geld und ohne Akku in seinem Hotelzimmer landet, droht er mit: «Wenn du hier schläfst, erwachst du morgen mit meinem Schwanz im Hintern.»
Da ist «Etta» (ein Pseudonym), der er auf dem Weg in eine Modelagentur in Los Angeles nachläuft. Sie ist 17, er 34, er gibt ihr seine Nummer, sie texten und telefonieren, schnell fragt er, ob sie noch Jungfrau sei und so weiter, er benutzt dazu stets eine unterdrückte Nummer. Und dann meldet sich auch plötzlich ein Christian, angeblich ein Freund von Leto, der mit ihr Pornos drehen will. Christians Neugier geht noch weiter als die von Jared. Jared ist Schauspieler, Christian wahrscheinlich sein Alias. Der Kontakt versiegt, zwei Jahre später schickt ihr Leto eine Verschwiegenheitserklärung, die sie unterschreiben soll, sie tut es nicht.
Auch andere Frauen erhalten während ihrer Konversationen mit Jared Leto Texte und Anrufe seiner angeblichen Freunde. Die Duplikation einer Perversion quasi. Er muss sich neben seinen Dreharbeiten und Konzerten mit nichts anderem als realem Sex mit seinen «little girls» und «Lolitas», wie er die Mädchen nannte (er selbst war «Daddy») und sexuellen Fantasien, die er in Texten und Telefonaten auslebte, beschäftigt haben. Und wie bei Weinstein und Epstein und Lindemann gab es auch bei ihm die beflissenen Mitarbeiterinnen, die zweifelnde Mädchen so lange mütterlich manipulierten, bis sie mitgingen. Mutmasslich.
Russell Brand hielt sich für einen neuen Jesus. 30 Seconds to Mars gründete die sektenartige Gemeinschaft «Mars Island» und Jared Leto wurde zu deren Guru. Fans nennen ihn Jesus. Es geht um Narzissmus. Um masslose Selbsterhöhung, die mit der Erniedrigung von Frauen einhergeht. Es ist immer die gleiche Geschichte. Immer wieder. Immer noch. Vor aller Augen. Kann man mit diesen ach so possierlichen Exzentrikern vielleicht einfach mal einen Anstands-Eignungstest machen, bevor man ihnen die grössten Bühnen gibt? Kann man nicht, klar. Selbstverständlich bestreitet Leto die Anschuldigungen.
Leto spielte letztes Jahr die Hauptrolle im Disney-Film «Tron: Ares» und heuer Skeletor in «Masters of the Universe», ein bezeichnender Titel für ihn, auch sonst läuft's gut bei ihm, nächstes Jahr sollen Thirty Seconds to Mars wieder auf grosse Tournee gehen. Die Fans würden bei ihnen an erster Stelle stehen, schreibt die Band auf ihrer Homepage. Ein Hohn.
