Der Jazz, der sogar eine Biene anlockte
Auf dem Programm stand das Jochen Rueckert New Quartet. Man spürte eine gewisse Erwartung im Raum, eine Mischung aus Neugier und Vorfreude. Viele Besucher schienen nicht zum ersten Mal hier zu sein; sie begrüssten sich und sprachen leise miteinander. Das Pflegidach ist ein Ort, an den man gerne zurückkehrt. Das Konzert begann ohne lange Einleitung, laut und energisch. Das Publikum wurde sofort in die Musik gerissen. Das Schlagzeug, der Bass, das Saxophon und die Trompete fanden ohne Umwege zueinander. Schnell wurde klar: Hier spielten vier Musiker, die sich schon lange kannten. Das Quartett besteht aus Musikerinnen und Musikern aus verschiedensten Teilen der Welt: Alexander Ridout aus London an der Trompete, Kevin Sun aus New Jersey am Tenorsaxophon, Hamish Smith aus Neuseeland am Bass und Jochen Rueckert selbst am Schlagzeug.
Nach dem Konzert hatten wir die Gelegenheit, mit Jochen Rueckert zu sprechen. Eine Frage, die uns besonders interessierte, war, wie sich die Dynamik in einer Band verändert, wenn ein erfahrener Musiker mit jüngeren Mitspielern auf der Bühne steht.Rueckert erklärte, dass er sich mit jüngeren Mitspielern oft sogar wohler fühle. Früher habe er einige Zeit mit einem sehr erfahrenen und berühmten Jazzmusiker gespielt, was ihn manchmal eher eingeschüchtert habe. Heute erlebe er die Zusammenarbeit mit jüngeren Musikern als freier. Seine Rolle sehe er dabei nicht als Mentor, sondern als gleichberechtigten Mitspieler. Jeder im Quartett habe die Freiheit, musikalisch das zu machen, was er gerade ausdrücken wolle. Diese Freiheit war auch während des Konzerts deutlich zu hören. Immer wieder löste sich ein einzelnes Instrument aus dem Gesamtklang und erzählte eine eigene musikalische Geschichte. Besonders eindrücklich war ein längeres Saxophonsolo von Kevin Sun. Plötzlich wurde der Raum ganz still, und die Gäste stellten ihre Gläser fast lautlos auf den Tisch zurück, als wollten sie den Moment nicht stören.
Während des ganzen Auftritts reagierte das Publikum sehr aufmerksam. Einige nickten im Takt mit, andere schlossen die Augen, um die Musik zu geniessen. In einem kurzen Gespräch nach dem Konzert erzählten uns zwei Besucher, dass sie diese Atmosphäre am Pflegidach so schätzen. Sie erwarteten vor allem gute Musik und ein gut eingespieltes Team. Ihre Erwartungen seien an diesem Abend mehr als erfüllt worden. Besonders das Zusammenspiel des Quartetts habe sie beeindruckt.Ein weiterer Besucher beschrieb sein persönliches Highlight ganz klar als das Saxophonsolo. Es habe sich wie eine Geschichte angefühlt, die sich langsam aufbaue und dann immer intensiver werde. Genau dieses Gefühl hatten viele im Raum. Die Musik wirkte nicht nur technisch stark, sondern auch emotional. Ein kleiner Moment blieb ebenfalls im Gedächtnis. Während eines ruhigen Abschnitts landete plötzlich eine kleine Biene auf dem Arm des Bassisten. Statt irritiert zu reagieren, spielte er einfach weiter. Die Biene blieb einige Zeit sitzen, als würde auch sie gespannt zuhören, eine fast poetische Szene, die perfekt zu der entspannten Atmosphäre des Abends passte.
Jochen Rueckert New Quartet - "Gator Tails" @ musig im pflegidach, Muri
Im Gespräch mit Rueckert wollten wir auch wissen, was ihn persönlich am Jazz so fasziniert. Seine Antwort darauf war erstaunlich einfach: Er sei in den Sound verliebt. Wenn er Musik schreibe, denke er nicht bewusst darüber nach, was er dem Publikum vermitteln wolle. Die Musik entstehe aus dem Klang selbst. Dass Jochen Rueckert gerne im Pflegidach spielt, wurde ebenfalls deutlich. Er erzählte, dass er schon öfter hier aufgetreten sei. Der Ort habe eine besonders angenehme Atmosphäre, und man merke, dass viel Herzblut von Stephan Diethelm in der Organisation stecke.
Zum Schluss steigerte sich das Konzert noch einmal deutlich. Das letzte Stück begann kraftvoll und zog das Publikum sofort mit. Die Energie auf der Bühne übertrug sich spürbar in den Raum. Als der letzte Ton verklang, folgte ein langer, lauter Applaus. Einige Besucher pfiffen, andere sassen einfach da und klatschten begeistert. Viele verliessen den Saal sichtbar bewegt. Gespräche über einzelne Momente des Konzerts füllten den Raum. Der Abend im Pflegidach zeigte einmal mehr, was Jazz so besonders macht: Die Musik wird nicht nur gespielt, sondern auch gefühlt.
