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Anita nahm dank Ozempic 20 Kilo ab – doch die Spritze birgt Gefahren

Hollywood-Stars schwören auf Ozempic. Doch die Spritze hat viele Nebenwirkungen.
Hollywood-Stars schwören auf Ozempic. Doch die Spritze hat viele Nebenwirkungen.Bild: Shutterstock

Anita* nahm dank Ozempic 20 Kilo ab – doch die Spritze birgt Gefahren

Eine watson-Leserin über ihren langwierigen Weg von Fettleibigkeit zu Normalgewicht – und wie eine Abnehmspritze ihr dabei half.
13.11.2022, 05:3814.11.2022, 23:03

Es soll das Abnehm-Wundermittel schlechthin sein: die Abnehmspritze Ozempic oder Wegovy. Als Lifestyle-Spritze ist Ozempic jedoch nicht gedacht, sondern dient eigentlich der Behandlung von Diabetes.

Der Wirkstoff heisst Semaglutid und ist ein dem körpereigenen GLP-1 («Glucagon-like Peptide 1») ähnliches Darmhormon, das die Insulinausschüttung und das Hungergefühl reguliert. Das Medikament wird von der dänischen Firma Novo Nordisk hergestellt und ist seit Sommer 2018 in der Schweiz zugelassen.

Nicht nur Kim Kardashian soll auf das Medikament zurückgreifen. Selbst Elon Musk gab erst kürzlich auf Twitter zu, dass er sein gesundes und straffes Erscheinungsbild unter anderem Wegovy zu verdanken hätte.

Nicht zuletzt hat auch ein TikTok-Trend dem Arzneimittel, das in der Schweiz rezeptpflichtig ist, zu fragwürdigem Ruhm verholfen: Unter dem Hashtag Ozempic teilten Userinnen und User millionenfach ihre positiven Abnehm-Erfahrungen mit dem Medikament.

Mit unvorhergesehenen Folgen. Denn: Wie der Hersteller in einer Medienmitteilung im Oktober bekannt gibt, führt unter anderem diese «höhere Nachfrage» zu Lieferengpässen.

«Das Diabetesmedikament bringt sehr häufige Nebenwirkungen»

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA empfiehlt auf ihrer Webseite Wegovy als Ergänzung einer kalorienreduzierten Ernährung und verstärkter körperlicher Aktivität zur Gewichtsregulierung, einschliesslich Gewichtsabnahme und Gewichtserhaltung, bei erwachsenen Patienten.

Gegenüber watson.de warnt der Abnehm-Experte, Sven Sparding: «Das Diabetesmedikament bringt sehr häufige Nebenwirkungen mit sich und sollte vorrangig zur Behandlung von Diabetes eingesetzt werden.»

Sven Sparding ist Arzt, Autor und Gründer der Plattform iamfasting.
Sven Sparding ist Arzt, Autor und Gründer der Plattform iamfasting.bild: sven sparding

Akute Nebenwirkungen können laut Sparding bei der Einnahme des vermeintlichen Wundermittels Magen-Darm-Beschwerden, Durchfälle, Verstopfung oder Bauchkrämpfe sein. Auch Übelkeit oder Kopfschmerz können Nebenwirkungen von Wegovy sein.

«Ich habe Ozempic aus purer Verzweiflung genommen!»

Im Mai 2021, lange bevor das Medikament auf TikTok trendete, machte Anita* (40) ihre eigenen Erfahrungen mit Ozempic. Die zweifache Mutter erzählt watson, wie die Abnehmspritze ihr zu einem gesunden Lebensstil verholfen und sie damit 20 kg abgenommen hat – und warum sie jungen Menschen trotzdem davon abrät.

Gleich zu Beginn betont die 40-Jährige im Interview: «Ich habe Ozempic aus purer Verzweiflung genommen! Wegen meiner Fettleibigkeit konnte ich kein normales Leben mehr führen.» Bei einer Grösse von 162 cm habe Anita 93 Kilogramm gewogen: «Meine Langzeitzuckerwerte waren erhöht und ich drohte an Diabetes zu erkranken.»

«Ozempic war der letzte Versuch mein Gewicht langfristig zu reduzieren.»

