Schweiz
Daten

Dicht bevölkerte Gemeinden sagten klar Nein zur SVP-Initiative

Bild zeigt: viele Menschen am Bahnhof. Darüber eine Grafik zu Bevölkerungsdichte und Ja-Anteil bei der 10-Millionen-Initiative nach Gemeinde
Für einige eine stressige Situation, für andere nicht – Menschenmenge am Bahnhof.Bild: watson/keystone

Dicht bevölkerte Gemeinden sagten klar Nein zur «Keine-10-Millionen-Schweiz»-Initiative

Die 10-Millionen-Initiative der SVP ist an der Urne gescheitert. Sie sollte dem sogenannten Dichtestress den Riegel vorschieben. Doch gerade in den dicht besiedelten Gemeinden wurde die Initiative am klarsten abgelehnt.
15.06.2026, 20:0915.06.2026, 20:09

Um 15 Uhr brach das Nein-Lager in Jubel aus. Nun ist es definitiv: 54,8 Prozent der Stimmbevölkerung sagten am 14. Juni Nein zur 10-Millionen-Initiative der SVP. Die Initiative sah vor, die Schweizer Bevölkerung auf ein Maximum von zehn Millionen zu beschränken. Weltweit wäre die Schweiz damit der einzige Staat mit einer starren Bevölkerungs-Obergrenze geworden.

Wen stresst der Dichtestress?

Die Initiative zielte vor allem darauf ab, die Überbevölkerung zu reduzieren, die laut der SVP zu explodierenden Mieten, Verkehrschaos, Dichtestress und Kriminalität führt. Doch vor allem in den Orten mit den höchsten Mieten, den vollsten Strassen und der grössten Bevölkerungsdichte wurde die Initiative am klarsten abgelehnt.

Am klarsten Nein sagte am Sonntag die Stadt Bern. Über 83 Prozent der Bernerinnen und Berner sprachen sich gegen die Initiative aus – trotz einer Bevölkerungsdichte von 2738 Menschen pro Quadratkilometer. Dagegen stimmten nur gerade 9,44 Prozent der Menschen in der Gemeinde Unteriberg, Kanton Schwyz mit Nein ab. Die 2476 Einwohnerinnen und Einwohner der Berggemeinde wohnen auf stolzen 46,43 km² Gemeindefläche. Nur gerade fünf km² weniger als die 137'995 Bewohnenden der Stadt Bern.

In den fünf am dichtesten besiedelten Gemeinden der Schweiz erreichte die Initiative die 40-Prozent-Marke bei den Ja-Stimmen nicht. In zwei kam sie gar nur auf rund 25 Prozent. Genf (31,5 %), Massagno (38,3 %), Vevey (25,7 %), Carouge bei Genf (31,2 %) und Basel (25 %) sagten alle klar Nein zur Initiative – auch wenn diese am meisten unter den von der SVP hervorbeschworenen Problemen leiden sollte.

Der Röstigraben

Die Romandie stimmt bekanntlich nicht oft auf einer Linie mit der Deutschschweiz und dem Tessin. So auch bei der Initiative «Keine-10-Millionen-Schweiz».

Die Bevölkerungsdichte in der Romandie ist signifikant höher als im Rest der Schweiz. Die Stadt Genf, die durch Grenzgängerinnen und Grenzgänger starken Zuwachs erlebt, ist der am dichtesten besiedelte Ort der Schweiz. Die Argumente der SVP überzeugten die Menschen dort aber nicht zu einem Ja.

Betroffenheit vs. Schweizer Idealismus

Ein ähnliches Bild ergibt ein Blick auf die Kriminalitätsstatistik. In Städten beziehungsweise dicht besiedelten Regionen werden tendenziell mehr Straftaten begangen. Auch hier sollten eigentlich die SVP-Argumente, gerade das der «importierten Kriminalität», ziehen. Aber im Gegenteil.

Denn die sichereren Orte stimmten tendenziell für die Initiative, während die Regionen, die statistisch gesehen am stärksten von Kriminalität betroffen sind, die SVP-Vorlage am klarsten ablehnten.

Das Gleiche gilt auch für die Mieten. In den Kantonen und grossen Städten, in denen die Mieten am höchsten sind, wurde die Initiative versenkt. In ländlichen Kantonen mit verhältnismässig tiefen Wohnkosten wurde die Initiative angenommen. Wieder zeigt sich eine Diskrepanz zwischen der Argumentation des Ja-Lagers und der tatsächlichen Auffassung der Bevölkerung.

