Wie Polyester zum meistgehassten Material der Welt wurde
Beim Wörtchen «Polyester» stellen sich bei vielen die Nackenhaare auf, denn es wird zunehmend negativ konnotiert. Vor allem die Generation Z kann mit der am meisten produzierten Kunstfaser der Welt nicht mehr viel anfangen.
Grund ist neben der Sorge um den Planeten auch die Sorge um die eigene Gesundheit. Denn die vielfach günstigen Klamotten sehen auch entsprechend aus und sind zudem wenig atmungsaktiv. Einige Studien deuten sogar darauf hin, dass Farbstoffe sowie flammhemmende und schweissableitende Chemikalien, die häufig auf synthetischen Stoffen verwendet werden, in die verschwitzte Haut auslaugen können – ein besonderes Problem bei Trainingskleidung, schreibt der Guardian.
Das Wort wurde auf Social Media sogar zum Schimpfwort auserkoren. Es beschreibt alles, was unauthentisch oder übertrieben bemüht wirkt, schreibt Euronews. Ausschlag gab ein viral gegangenes TikTok-Video, in dem ein 18‑Jähriger seine übertriebene Vorstellung vom Traumleben als Erwachsener schildert. Das Ganze nannten die User dann «Polyester Lifestyle».
@problemsolver150 The Industrial Revolution and it’s consequences
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Schaden für die Umwelt
Auch die Auswirkungen von Polyester auf den Planeten beeinflussen die Meinung über den Stoff. Polyester wird aus fossilen Brennstoffen gewonnen, ist nicht biologisch abbaubar und gibt Mikroplastik ab, wenn es gewaschen wird.
Neben Influencerinnen und Influencern, die sich gegen Polyester aussprechen, ist das Thema auch in der Politik angekommen. In den USA etwa soll mit Kampagnen amerikanische Baumwolle wiederbelebt werden und billige synthetische Produkte aus dem Ausland minimiert werden. RFK Jr. teilte im Mai Kampagnenbilder, auf denen jeanstragende Outdoor-Männer oder Menschen auf Pferden gezeigt werden mit Slogans wie: «Echte Amerikaner tragen Baumwolle.»
Einfluss von Shein
Der schlechte Ruf von Polyester ist auch auf asiatische Unternehmen wie Shein oder Temu zurückzuführen. Viele Konsumentinnen und Konsumenten fühlen sich von solchen Firmen übers Ohr gehauen, indem diese online gut aussehende Kleidungsstücke verkaufen, die in Wirklichkeit billig und unangenehm aussehen und sich ebenso anfühlen.
Bei billig aussehender Kleidung fällt nicht selten der Spruch: «Das gibt Shein-Vibes.» Der chinesische Ultra-Fast-Fashion-Konzern Shein setzt tatsächlich extrem auf Polyester. Mit einem Blick auf die Webseite ist dies schon klar zu erkennen.
Eine Folge der allgegenwärtigen Präsenz von Shein ist allerdings, dass andere Fast-Fashion-Marken, die ebenfalls einen grossen Anteil ihrer Kleidung aus Polyester fertigen, aufgrund ihrer höheren Preise inzwischen wie Mittelklasseanbieter wirken. Mit höheren Preisen verbindet die Kundschaft vielfach auch die Erwartung einer besseren Qualität.
Frühere Abwertung
Wer nun glaubt, Polyester hat seinen schlechten Ruf erst in den vergangenen Jahren erhalten, der hat sich geschnitten. Denn als kulturelle Abwertung hat der Begriff eine lange Vorgeschichte. Im berühmten Club Studio 54, der Ende der 1970er-Jahre seinen Hype erlebte, galt eine Anti-Polyester-Politik. «Wir wollten keine Leute mit Polyesterhemden», erinnerte sich Mitbegründer Ian Schrager in einer Dokumentation aus dem Jahr 2018. Auch sein Geschäftspartner Steve Rubell war der Meinung, deren Anwesenheit würde «die Nacht ruinieren».
Wesentlich beliebter war Polyester dagegen in den 1950er-Jahren. Vor allem in amerikanischen Haushalten wurde es als arbeitssparendes Wundermaterial gefeiert. Polyester war pflegeleicht, musste nicht gebügelt werden, weil es kaum knitterte. Und bei Designern war Polyester so beliebt, weil es sich formen und färben liess – und so die Eigenschaften anderer, teurerer Stoffe imitieren konnte. Dank seiner Fähigkeit, leuchtende Farben aufzunehmen, wurde Polyester zu einem wesentlichen Bestandteil der Ästhetik der 1960er-Jahre. Etwa zur gleichen Zeit wurde es mit Lycra kombiniert – just als Frauen begannen, ihre Mieder und Korsetts abzulegen.
Obwohl Polyester wie für die Disco-Ära der 1970er-Jahre geschaffen schien, gab es doch einige Nachteile. Polyesterkleider fingen Feuer und sorgten für schwitzige Nächte.
John Travoltas berühmter weisser Polyesteranzug aus «Saturday Night Fever» sog sich damals so mit Schweiss voll, dass Travolta ständig zwischen zwei identischen Exemplaren wechseln musste, damit der jeweils andere Zeit zum Trocknen hatte.
Beliebtes Material
Trotz der Nachteile überholte Polyester die bis dahin beliebte Baumwolle erstmals im Jahr 2000, wie eine Analyse zeigt, und der Anteil ist seither rasant gewachsen. 2024 ergab ein Bericht, dass der gesamte CO₂-Fussabdruck der Modebranche erstmals seit 2019 wieder gestiegen war. Verantwortlich dafür war unter anderem der zunehmende Einsatz von Polyester: Die verwendete Menge stieg innerhalb eines Jahres von 71 auf 78 Millionen Tonnen – angetrieben vom Boom der Ultra-Fast-Fashion.
In Wirklichkeit ist Polyester inzwischen so fest in der Modebranche verankert, dass die virale Gegenbewegung nur begrenzte Wirkung entfaltet. H&M teilte dem Guardian mit, dass der Polyesteranteil in den vergangenen Jahren weitgehend konstant geblieben sei. Das Unternehmen verwendet 56 Prozent Baumwolle und 23 Prozent recyceltes Polyester. Gleichzeitig ist der Anteil recycelter Materialien gestiegen: Polyester wird inzwischen zu 100 Prozent aus recyceltem Material hergestellt. Das ist umweltfreundlicher, da dafür keine fossilen Rohstoffe neu gewonnen werden müssen – wie viel umweltfreundlicher, ist allerdings umstritten.
Polyester ist aus dem Massenmarkt nicht wegzudenken. Jedoch heben Marken es in den Produktnamen hervor, wenn sie Naturfasern in ihren Produkten nutzen. So stieg etwa die Zahl der Produktnamen mit dem Wort «Baumwolle» bei Zara im Jahresvergleich um 28 Prozent und bei Urban Outfitters um 30 Prozent.
Es wäre jedoch zu einfach, strikt auf Polyester zu verzichten. Denn auch Baumwolle und Wolle haben häufig erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt, alleine wegen ihres enormen Wasserverbrauchs.
(kek)