Ozempic sei der letzte Versuch gewesen, ihr Gewicht langfristig zu reduzieren, ohne dass sie sich einem operativen Eingriff hätte unterziehen müssen.

Wie kam es in Anitas Fall zu dieser Gewichtszunahme? Auf die Schwangerschaften war das Übergewicht nicht zurückzuführen: «Als ich mein zweites Kind zur Welt brachte, trieb ich wieder etwas mehr Sport, ernährte mich bewusst und erzielte so relativ schnell wieder mein Wunschgewicht. Ich fühlte mich fit und war zufrieden.»

Doch dann kam ein Schicksalsschlag: Als Anita Mitte 30 war, erkrankte ein ihr nahestehender Junge schwer und starb später an den Folgen seiner Krebserkrankung: «Das war eine der intensivsten und schlimmsten Zeiten meines Lebens.» In dieser Zeit entwickelte Anita eine Essstörung. Mit Folgen: Ab diesem Zeitpunkt nahm sie kontinuierlich zu.

«Es gab Wochen, da habe ich jeden Abend einen Kuchen gebacken. Ich hatte ständig Heisshunger auf süsses Gebäck.»

Während des Lockdowns sei dann alles noch schlimmer geworden: «Ich wurde depressiv und ass immer häufiger abends und nachts, obwohl ich eigentlich keinen Hunger hatte.»

Anita fand während der Pandemie vor allem in einem Trost: Süssem. «Es gab Wochen, da habe ich jeden Abend einen Kuchen gebacken. Ich hatte ständig Heisshunger auf süsses Gebäck.»

Durch das starke Übergewicht bekam Anita gesundheitliche Probleme. Die häufigsten Beschwerden: Müdigkeit, Trägheit, Rücken- und Knieschmerzen.

An einer Feier mit ihren Freundinnen hatte sie dann eine Eingebung:

«Ich hatte mich so weit von mir selbst entfernt, dass ich beispielsweise keine Fotos mehr von mir machte, weil ich mich in meiner Haut nicht mehr wohlfühlte. Als ich mich dann auf den Partyfotos sah, erkannte ich mich nicht wieder: Das war einfach nicht ich. Da machte es bei mir Klick und noch am selben Abend schwor ich mir alles Erdenkliche zu unternehmen, um wieder mein Normalgewicht zu erzielen.»

Damit begann für Anita eine regelrechte Diät-Odyssee. Sie probierte «jede erdenkliche Diät, die Google rausspuckte». Mit dem immer gleichen Ergebnis: Jojo-Effekt.

«Im Nachhinein weiss ich, dass erfolgreiches Abnehmen sehr viel mit dem eigenen Gefühl zu tun hat. Was macht es mit dir? Mich haben diese Diäten allesamt nur unglücklich gemacht.» An ihrem Tiefpunkt konnte Anita kaum die Treppe in ihrem Haus hochlaufen.

«So schwer war ich nicht einmal am Ende meiner Schwangerschaften. Ich kam aus dem Teufelskreis einfach nicht mehr raus.»

Da fing Anita an, sich über Abnehm-Präparate zu informieren und wurde fündig: «Xenical heisst diese eine blaue Pille und bewirkt, dass ein grosser Teil der Fette im Magen nicht abgebaut werden.»

Für Anita hiess dies: Stuhlgang im wahrsten Sinne des Wortes. «Anfangs funktionierte es, ich nahm tatsächlich einige Pfunde ab, aber als Berufstätige kann ich nicht den ganzen Tag auf der Toilette sitzen.» Kaum setzte sie Xenical ab, nahm sie die Pfunde auch wieder zu – und zwar doppelt und dreifach.

Ozempic Gewichtsabnahme
So sah Anita vor der OzempicBehandlung und Ernährungsumstellung aus ...zvg
Ozempic Gewichtsabnahme Erfahrungsbericht
... und so heute.zvg

Schliesslich habe sie über eine Freundin von Ozempic erfahren. Diese hatte damit in kürzester Zeit zehn Kilogramm abgenommen: «Ich musste es einfach versuchen.»

«Mein Heisshunger auf Süsses verschwand fast gänzlich.»

Anita liess sich von ihrem Arzt untersuchen, der sie auch über mögliche Nebenwirkungen informierte: Durchfall, Erbrechen, Übelkeit. «Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt einiges durchgemacht und drohte an allem zu verzweifeln. Einfach alles drehte sich nur noch um Essen und Gewichtsabnahme.»

