So lebt es sich in der ersten energieautarken SAC-Hütte
Energieautark. Das möchte heute jeder sein: Solarpanels auf dem Dach, Batterien im Keller und Erdölkrisen für immer aus dem Haus gesperrt. Für ein Einfamilienhaus ist das schon heute die meiste Zeit möglich: Der Knoten im System ist das Kochen. Eine Energiespitze wie diese ist auch mit grossen Batterien schwierig zu meistern.
Daher haben wir Steigeisen und Pickel in den Rucksack gepackt und sind losgefahren. Mit dem Zug nach Kandersteg, mit dem Bus hoch ins Gasterntal und von da zu Fuss weiter. Fünf Stunden hoch zum Kanderfirn. Er zieht sich jedes Jahr mehr zurück vor der Hitze aus dem Tal. Aber noch dauert der Weg übers Eis mehr als eine Stunde. Dann schnallen wir die Steigeisen vor der Hütte ab, auf die wir die ganze Zeit zugehalten haben.
Die neue Mutthornhütte auf 2788 Metern über Meer wurde diesen Frühling eröffnet. Die alte, weiter oben auf der Wasserscheide zum Lauterbrunnental, musste abgebaut werden: Der Permafrost unter ihr taute und machte das Fundament instabil. Der SAC Weissenstein, dem die Hütte gehört, musste entscheiden: Bauen wir neu? Soll in diesem Gletschergebiet weiterhin eine Hütte stehen? Nehmen wir dafür 600 Helikopterflüge in Kauf und während des Hüttenbetriebes jede dritte Woche einen weiteren? Zwei Drittel der Mitglieder stimmten dafür.
Dass die Hütte dafür energieautark funktionieren könnte, wurde zuerst verworfen. Man wollte weiter mit Gas kochen, wie in allen anderen Berghütten. Hüttenchef Roger Hermann stellte einen Rückkommensantrag. «Das ist doch die Zukunft. Ich wollte das versuchen», sagt Hermann. Er schickte einen Elektriker in einen Gastrobetrieb, der dort den Stromverbrauch pro Gerät über den Tag mass. Kurz vor dem Baugesuch hatten sie die Zahlen beisammen und wagten es.
Wie lautet die Bilanz nach der ersten Saison?
Es hat prächtig funktioniert. Die rund 1000 Gäste mussten nie kalt essen. Die Batterien waren meistens vollgeladen – was mit dem ausserordentlichen Sommer zu tun hat. Die Hütte sammelt nun ein, zwei Jahre weiter Daten, danach können andere bei ihr abschauen. Der Hüttenverantwortliche des Schweizer Alpen-Clubs, Ulrich Delang, sagt: «Wir sind sehr interessiert daran.»
Was leisten die Batterien denn?
Sie sind eine neue Generation und können 207 Wattstunden von den 210 m Solarpanels speichern. Das soll reichen für eine vollbesetzte Hütte während dreier Tage ohne Sonne. Doch bei schlechtem Wetter ist die Hütte kaum je voll besetzt.
Wie schnell laden die Batterien auf?
Der Strom kommt via Schweizer Solarpanels, welche Wind, Kälte und Schnee standhalten. Diese waren teurer, aber nötig, damit man sie versichern konnte. Sie laden sich auch bei bedecktem Himmel auf. Da hilft auch der Standort: Der Gletscher reflektiert viel Licht zur Hütte.
Warum machen das nicht längst auch andere Berghütten?
Das Problem ist das Kochen: Während dieser Zeit übersteigt die benötigte Leistung die Kapazität von Batterien schnell. Auch mit den vielen Batterien in der Mutthornhütte gelingt das Kochen mit Strom nur, wenn Hüttenwartin Stefanie Künzi ein paar Schritte vorausdenkt. Unter der Woche bei gutem Wetter kochen sie und ihr Team einen Teil des Essens vor und vakuumieren es.
Gibt es noch andere Raffinessen, mit denen die Hütte Energie spart?
Die Mutthornhütte ist so gut isoliert, dass bis jetzt nie eingeheizt werden musste. Das würde mit Holz geschehen, das der Heli hinfliegen muss, was nicht energieautark ist. Da die Hütte im Winter geschlossen ist, wird es selten nötig sein. «Selbst im November, als wir die Hütte besuchten, war es 17 Grad warm im Innern», erinnert sich Hüttenwartin Stefanie Künzi. Es bedeutet aber auch: Eine Berghütte, welche im Winter geöffnet ist, bräuchte entweder mehr Heliflüge fürs Holz oder noch mehr Solarenergie.
Kann die Hütte die Helikopterflüge alle drei Wochen reduzieren?
