Leben
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American designer Kyle Cooper poses with the Pardo

Kyle Cooper, Ladies and Gentleman. Seinen Ehrenleoparden vom Filmfestival Locarno hat er schon seit mindestens dreissig Jahren mehr als verdient. Bild: KEYSTONE

Interview

Diesen Mann kennen wir alle. Er verbrennt am liebsten Dämonen

Kyle Cooper ist der Grossmeister der kleinen Dinge, mit denen hunderte von Filme und Serien beginnen. Ein Gespräch über die Jungfrau Maria, Kindheitstraumata und seine Angst, dem Satanismus zu verfallen.



Er hat dunkle Fantasien. Sie plagen sein Gewissen, denn: Er ist Christ. Das führt zu riesigen Interessenskonflikten zwischen seinem Geldjob und seinem spirituellen Boss. Doch dazu etwas später. Beginnen wir beim Intro der Intros. Oder dem Vorspann, der Titelsequenz, kurz, diesem Ding, das zu benennen beinah so schwierig ist wie der Warentrennbalken auf dem Fliessband vor einer Supermarktkasse.

Herr Cooper, das Einzige, was in Ihrem Portfolio noch fehlt, ist der Vorspann eines Bond-Films. Sonst haben Sie ja alles von «American Horror Story» über «Avengers», «Se7en», «The Walking Dead», «Feud», «Hulk», «Godzillas» etc. schon gemacht. Hätten Sie keine Lust auf den Klassiker unter den Titelsequenzen?
Und ob! Vor vielen Jahren wurde ich gefragt, ich glaube, es war Lee Tamahori für «Die Another Day». Ich hab mich total gefreut, aber dann hiess es, ich müsse zuerst britischer Staatsbürger werden, um bei einem Bond mitzumachen.

Wenn ich Ihre Arbeiten anschaue, dann schmilzt, brennt, zerspringt immer irgendwas. Als müssten Sie andauernd das gute alte Celluloid zerstören. Was ist daran so faszinierend?
Ich scheine immer auf dieses eine Bild zuzusteuern: Auf Gesichter, die zerstört werden. In «Se7en» gibt es einen Jungen, dessen Augen übermalt werden, in «American Horror Story» brennen die Gesichter kleiner Kinder ... Ich glaube, es gibt in meiner Arbeit dieses Thema, dass junge Menschen dabei zuschauen müssen, wenn entsetzliche Dinge geschehen. Ich weiss nicht, ob das unterbewusst mit meiner Kindheit zu tun hat, ob ich da entsetzliche Dinge gesehen habe ...  

Intro zu «Se7en» (1995)

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Video: YouTube/totalcinemania

... an die Sie sich nicht erinnern?
Ich hab nie gesagt: Ich muss die Gesichter von Kindern verbrennen, weil ich selbst als Kind Zeuge von Gewalt oder so wurde. Es ist einfach da. Neulich habe ich mir «American Horror Story» wieder angesehen und gedacht: Krass, wie viel ich verbrenne. Und als ich für «Fahrenheit 451» gearbeitet habe, verbrannte ich logischerweise viele Bücher und Buchcover. Aber mir war, als würde ich Menschen, nicht Bücher verbrennen. Ich dachte: Wenn wir Bücher verbrennen, verbrennen wir auch die Menschlichkeit.

Ihre Titelsequenzen sind wie kleine Zusammenfassungen oder Analysen dessen, was danach kommt. Haben Sie sich im Fall von «Se7en» gefühlt, als wären sie Sigmund Freud und David Fincher läge bei Ihnen auf der Couch?
Ich betrachte mich nie als Analytiker, ich betreibe keine Forschung, ich will bloss die Geisteskrankheiten und die Obsessionen eines Regisseurs und seiner Figuren verstehen und mich in sie hineinfallen lassen. David hat eine sehr dunkle Seite. Ich vermute mal, er war sich nicht bewusst, wie dunkel ich sein kann. Die Kombination unserer beiden Dunkelheiten hat diese interessante kleine Arbeit hervorgebracht.

Monster auf der Couch. Aus «American Horror Story: Hotel» (2015)

kyle cooper

Bild: via art of the title

Was ist schwieriger: Einen Film oder eine Serie zu eröffnen? Schliesslich ist das Intro einer Serie sowas wie das Dach, unter dem stärkere und schwächere Folgen und verschiedene Regisseure zuhause sein müssen.
Ja! Das ist doch das, was eine Stimmung setzt, eine Erwartung schürt und damit alles zusammenhält. Meine Brüder und ich freuten uns früher besonders auf die Titelmelodien. Ganz ehrlich? Ich ärgere mich über diese Funktion bei Netflix, mit der man den Vorspann überspringen kann.

Die ist sehr unhöflich.
Absolut unhöflich! Und ja, ich ziehe Filme vor. Besonders solche, in denen die Titelsequenz bereits Teil der Handlung und damit nicht ignorierbar ist. Wahrscheinlich kommen wir irgendwann an den Punkt, wo jede einzelne Folge einer Serie ihre eigene Titelsequenz erhält. Im Moment ist das aber noch zu teuer.

Was war Ihre grösste Herausforderung?
Die Herausforderung sind immer die Menschen, mit denen ich arbeite. Die Frage ist immer: Wie viel Druck lastet auf dem Regisseur? Je grösser das Studio, je grösser das finanzielle Risiko, desto grösser der Druck, der auf alle runtersickert. Manchmal versteh ich auch einfach nicht, was jemand von mir will. Es ist so leicht, in Hollywood gefeuert zu werden.