Doch sie hatte Glück: Ihr Körper vertrug das Medikament relativ gut. Bis auf etwas Übelkeit in den ersten paar Tagen, hatte sie kaum mit Nebenwirkungen zu kämpfen. «Mein Heisshunger auf Süsses verschwand fast gänzlich. Es fühlte sich so an, als wäre mein Kopf endlich für andere Dinge frei.»

«Ich führte kleine Regeln ein, die ich davor verlernt hatte. Wie zum Beispiel langsam essen und immer am Tisch sitzen.»

Anita verzichtete auf Zwischenmahlzeiten und ass zwei bis drei mal am Tag: «Ich führte kleine Regeln ein, die ich davor verlernt hatte. Wie zum Beispiel langsam essen und immer am Tisch sitzen.»

Zudem habe sie jeden Tag mindestens eine halbe Stunde «Sport» getrieben: «Meistens ging ich spazieren oder fuhr mit dem Fahrrad in der Gegend herum. Nichts Anspruchsvolles.»

Bereits in den ersten drei Monaten nahm Anita über zwölf Kilo ab. «Das war eine enorme Motivation für mich!»

Nach dieser Anfangszeit stagnierte die Gewichtsabnahme zwar, jedoch blieb Anita bei der Spritze und ihren neuen Gewohnheiten. «Ich brauchte weitere sieben Monate, um acht Kilo abzunehmen.»

Damit hatte Anita in zehn Monaten 20 Kilo abgenommen.

«Ich hatte mein Ziel weitgehend übertroffen und entschied deshalb im Februar dieses Jahres Ozempic abzusetzen.»

Zu Anitas Schrecken nahm sie aber im ersten Monat ohne Spritze wieder drei Kilo zu und beschloss mit dem Medikament doch weiterzufahren. «Ich nahm die dazugelegten Kilos wieder ab und beschloss im Sommer mit der Spritze endgültig aufzuhören.»

Seit August 2022 spritzt sich Anita kein Ozempic mehr und sie hat seither ihr Gewicht halten können. Das Medikament hätte ihr vor allem geholfen, indem es ihren Heisshunger eliminiert hätte: «Für mich war das die grösste Unterstützung.»

Jungen Menschen würde sie Ozempic niemals empfehlen, um ein paar Kilos abzunehmen: «Letztendlich ist es ein Medikament, bei dem man die Langzeitwirkungen nicht gänzlich kennt. Gerade bei jungen Menschen würde ich nie empfehlen, solche Experimente mit dem eigenen Körper zu machen.»

Anita hat eine 21-jährige, schlanke Schwester, die ihre Spritze «ausprobieren» wollte, um zwei Kilos für einen Ball abzunehmen: «Dafür habe ich dann überhaupt kein Verständnis! Sie wollte unbedingt in ein viel zu kleines Kleid reinpassen. Ich habe ihr angeboten, bis zum Ball jeden Tag meine Fenster putzen zu kommen.»

Die Schwester hat das Angebot abgelehnt und stattdessen am Ball ein Kleid ihrer Grösse getragen.

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126 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Kekzus
13.11.2022 07:44registriert Januar 2017
Es ist eine Ohnmacht.

Habe selbst auch ein paar kg zuviel und esse wohl auch deutlich zuviel Zucker und Fett. Dann lese ich so einen Artikel und möchte am liebsten auch nachhelfen.

Dabei wüsste man in meinem Fall wie es besser ginge: stärker auf unverarbeitete Produkte setzen und mit weniger Zucker arbeiten. Leider ist das ungemein schwer: sowohl teurer wie auch weniger attraktiv, wenn man meine Gefühle mitreden lässt.

Es ist eine Ohnmacht.
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Wolk
13.11.2022 09:09registriert September 2016
Bitte lasst das Medikament für Diabetes-Patienten. Es gibt jetzt schon Engpässe und diese Artikel machen es nur noch schlimmer.
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Martin Baumgartner
13.11.2022 07:56registriert Juni 2022
"Nicht das was Du isst macht sich Dick,
sonder das was an Dir frisst!"

Überleg zuerst warum Du zuviel und das falsche isst.
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