DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Herr Rath (Volker Bruch) und Fräulein Ritter (Liv Lisa Fries) beraten mal wieder die Newslage. Sie ist natürlich nicht gut.
Herr Rath (Volker Bruch) und Fräulein Ritter (Liv Lisa Fries) beraten mal wieder die Newslage. Sie ist natürlich nicht gut.
Bild: ard
Review

Sünde, Sex und Superlativen: Die Serie «Babylon Berlin» rollt Richtung Welterfolg

Das 16-teilige Epos über Berlin zwischen den Weltkriegen wird jetzt auf drei TV-Kanälen gleichzeitig ausgestrahlt. Verdientermassen? Ja!
19.09.2018, 16:4020.09.2018, 09:04

Am Anfang waren der Grössenwahn und die Zahlen: Ein 40-Millionen-Euro-Budget, 300 Drehorte, 8000 Quadratmeter Aussenkulisse in Babelsberg, 5000 Statisten, 300 Sprechrollen, 180 Drehtage, 3 Regisseure, die gleichzeitig an unterschiedlichen Handlungssträngen arbeiteten. Und alles, um einen deutschen Krimibestseller der Nullerjahre – «Der nasse Fisch» von Volker Kutscher – in 16 Teilen zu verfilmen. Unter dem Titel «Babylon Berlin». Ein derart teures, aufwändiges Serienunternehmen gabs in Deutschland noch nie. Der Plan: Die Serienwelteroberung.

Eine Serie als Hochrisikounternehmen also. Geht es doch um deutsche Geschichte, allerdings fast ohne die sonst beim Publikum so beliebten Nazis, die dämmern erst an den Rändern herauf. Im Jahr 1929 nämlich. Als Berlin in einer exorbitanten Ekstase lebt, fiebert, tobt. Es ist jene unfassbar kurze Phase zwischen zwei Kriegen, die Deutschland beide verliert. Die «Goldenen Zwanzigerjahre» entpuppen sich als steuerloses Partyschiff, die einen feiern das Vergessen, die andern den Moment und die Illusion der Freiheit, an morgen denken nur gerissene Strategen mit Machtanspruch.

Svetlana Sorokina (Severija Janušauskaitė) ist nicht nur die düstere Nachtigall eines Berliner Nachtclubs, sondern auch sonst sehr dark.
Svetlana Sorokina (Severija Janušauskaitė) ist nicht nur die düstere Nachtigall eines Berliner Nachtclubs, sondern auch sonst sehr dark.
Bild: ard

Wir befinden uns in der Weimarer Republik. Der – wie das bei TV-Detektiven so sein muss – psychisch hoch versehrte, da kriegs- und familientraumatisierte Kölner Ermittler Gereon Rath (Volker Bruch) kommt nach Berlin, um einen russischen Prostitutionsring und kompromittierendes pornografisches Filmmaterial zu vernichten. Raths Bruder ist im Krieg verschollen, was praktisch ist, da Rath eh dessen Frau liebt. Natürlich braucht er Drogen, um sein Drama zu bewältigen.

Die Droge der blutjungen Charlotte Ritter (Leute, HULDIGT Liv Lisa Fries!) ist die Rastlosigkeit – das Tanzen, die Musik, das Geldbeschaffen. Sie arbeitet bei der Polizei als Stenotypistin, archiviert Fotos von Mordopfern, ist im Zweitjob Prostituierte im Vergnügungstempel Moka Efti am Alexanderplatz, macht verruchten Fetischkram, schläft wie ihre Stadt nie, ist schnell, schlau, frech und vollkommen angstfrei. Doch mitten in dieser frenetischen Totalverausgabung ist sie eine rührend arglose Seele, die vor Neugier und Tatendrang platzt. Und – ganz ehrlich – vielleicht die grossartigste junge Frauenfigur, die das vereinigte Serienschaffen seit der Erfindung von Arya Stark hervorgebracht hat. Umwerfend. Und was dann passiert ... Oder anders: Dranbleiben lohnt sich bei «Babylon Berlin». 

Herr Rath hat mal wieder Probleme mit seiner Gesundheit, Fräulein Ritter muss dringend helfen.
Herr Rath hat mal wieder Probleme mit seiner Gesundheit, Fräulein Ritter muss dringend helfen.
Bild: ard

Als die Serie nämlich 2017 zuerst auf dem Produktionspartnersender Sky ausgestrahlt wurde – und dort der grösste Gassenhauer neben «Game of Thrones» war –, da lautete die Kritik nach der Pilotfolge: So schön, so elegant, so kalt. Das täuscht. Tatsächlich geht es in den ersten paar Folgen um so viel, dass die Identifikationsmöglichkeiten mit dem tragischen Herrn Rath und dem fantastischen Fräulein Ritter etwas auf der Strecke bleiben.

