Diese indischen Mädchen begegnen der Gewalt gegen Frauen mit Kampfkunst
Die Nachrichten, die bei Arushi (7) und Milena (21) das Mittag- und Abendessen begleiten, erzählen vom Immergleichen: Vergewaltigung, Femizid, Abtreibung weiblicher Föten. Eine Pflegerin wurde während ihrer Nachtschicht im Spital vergewaltigt, eine andere von einem Patienten mit einer Schere erstochen, in einem Kanal wurden 19 weibliche Föten gefunden, bekannt wurde der Fall, nachdem eine Frau bei der Abtreibung gestorben war.
Täglich werden den Medienschaffenden Dutzende von Vergewaltigungen gemeldet, sie entscheiden sich dann für die brutalste, die anderen gelangen nie an die Öffentlichkeit. Gewalt gegen Frauen erreicht in Indien traurige Rekorde, sie hat mit absurden Vorstellungen von Ehre zu tun und damit, dass sich Familien aus niedrigen Kasten Mädchen im Grunde nicht leisten können, das Geld für die Mitgift wird zur existenziellen Belastung. Kommt dazu, dass in einer streng hierarchisch strukturierten Gesellschaft wie Indien der Frust unweigerlich von oben nach unten weitergegeben wird. Und unter dem benachteiligtsten Mann gibt es immer noch eine Frau, die er quälen kann.
Doch «sowas könnte Milena nicht passieren», sagen ihre Eltern stolz. Arushi auch nicht. Die beiden sind Kalari Kids, die indische Variante von Karate Kids. Kalari ist eine 800 bis 900 Jahre alte Kampfkunst, die im indischen Bundesstaat Kerala entstanden ist und im 16. Jahrhundert mit der legendären Kriegerin Unniyarcha auftrumpfen konnte.
Milena und Arushi leben in Kerala auf dem Land und sind Teil eines riesigen Kalari-Kampfkunst-Zentrums: Arushi ist der Kinderstar, der an Festivals mit Solo-Kampftänzen auftritt, Milena unterrichtet auch Männer und ist eine Meisterin mit dem ultragefährlichen Stahlband. Sie sagt, dass die körperliche Beweglichkeit und Sicherheit, die sie im Kampfsport gefunden habe, auch ihren Geist befreit habe. Sie ist eine in sich ruhende, selbstsichere junge Frau, und als sie in der Stadt eine Ausbildung zur Pflegerin beginnt, unterrichtet sie ihre neuen Kolleginnen in Kalari und zeigt ihnen die wichtigsten der 108 Triggerpunkte eines menschlichen Körpers, die man manipulieren kann, um einen Gegner in Sekundenbruchteilen auszuschalten.
Arushi dagegen ruht noch überhaupt nicht in sich selbst, sie ist eine Rampensau und lebt Kalari auch in an sich friedlichen Alltagsmomenten ungeniert aus. Spätestens, als sie ihren Cousin ohrfeigt und die Mutter in den Bauch boxt, ist allen klar, dass man das Kind in den Griff bekommen muss.
Die Dokumentation «Kalari Kid» des schweizerisch-indischen Filmemacher-Paars Maria Kaur Bedi und Satindar Singh Bedi pustet die lähmende Dunkelheit, die einen angesichts der massiven Gewalt gegen Frauen im bevölkerungsreichsten Land der Welt ergreift, für einen Moment mit aller Macht weg. Zeigt einen Lichtblick, eine Perspektive, einen Optimismus, eine gemeinschaftliche Bewegung, die allen offen steht. Eine ganz pragmatische Rebellion gegen eine uralte Ungerechtigkeit.
Die Historikerin Malavika Binny, eine Frau, die zehnmal so schnell redet wie jeder normale Mensch, liefert interessantes Hintergrundwissen, etwa die fürchterliche alte Gepflogenheit der «Bruststeuer»: Frauen niederer Kasten mussten eine Steuer bezahlen, wenn sie ihre Brüste bedecken wollten, ansonsten galten sie als jederzeit verfügbares Freiwild. Binny selbst erhält nach einem harmlosen Post über ihre Teilnahme an einem Pride-Umzug Hunderte von Drohungen, schlimmste Mord- und Vergewaltigungs-Fantasien gegen sie und ihre Familie werden da kundgetan.
«Kalari Kid» ist schamlos, wenn es um den Selbstermächtigungs-Gehalt des Kampfsports geht, Slow Motion, Gegenlicht, Sonnenuntergänge, Wasserfontänen sorgen für spektakuläre Bilder, ein bisschen Bollywood ist da ganz klar auch dabei. Aber «Kalari Kid» ist schliesslich auch ein Geschenk für Arushi, Milena, ihre Trainerinnen und alle anderen, die sich tanzend, fliegend, boxend, Stöcke, Säbel und Stahlbänder schwingend über die grosse Verunsicherung erheben. So wie einst Unniyarcha. Etwas Heldinnenstaub darf da schon sein.
«Kalari Kid» läuft ab dem 1. Oktober im Kino.
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