Diese Gemeinde stellt den «SVP-Horror» dar – so lebt es sich vor Ort wirklich
Idyllische Dörfer, die zu Städten heranwachsen. Bagger und Beton statt Grünflächen und Bergsicht. Möchte man den Abstimmungsplakaten der SVP für die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» glauben, droht die Zuwanderung die ländliche Schweiz zu zerstören.
In der Realität existiert dieses Idealbild der Schweiz als «Land der Dörfer» gar nicht mehr. Sozialraumforscher Christian Reutlinger sagt:
74 Prozent der Bevölkerung leben heute im städtischen Raum, wie Zahlen des Bundesamts für Statistik aus dem Jahr 2024 zeigen. Besonders Agglomerationsstädte sind auf dem Vormarsch. Städte wie Emmen im Kanton Luzern.
Überblickt man Emmen vom Bahnhof aus, verdecken ein Mehrfamilienhaus und ein Baukran den freien Blick auf das Bergpanorama.
Läuft man die viel befahrene Hauptstrasse entlang, kommt man vorbei an einer Shishabar, der Merhaba Metzgerei, zahlreichen Dönerbuden, dem «Best of Africa»-Take-Away. Die Passantinnen und Passanten tragen Anzug, Arbeiterkleider, Hotpants, Kopftuch. Sie grüssen sich nicht.
Stellt Emmen das Horrorszenario der SVP dar? Gemeindepräsidentin Ramona Gut verneint: «Mit steigender Bevölkerungszahl kommen Herausforderungen auf uns zu, ja. Aber sie sind lösbar.» Wie genau, zeigt sie bei einem Rundgang durch den Luzerner Vorort.
Die Schweizer Dörfli-Identität
Wenige Meter Luftlinie von der Hauptstrasse entfernt reihen sich Einfamilienhäuser mit gepflegten Gärten aneinander. Tun sich zwischen Baustellen, Mehrfamilienhäusern und Sportplätzen da und dort unverhofft ruhige Waldstücke auf. Hört man Vogelgezwitscher und Rasenmäher. Gibt es Pärke, Spielplätze, Naherholungsgebiete am Fluss. Sagen sich Hündeler, Rentnerinnen und Familien Grüezi.
Dorfidylle neben Multikulti, Landwirtschaft neben Industriegebiet, Turnverein neben Shoppingcenter – in Emmen ist alles gleichzeitig möglich. «Und genau das macht unsere Gemeinde so attraktiv», sagt FDP-Gemeindepräsidentin Gut.
Obwohl Emmen mit seinen 33'000 Einwohnerinnen und Einwohnern längst als Stadt gilt, spricht Gut konsequent von der «Gemeinde Emmen». Denn ob eine Gemeinde sich als Stadt bezeichnen will, kann sie selbst entscheiden. Und Emmen wollte bisher keine Stadt sein.
Emmen befindet sich zwischen Dorfidentität und urbaner Realität.
So geht es vielen Gemeinden in der Schweiz. Sie sträuben sich nicht gegen die Stadtbezeichnung selbst, sondern gegen das, was sie symbolisiert, sagt Sozialraumforscher Christian Reutlinger:
Diese Vorstellungen weiss die SVP im Abstimmungskampf gut zu nutzen. Für Gemeindepräsidentin Gut ist die Stadt-Dorf-Diskussion vor allem eines: Identitätspolitik. Ob Gemeinde oder Stadt: Emmen wachse. Und darauf müsse sie als Gemeindepräsidentin reagieren. Unter anderem raumplanerisch.
Verdichten oder Betonieren?
Der Rundgang durch Emmen führt am Bistro Tramhüsli vorbei. 1927 im Dorfzentrum erbaut, hat es bezeugt, wie ab den 1940er-Jahren hunderte spanische, portugiesische, italienische, türkische Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter nach Emmen zogen. Wie ihre Industrie- und Baubetriebe Siedlungen für sie errichteten. Wie sie zu Familien heranwuchsen. Und wie viele dieser Familien – anders als ursprünglich geplant – in Emmen blieben.
Seither wächst die Bevölkerungszahl von Emmen stetig. Mit dieser Entwicklung muss die Infrastruktur Schritt halten. Was bei vielen zur Sorge führt: Muss die Schweiz ihre schöne Landschaft zubetonieren, um zu verdichten? Nicht unbedingt, lautet die Antwort von Emmen.
Seit vielen Jahren investiert die Gemeinde in die Schaffung von grünen, öffentlichen Plätzen. Das Freibad hat sie ausserhalb der Badesaison zu einem öffentlichen Park mit Grillplätzen umfunktioniert. Die Industrieareale, die einst nur für Mitarbeitende zugänglich waren, sind heute öffentlich und beherbergen Cafés und Restaurants.
Dennoch hat Verdichten auch Schattenseiten.
Ciao Arbeiterquartier
Gut führt watson zum Areal des ehemaligen Schindlerdörfli. Rund 200 Menschen lebten hier einst in 57 Einfamilienhäusern mit Garten. Die Liftbaufirma Schindler erbaute es in den 1940er-Jahren, um ihren Angestellten günstigen Wohnraum zu bieten.
Das Schindlerdörfli existiert nicht mehr. An seiner Stelle steht heute die Neubausiedlung Feldbreite mit ihren 860 Wohnungen.