Schliesslich muss hier ganz Berlin aufgerollt werden, die korrupte Polizei- und Regierungsszene, der reaktionäre Landadel (darunter Lars Eidinger und Benno Führmann), die aufständischen Kommunisten, die im «Blutmai» von 1929 von der Polizei niedergemetzelt werden, das arme und das reiche Berlin, der mafiöse Untergrund, der vom sogenannten «Armenier» regiert wird, einem Mann, der die Folter genauso liebt wie die Delikatesse.

Und dann ist da noch die schöne und recht unheimliche russische Prinzessin Svetlana Sorokina (Severija Janušauskaitė), die nachts im Moka Efti als Drag King alle in Raserei versetzt, aber eigentlich in Berlin ist, um einen Zugwaggon, der mit Gold gefüllt ist ...

Statt eines Trailers: Svetlanas Song

Es ist alles sehr komplex bis kompliziert, aber nach ein paar Folgen ist endlich alles eingerichtet und eingetanzt, der Kriminalfall tritt in den Vordergrund, die Figuren haben mehr Luft, um sich zu entwickeln, auf der Bühne des Moka Efti steht plötzlich auch Bryan Ferry, und die Gnadenlosigkeit des Tötens von Lieblingsfiguren ist ganz im Stil von «Game of Thrones». Schier mühelos wird die Steigerung von Spannung und Intensität bis zuletzt durchgehalten, und auch ein schöner Materialverschleiss fehlt nicht.

Es herrscht in «Babylon Berlin» bei allem Rausch die absolute Härte, nie die Sentimentalität, und das ist – im Vergleich zu so ziemlich restlos allen andern deutschen Historiendramen – sehr gut so. Eine tolle Leistung des Regieteams unter Tom Tykwer, der ja zuvor in «Sense8» oder «Cloud Atlas» hemmunglos seinem zweifelhaften Hang zur Edelesoterik frönte. Jetzt: alles super.

P.S. Die Sache mit der Serienwelteroberung hat übrigens ganz gut geklappt. «Babylon Berlin» ist bereits in 60 Länder verkauft, es hagelt Filmpreise von Berlin bis Seoul, in Amerika läuft die Serie auf Netflix, zwei weitere Staffeln sind in Planung. Die dann mit deutlich mehr Nazis. 

«Babylon Berlin» am TV und im Kino
«Babylon Berlin» läuft ab 30. September auf SRF zwei, ARD und ORF. Hier die Folgen auf SRF zwei im Überblick:

Folgen 1 bis 3: Sonntag, 30. September 2018, ab 20.05 Uhr.
Folgen 4 bis 6: Freitag, 5. Oktober 2018, ab 20.10 Uhr.
Folgen 7 und 8: Dienstag, 9. Oktober 2018, ab 20.10 Uhr.
Folgen 9 und 10: Dienstag, 16. Oktober 2018, ab 20.10 Uhr.
Folgen 11 und 12: Montag, 22. Oktober 2018, ab 23.00 Uhr.
Folgen 13 und 14: Montag, 29. Oktober 2018, ab 23.00 Uhr.
Folgen 15 und 16: Montag, 5. November 2018, ab 23.00 Uhr.

Für den Gesamtpreis von 79 Franken kann man die 16 Folgen bereits am 22. (ab 15 Uhr) und 23. September (ab 13 Uhr) im Zürcher Kino RiffRaff bingen.

Das ist die Geschichte des Farbfernsehens

Video: srf

Diese 99 Filme musst du einmal im Leben gesehen haben

1 / 101
Diese 99 Filme musst du einmal im Leben gesehen haben
quelle: paramount
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Fernseh­test­bild – eine ferne Erinne­rung an die Sendepause

Früher sendeten die Fernsehstationen nicht rund um die Uhr. Zu später Stunde und vormittags war Sendepause. Symbol für diese Auszeiten war das Fernsehtestbild der PTT. Ein Rückblick auf einen nicht allzu fernen Erinnerungsort der Entschleunigung – denn so lange ist das Testbild noch gar nicht verschwunden.

Testbilder sind Zeitzeugen des terrestrischen Fernsehempfangs. Die vom Sendeturm ausgestrahlten Signale wurden zuhause mit einer Antenne eingefangen. In erster Linie diente das Testbild dem Justieren der Empfänger. Durch analytisches Betrachten auf dem Bildschirm konnte die Empfangsqualität bestimmt und Störungen oder Defekte identifiziert werden.

Dafür waren eigens ausgebildete Radio- und Fernsehelektriker zuständig – ein Blick auf das damalige Vokabular lässt vermuten, wieso dabei …

Artikel lesen
Link zum Artikel