Stört euren Algorithmus!
Ein Mann mit sehr oranger Brille sagte im Internet, dass die moderne Welt so clean geworden sei.
Zu clean. Dass jedes Café nach Showroom aussehe und jede Wohnung beige sei. Jede Marke dieselbe Schrift benutze und jedes Video denselben Hintergrund habe.
«Irgendwann wurde guter Geschmack zur Abwesenheit von Geschmack», sagte er und lächelte ein bitteres Lächeln. «Zuerst verschwand der Krimskrams, dann die Farbe – und schliesslich die Persönlichkeit.»
Wie recht er hat. Und diese Verarmung im Ausdruck ist nicht nur das Schicksal sämtlicher Innenräume, auch die äussere Architektur der Gebäude ist ihr längst anheimgefallen. Fast alles, was neu hinzugebaut wird, scheint dieser immer gleichen Agglo-Ästhetik zu folgen, die Tetris-artig mit den immer gleichen Bausteinen arbeitet, Wohnblock für Wohnblock, Laden für Laden wird eine weitere Austauschbarkeit generiert, denn jeder Unterschied kostet, jede Abweichung ist ein Risiko für eine Welt, die algorithmisch funktioniert.
Es ist das visuelle Regime nicht nur einer vollendeten Rationalisierung, sondern ihrer wirtschaftlichen Perfektionierung.
Das Phänomen nennt sich Hyperselektion. Und es wütet in allen Bereichen des Lebens. Eine wettbewerbsorientierte Welt, in der Computer immer effizienter bloss das auswählen, was funktioniert und dieses Funktionierende immer wieder verbessern und reproduzieren, während die Alternativen gnadenlos aussortiert werden.
Ein Mainstream-Sumpf, in dem unsere gleich aussehenden Städte versinken werden, zu den Klängen einer längst aus einem Song bestehenden Hitparade – und erzählt in einem Buch, das keine eigene Sprache mehr hat, diesen Untergang überhaupt zu beschreiben.
Und mit dem Tod der Farben, Formen und Arten stirbt allmählich auch die Vorstellung, dass es überhaupt anders sein könnte.
Also machen wir weiter wie gehabt, gefangen in einem selbst geschaffenen System brausen wir mit unseren Verbrennungsmotoren die immer gleichen Strassen entlang, bis sie sich zu Autobahnen verdichten, zu festgefahrenen Denkbahnen in unseren Köpfen, während alle anderen Pfade verkümmern. Und das System belohnt uns dafür, es gibt Herzchen, Likes und Vorschläge, wie man die lieb gewonnene Gewohnheit noch ein bisschen gewöhnlicher gestalten kann.
Hier wird Auswahl zur Gefangenschaft. Dieser Mechanismus nennt sich Pfadabhängigkeit. Die einmal getroffene Entscheidung beginnt sich selbst zu verstärken: Strassen brauchen Autos, Autos brauchen Tankstellen, Tankstellen brauchen Öl. Jedes neue Glied in der Kette macht eine Richtungsabweichung unwahrscheinlicher, einen Ausstieg teurer.
Und so bleiben wir unserer Auswahl verpflichtet, als hätten wir keine Wahl mehr. Weil sie, so heisst es, Überleben sichert. Weil sie Wohlstand verspricht. Wohlstand, die zynische Moral dieser zwanghaften Wachstumsgeschichte, deren Logik schon längst an der Endlichkeit der Ressourcen hätte zerschellen müssen. Stattdessen wird sie umso eifriger weitererzählt, zu viele Abhängigkeiten hat sie geschaffen, ganze Industrien hängen an ihr. Sie bleibt nicht, weil sie wahr oder gut ist, sondern weil sie von den mächtigsten Lobbys so hartnäckig am Leben erhalten wird.