Zwar würden manche Gäste fragen, ob sie etwas hochtragen könnten, doch das meiste müsse geflogen werden, sagt die Hüttenwartin. Sie versuchen wenigstens, die Abfall-Transporte zu verringern: In der Hütte gibt es keine PET‑Flaschen und das meiste Bier im Offenausschank. Statt Cola und Rivella kann man Sirupe kaufen. Die Milch wird wie fast überall aus Pulver angerührt. Die Hüttenwartin selbst steigt meistens zu Fuss ins Tal ab und wieder hoch und spornt auch ihr Hüttenteam dazu an.
Wie sieht es mit Luxus aus?
Der besteht in einem Wein-Kühlschrank, der eingebaut wurde, weil der Lagerraum nicht konstant kühl ist. Ein Luxus sind auch die riesigen Fenster. Sie geben einem das Gefühl, direkt in der Landschaft zu stehen. Als Luxus kann man auch das Digital-Detox ansehen: Es gibt kein WLAN und keinen Handyantennen-Empfang. Dies, weil die Hütte nur via Satellit ins Internet kommt. Bei schlechtem Wetter fällt auch dieser Empfang manchmal aus. «Dann sind wir abgeschieden von der Welt», sagt Stefanie Künzi.
Was ist besonders gut gelungen?
Die gedämmte Decke im Essraum. Selbst bei voll besetzter Hütte, also 60 essenden Gästen, wird es nicht so laut wie in anderen Hütten. Auch das Gefühl von Enge hat man hier nirgends. Duschen stehen nicht zur Verfügung, das wurde bewusst so geplant. Aber ein Bad im Seelein hinter der Hütte ist gratis und ultimativ erfrischend.
Muss die Hütte Wasser sparen?
Sie tut das automatisch, sodass es keinen Wassermangel gibt: Im Waschraum sind Hähne montiert, aus denen Sprühnebel kommt. Die Hände werden trotzdem schnell sauber und es kann 80 Prozent Wasser gespart werden. Das Wasser kommt vom Dach, zudem von einer Wasserfassung, und könnte zur Not auch aus dem nahen Seelein gepumpt werden. Es wird in fünf Tanks mit total 20'000 Liter Wasser geleitet und danach mittels UV-Filter zu Trinkwasser aufbereitet.
Wie sieht es mit den Fälkalien aus?
Wie inzwischen die meisten Hütten, hat auch die Mutthornhütte Trocken-WCs: Urin und Kot werden getrennt aufgefangen. Der Urin wird so gefiltert, dass er danach in die Natur abgelassen werden kann. Der Kot wird ausgeflogen. Hier ist die Mutthornhütte nicht auf dem neusten Stand: Andere Hütten kompostieren die Fäkalien vor Ort. «Damit würde sich das Gewicht auf 5 bis 10 Prozent reduzieren», sagt Ulrich Delang, Bereichsleiter Hütten beim Schweizer Alpen-Club. Doch alle sanitären Anlagen wurden von der alten Hütte übernommen, da diese erst 2017 eingebaut worden waren.
Gibt es auch noch Macken?
Ja, erstens der automatische Schliessmechanismus der WC‑Türe. Dieser knallt die Türe so heftig zu, dass ab 04:45, wenn die ersten aufstehen, niemand mehr schläft. Roger Hermann, der bis zur Einweihung Hüttenchef war, sagt dazu: «Danke für die Rückmeldung, das können wir leicht beheben.» Zweitens: die dünnen Zimmerwände. Auch wer ein Zweierzimmer gebucht hat, hört die anderen im Nebenraum laut schnarchen. «Das ist eine Frage des Budgets, wenn man im Innern auch gut isolieren möchte», sagt die Hüttenwartin.
Wie viel kostete die Hütte?
Am Ende waren es rund vier Millionen Franken. Der Abbau der alten Hütte ist darin enthalten (300'000 Franken) und 120'000 Franken für die neuen Batterien. Auch das Hauptmaterial, Schweizer Holz, war ein grosser Posten. Ebenfalls enthalten sind 350'000 Franken für die Helikopter-Transportflüge.
Wie sieht denn die CO2-Bilanz aus?
Nimmt man für die 600 Flüge einen CO₂‑Ausstoss von je 100 Kilogramm an, entspricht das rund 46'000 Kilometern mit einem Benzin-Auto. Also mehr als einmal um die Welt. Berechnet man den Neubau nicht mit ein, ist ein Hüttenbesuch relativ CO₂‑arm: Eine Übernachtung macht rund 4,6 Kilogramm CO₂ aus, wie der SAC berechnet hat. So viel stösst ein Auto aus, wenn man rund 14 Kilometer weit fährt. Daher fällt punkto ökologischer Fussabdruck vor allem ins Gewicht, wie die Bergwanderer selber anreisen.
Was der bisherige CO₂‑Ausstoss angerichtet hat, sieht man auf dem Kanderfirn eindrücklich. Hermann, der Chef der alten Hütte, sagt es so: «In den 60er-Jahren, als ich zur Welt kam, musste man vom Gletscher leicht runterlaufen zum Standort der alten Hütte. Jetzt muss man 40 Meter hochklettern!» (schweizheute.ch)