Sie? Wer kommt denn auf die Idee, Sie zu feuern?
Oh, ich wurde schon gefeuert. Ich merkte davon nichts, man liess mich weiterarbeiten, bis ich herausfand, dass ich schon durch einen andern ersetzt worden war.

Hollywood ist ein schrecklicher Ort.
Manchmal geschehen dort wundervolle Dinge. Aber meist herrscht sowas wie das organisierte Verbrechen.

Böses Hollywood. Aus «Feud: Bette and Joan» (2017)

kyle cooper

Bild: via art of the title

Neben all den dunklen Stoffen arbeiten Sie ab und zu aber auch für populäre Superhelden-Filmen wie «Spider-Man».
Und sehr gerne. Mit den Jahren merkte ich, es muss in meiner Arbeit nicht immer nur um Wut und Angst gehen. Als ich jung war, konnte ich nicht anders, da musste was raus. Aber um auf das Verbrennen zurück zu kommen: Ich liebe es, Dinge zu zerstören, die mir lieb und heilig sind. Wenn ich Horror mache, will ich mich selbst erschrecken, etwa mit dem Verbrennen der amerikanischen Flagge.

Ehrlich? Die Flagge zu verbrennen, erschreckt sie?
Ja! Ich bin Christ! Etwas zu entweihen, schockt mich!

Okay?
Bei «American Horror Story: Asylum», lasse ich die Jungfrau Maria am Ende fies lächeln. Furchtbar! Ich überlegte mir auch, sie auf den Kopf zu stellen und mit Blut zu übergiessen. Gefilmt wäre sie aufrecht gestanden und es hätte ausgesehen, als würden blutige Finger ihr Gewand hochkriechen. Eine entsetzliche Idee.  

Mona Maria. Aus «American Horror Story: Asylum» (2012)

Bild

Bild: via art of the title

Sie mögen die Jungfrau Maria?
Ich mag Gott! Und wenn ich Angst habe, wende ich mich an Gott.

Versteh ich das richtig: Zuerst erschrecken Sie sich selbst ...
... und dann bitte ich Gott um Verzeihung. Genau.

Damit er Ihnen gegen Ihre eigene Fantasie hilft. Das ist ziemlich dunkel und verrückt.
Finden Sie? Die neue Staffel von «American Horror Story», für die ich gerade arbeite, heisst «Apocalypse». Ich muss mir also all die alten Bilder von Teufeln und anderen Dämonen anschauen. Ich will das alles sehen und verbrennen und so, habe aber auch Angst, ein ungesundes Interesse für Satanismus zu entwickeln.

Keine Angst, es ist nur ein professionelles Interesse.
Ein Freund von mir ist ebenfalls Christ. Und Anwalt. Er sagt immer: «Sei froh, dass du keine Mörder verteidigen musst wie ich!»

Sie arbeiten bloss mit Fiktionen.
Ja. Das ist auch immer mein Argument. Es ist Unterhaltung.

Intro zu «Spider Man» (2002)

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Video: YouTube/luispachon007

Wollten Sie nie selbst Regie führen?
Soll ich mich grämen, weil ich nicht Ridley Scott bin? Nein, ich bin dankbar für alles, was ich erreicht habe. Aber ja, ich hab’s mal versucht, ich kam nicht weit, das Material schaffte es nicht einmal bis in den Schnitt und ich war sehr beleidigt und deprimiert. Zudem ist Filmemachen teuer und ich musste ganz einfach meine Familie ernähren, ich habe vier Kinder. Aber inzwischen hat meine Frau eine Firma für Virtual Reality gegründet, die von Walmart gekauft wurde, und ich kann es mir leisten, etwas weniger für Geld zu arbeiten.

Das klingt sehr nach einem künftigen Filmprojekt ...
Na ja, ich habe jetzt so viele junge Leute in der Kunst der Titelsequenz ausgebildet, es braucht mich nicht mehr so dringend. Und ich habe in den letzten Jahren auch enorm viel gelernt, ich sass zu Füssen von Regisseuren wie Fincher, Aronofsky, Malick, eine bessere Masterclass gibt’s wahrscheinlich nicht.

Der zündende Moment. Aus «Mission: Impossible» (1996)

Bild

bild: via art of the title

Okay, was also wird Ihr Meisterwerk?
Es muss eine Geschichte sein, die mir am Herzen liegt. Gestern erzählte mir ein Regisseur, wie er einen Film über seine Kindheit gemacht hat. Ich dachte an meine eigene Kindheit und ich glaube, daraus könnte es einen Stoff geben ...

Mögen Sie über Ihre Kindheit reden?
Natürlich! Aber das dauert zu lang.

Zwei, drei Sätze?
Ich wuchs am nördlichen Ende von Boston auf, wir gehörten zur Arbeiterklasse. Meine Eltern liessen sich scheiden, als ich klein war. Als ich dreizehn war, wurde meine Mutter von einem Motorrad angefahren und lag fünf Jahre lang im Koma. Dann starb sie. Meine beiden Brüder und ich lebten ohne Eltern in unserem Haus. Es waren kalte, trostlose Winter. Oft konnten wir das Haus nicht heizen. Von dieser Trostlosigkeit möchte ich erzählen. Verzeihen Sie, ich bin sehr müde. Hab ich Ihnen irgendwas Spannendes erzählen können?

Mehr Intros von Kyle Cooper gibt es hier zu sehen.

Unsere Liebsten Zeichentrickserien aus den Neunzigern

Video: watson

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