Ob Artenverlust in der Natur, Geschmacksverflachung in der Kultur oder Ideenarmut in der Politik – es ist immer dasselbe Prinzip: Vielfalt schrumpft, wo sich einmal Erfolgreiches durchsetzt. Sie existiert bloss noch als industrieller Abklatsch, als scheinbare Variation des ewig Gleichen.
Die gute Nachricht ist: Wir Menschen sind lernfähig. Unsere Gehirne sind neuroplastisch; formbare, flinke Gebilde, die sich ein Leben lang neu organisieren können. So übernimmt bei blinden Menschen der visuelle Cortex, der für gewöhnlich die Signale aus den Augen in Bilder umwandelt, andere sensorische Aufgaben: Er hilft beim Hören, Tasten und sogar in der Sprachverarbeitung. Ein amputierter Arm wird nicht einfach von der Steuerungskarte des Gehirns gelöscht, das betreffende Areal macht sich für die Empfindungen im Gesicht nützlich, wo Berührungen sich dann so anfühlen können, als kämen sie von den verschwundenen Fingern.
bild: via researchgate
Die Struktur des Gehirns lässt sich verändern. Aber nur, wenn es auch Inputs bekommt; Herausforderungen in Form von neuen Reizen und Erfahrungen. Die Frage ist also: Welche Erfahrungen ermöglichen wir uns – in Bildung, Arbeit, Stadtplanung und Kultur? Und welche alternativen Zukünfte ergäben sich daraus?
So wie sich unser Gehirn umorganisieren lässt, könnten es auch unsere anderen Systeme: Erlischt das Augenlicht, lernen die Fingerspitzen lesen. Steigen wir aus der fossilen Energie aus, treten neue Technologien an ihre Stelle.
Aber nur, wenn wir Anreize dafür schaffen und in sie investieren. Wenn das Experiment wieder möglich wird, das Spielen mit den Grenzen der Machbarkeit, jene grundsätzliche Ergebnisoffenheit der Wissenschaft, die sich nicht von Publikationszahlen und Zeitschriftenrankings einengen lässt. Grundlagenforschung, die noch nicht weiss, wohin sie führen wird. Bahnbrechend Neues kann nur erfunden werden, wenn wir uns die Möglichkeit des Scheiterns leisten.
Der Verbrennungsmotor selbst ist Kind einer solchen offenen Tüftelei, das einst gegen Dampf und Elektrizität ins Rennen stieg und es in den 1910er Jahren für sich entschied. Nicht aus reiner technischer Überlegenheit, vielmehr weil er mit seiner Reichweite und dem billigen Öl die Bedürfnisse seiner Zeit am besten bediente. Und weil Henry Ford 1913 mit Hilfe des Fliessbandes erschwingliche Automobile zu produzieren begann, womit dann, den Duft von Abenteuer und Männlichkeit verströmend, der Individualverkehr jenen freiheitsversprechenden Pfad einschlug, von dem wir bis heute nicht herunterkommen.
Bild: Bettmann
Lasst uns also die Bedingungen für das Entstehen alternativer Modelle schaffen und unsere Gehirne mit neuen Reizen überfluten! Lasst uns ausbrechen aus dieser digital gesteuerten Profitmaximierungsmaschinerie und unberechenbare Dinge tun, die keinem Zweck dienen ausserhalb ihrer selbst. Seid unverfügbar! Stört euren Algorithmus! Liket die hässlichste Hose des Universums und schnitzt einen geilen Stock, den ihr niemandem zeigt. Spielt und malt eure Wände farbig. Schafft Brüche. Macht Chaos.
Denn Chaos ist der Endgegner der gewohnten Ordnung. Chaos ist der Anfang, das formlose Potential von Leben, die pure Unausgeschöpftheit, aus der einst unsere Welt entstand.
Chaos kennt keine Regel. Hyperselektion kennt nur noch eine. Irgendwo dazwischen müssen wir uns eine neue Welt bauen, die ihren Erfolg nicht in zerstörerischen Kräften misst, sondern in solchen, die Leben in vielfältiger Weise erhalten und möglich machen.