SVP in kleinen Gemeinden stark

Es stellt sich die Frage, warum die Menschen, die am meisten von Dichtestress betroffen sind, so klar gegen die Bevölkerungsobergrenze gestimmt haben. Während umgekehrt die Bevölkerung, die am wenigsten direkt betroffen ist, am klarsten auch für die Initiative stimmt.

Simon Stückelberger vom Forschungsinstitut Sotomo ordnet gegenüber dem Tages-Anzeiger ein: «Menschen stimmen nicht nur aufgrund persönlicher Betroffenheit ab.» Weiter erklärt der Politologe: «Ein wichtiger Faktor ist auch die Frage, welches Schweiz-Bild man hat und in welche Richtung man möchte, dass sich das Land entwickelt.»

In den allermeisten Fällen sind die Hochburgen der SVP kleine, ländliche Orte, die nicht gerade dicht besiedelt sind. Dort ist oft auch der persönliche Kontakt mit Menschen, die in die Schweiz migriert sind, sporadischer. Nach der sozialwissenschaftlichen Kontakthypothese trägt dieser Kontakt stark dazu bei, Vorurteile gegenüber migrantischen Menschen abzubauen.

Dazu kommt, dass diese SVP-Hochburgen tendenziell ideologisch für SVP-Initiativen stimmen. Ob sie nun tatsächlich direkt betroffen sind oder nicht, ist dabei oft zweitrangig.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das waren die bisher knappsten Abstimmungen in der Schweiz
1 / 18
Das waren die bisher knappsten Abstimmungen in der Schweiz

Bundesbeschluss über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR)
Abgestimmt am: 06.12.1992
Ergebnis: abgelehnt
Stimmenunterschied: 23'836

quelle: keystone
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Teilnehmer Feministischer Streik Zürich
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
121 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Amphibolurus
15.06.2026 20:25registriert Januar 2026
Danke für diese Datenanalyse, als Stadtbewohner bin ich sehr glücklich mit dem Resultat und hoffe dass die Minderheit der abstimmenden die direkte Demokratie respektieren.
9535
Melden
Zum Kommentar
avatar
thirtyeighteen
15.06.2026 20:31registriert März 2021
Kontakthypothese (n. Allport): je weniger Kontakt mit Menschen bestimmter sozialer Merkmale (ursprünglich bei Menschen mit kogn. Beeinträchtigung) desto mehr Ablehnung, negative Einstellungen und Ängste. Hat man Kontakt werden Menschen mit ihrem Leben und Geschichten mit ihren Ähnlichkeiten m nicht mit ihren Unterschieden wahrgenommen. Pauschale Kategorisierungen und undifferenzierte Diffarmierungen und Schubladedenken wird erschwert. Aber hei, wenn man einmal oro Halbjahr in die grosse Stadt fährt - noch mit negativer Haltung wahrnimmt, wird der kleinste Scherz des Dönerverkäufers zur Gefahr
8627
Melden
Zum Kommentar
avatar
Bruno Wüthrich
15.06.2026 20:37registriert August 2014
Den wesentlichsten Grund hat der Experte nicht erkannt.
Das Unbekannte bereitet Sorge, macht Angst. Weil kleine Gemeinden von der Migration oft nur marginal betroffen sind, aber indirekt ständig von deren negativen Folgen zu hören bekommen, stimmen sie halt im Sinne der SVP, welche diese Angst vor dem Unbekannten bewirtschaftet. In den Gemeinden politisieren SVP Politiker oft umsichtig und pragmatisch. Deshalb können sie für ihre Partei punkten, was diese dann in solchen Abstimmungen ausnützt.
Angst vor dem Unbekannten und Unheimlichen wird von links bis rechts politisch schamlos ausgenutzt.
5524
Melden
Zum Kommentar
121
Jugendliche in der Schweiz werden zunehmend im Verkehr straffällig
Die Jugendkriminalität in der Schweiz wandelt sich: Während die Gesamtzahl der Urteile stagniert, gibt es seit 2020 stark mehr Verkehrsdelikte, aber deutlich weniger Drogendelikte. Die unbedingten Freiheitsentzüge nahmen ebenfalls zu.
Zur Story