Dicht bevölkerte Gemeinden sagten klar Nein zur «Keine-10-Millionen-Schweiz»-Initiative
Um 15 Uhr brach das Nein-Lager in Jubel aus. Nun ist es definitiv: 54,8 Prozent der Stimmbevölkerung sagten am 14. Juni Nein zur 10-Millionen-Initiative der SVP. Die Initiative sah vor, die Schweizer Bevölkerung auf ein Maximum von zehn Millionen zu beschränken. Weltweit wäre die Schweiz damit der einzige Staat mit einer starren Bevölkerungs-Obergrenze geworden.
Wen stresst der Dichtestress?
Die Initiative zielte vor allem darauf ab, die Überbevölkerung zu reduzieren, die laut der SVP zu explodierenden Mieten, Verkehrschaos, Dichtestress und Kriminalität führt. Doch vor allem in den Orten mit den höchsten Mieten, den vollsten Strassen und der grössten Bevölkerungsdichte wurde die Initiative am klarsten abgelehnt.
Am klarsten Nein sagte am Sonntag die Stadt Bern. Über 83 Prozent der Bernerinnen und Berner sprachen sich gegen die Initiative aus – trotz einer Bevölkerungsdichte von 2738 Menschen pro Quadratkilometer. Dagegen stimmten nur gerade 9,44 Prozent der Menschen in der Gemeinde Unteriberg, Kanton Schwyz mit Nein ab. Die 2476 Einwohnerinnen und Einwohner der Berggemeinde wohnen auf stolzen 46,43 km² Gemeindefläche. Nur gerade fünf km² weniger als die 137'995 Bewohnenden der Stadt Bern.
In den fünf am dichtesten besiedelten Gemeinden der Schweiz erreichte die Initiative die 40-Prozent-Marke bei den Ja-Stimmen nicht. In zwei kam sie gar nur auf rund 25 Prozent. Genf (31,5 %), Massagno (38,3 %), Vevey (25,7 %), Carouge bei Genf (31,2 %) und Basel (25 %) sagten alle klar Nein zur Initiative – auch wenn diese am meisten unter den von der SVP hervorbeschworenen Problemen leiden sollte.
Der Röstigraben
Die Romandie stimmt bekanntlich nicht oft auf einer Linie mit der Deutschschweiz und dem Tessin. So auch bei der Initiative «Keine-10-Millionen-Schweiz».
Die Bevölkerungsdichte in der Romandie ist signifikant höher als im Rest der Schweiz. Die Stadt Genf, die durch Grenzgängerinnen und Grenzgänger starken Zuwachs erlebt, ist der am dichtesten besiedelte Ort der Schweiz. Die Argumente der SVP überzeugten die Menschen dort aber nicht zu einem Ja.
Betroffenheit vs. Schweizer Idealismus
Ein ähnliches Bild ergibt ein Blick auf die Kriminalitätsstatistik. In Städten beziehungsweise dicht besiedelten Regionen werden tendenziell mehr Straftaten begangen. Auch hier sollten eigentlich die SVP-Argumente, gerade das der «importierten Kriminalität», ziehen. Aber im Gegenteil.
Denn die sichereren Orte stimmten tendenziell für die Initiative, während die Regionen, die statistisch gesehen am stärksten von Kriminalität betroffen sind, die SVP-Vorlage am klarsten ablehnten.
Das Gleiche gilt auch für die Mieten. In den Kantonen und grossen Städten, in denen die Mieten am höchsten sind, wurde die Initiative versenkt. In ländlichen Kantonen mit verhältnismässig tiefen Wohnkosten wurde die Initiative angenommen. Wieder zeigt sich eine Diskrepanz zwischen der Argumentation des Ja-Lagers und der tatsächlichen Auffassung der Bevölkerung.
SVP in kleinen Gemeinden stark
Es stellt sich die Frage, warum die Menschen, die am meisten von Dichtestress betroffen sind, so klar gegen die Bevölkerungsobergrenze gestimmt haben. Während umgekehrt die Bevölkerung, die am wenigsten direkt betroffen ist, am klarsten auch für die Initiative stimmt.
Simon Stückelberger vom Forschungsinstitut Sotomo ordnet gegenüber dem Tages-Anzeiger ein: «Menschen stimmen nicht nur aufgrund persönlicher Betroffenheit ab.» Weiter erklärt der Politologe: «Ein wichtiger Faktor ist auch die Frage, welches Schweiz-Bild man hat und in welche Richtung man möchte, dass sich das Land entwickelt.»
In den allermeisten Fällen sind die Hochburgen der SVP kleine, ländliche Orte, die nicht gerade dicht besiedelt sind. Dort ist oft auch der persönliche Kontakt mit Menschen, die in die Schweiz migriert sind, sporadischer. Nach der sozialwissenschaftlichen Kontakthypothese trägt dieser Kontakt stark dazu bei, Vorurteile gegenüber migrantischen Menschen abzubauen.
Dazu kommt, dass diese SVP-Hochburgen tendenziell ideologisch für SVP-Initiativen stimmen. Ob sie nun tatsächlich direkt betroffen sind oder nicht, ist dabei oft zweitrangig.