Grünflächen, geschwungene Wege und Bänkli täuschen darüber hinweg, dass das Quartier heute dichter bebaut ist als zu Zeiten des Schindlerdörfli. Und dass sich die Demografie verändert.
Zwischen 500'000 und 1.3 Millionen Franken kosteten die 160 Eigentumswohnungen bei Fertigstellung 2022. In 35 Prozent der Fälle kauften Emmerinnen und Emmer diese Wohnungen, hiess es damals. Bei den 700 entstandenen Mietwohnungen gibt es keine Angaben zur Demografie. Ein Blick auf gängige Wohnungsplattformen legt jedoch nahe, dass eine Verdrängung von Menschen mit geringem Einkommen stattfindet: Betrug die Monatsmiete für eine 2,5-Zimmerwohnung 2022 noch 1470 Franken, verlangt ein Inserat von 2026 bereits 1650 Franken. Tendenz steigend.
Steht Verdichten für Gentrifizierung? Gut antwortet: «Wir bieten mehr Genossenschaftswohnungen an als andere Gemeinden im Kanton. Die Verdrängung von weniger gut Verdienenden können wir trotzdem nicht verhindern. Und bis zu einem gewissen Grad ist sie auch gewollt.»
Grenzen der Integration
39 Prozent der Bevölkerung in Emmen sind Ausländer. Zum Vergleich: Der schweizweite Durchschnitt liegt bei 24 Prozent Ausländeranteil. Obwohl Emmen wegen seiner Geschichte schon früh angefangen hat, in Integrationsmassnahmen zu investieren, gibt Gut zu:
Beispielsweise im Bildungswesen.
Die Schweiz setze auf inklusive Schulen. Für Lehrpersonen in Emmen bedeute das, dass sich zwei Belastungen kumulierten: Sie müssten viele Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen betreuen und gleichzeitig den speziellen Bedürfnissen von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten gerecht werden. «Das ist in der Realität einfach nicht mehr möglich», sagt Gut. Und es sei auch nicht fair, wenn Lehrpersonen in Emmen an ihre Grenzen stiessen, während Nachbarsgemeinden mit unterdurchschnittlich tiefem Ausländeranteil noch Kapazitäten hätten.
Deshalb strebe Emmen mit den Neubauprojekten eine «gute Durchmischung» der Bevölkerungsstruktur an.
«Emmenbronx»
Der hohe Ausländeranteil, frühere Verkehrsprobleme und Schlagzeilen zur Kriminalität haben Emmen den spöttischen Übernamen «Emmenbronx» eingebrockt. Seit ihrem Amtsantritt 2019 versucht Gut diesen Übernamen loszuwerden.
Um einen Umgang mit den Randständigen zu finden, die am Bahnhof herumlungern, arbeitet die Gemeinde mit der Luzerner Sicherheitspatrouille zusammen. In Präventionsarbeit und Hilfsangebote gegen häusliche Gewalt investiert sie seit Jahren. Um einen Imagewechsel voranzutreiben, hat sie in öffentliche Plätze und Pärke investiert und diese anschliessend zu «Lieblingsorten» der Bevölkerung erklärt.
Diese Strategie geht auf. «Emmenbronx ist Geschichte», titelte zentralplus 2023. Und Gut kann heute sagen:
Trotzdem muss Gut feststellen: «Es braucht nur einen Vorfall, der für Schlagzeilen sorgt, und wir sind wieder zurück beim Image Emmenbronx.»
Passiert ist das etwa, weil sich seit 2020 gleich vier Femizide ereigneten. Die Täter: ein Schweizer, ein Kroate und ein Rumäne.
Der jüngste Fall vom März 2025 mit zwei Todesopfern – Mutter und minderjährige Tochter – hat Gut besonders getroffen. Die Familie habe in ihrem Quartier gewohnt. Einem jener Quartiere, in denen sich Einfamilienhäuser aneinanderreihen. «Dass sich das an einem Ort ereignet, der sich für mich wie pure Dorfidylle anfühlt, finde ich immer noch schwer begreiflich.»
Gleichzeitig sieht Gut genau darin den Beweis, dass die Probleme, mit denen Emmen konfrontiert ist, die ganze Schweiz betreffen. Ausländeranteil hin oder her. Und dass sie als Gemeindepräsidentin diese Probleme nicht allein lösen kann. «Nachbargemeinden, die Kantone, der Bund – alle müssen ihren Beitrag leisten.»
Das Schöne an Multikulti
Eine wachsende, multiethnische Bevölkerung kann aber auch Vorteile haben. Das zeigt sich nicht nur darin, dass Emmen bisher nie Probleme gehabt hat, genügend Arbeitskräfte auf dem Bau, in Pflegeheimen oder Spitälern zu finden. Sondern auch im Gespräch mit den Anwohnerinnen und Anwohnern.
Vor dem Denner haben sich am späten Nachmittag spontan vier Frauen zwischen 35 und 40 Jahren versammelt und scherzen. Auf Schweizerdeutsch. Obwohl jede von ihnen eine andere Muttersprache spricht. «Wir kennen uns von der Schule», sagt eine. «Und vom Block», wirft eine andere ein und die Gruppe lacht.
Von Emmen wegziehen wollten die Frauen nie. Warum auch? «Wir haben hier alles, was man sich wünschen kann: Einkaufsmöglichkeiten, guter ÖV, gute Strassen, ein Vereinsleben, Jobs in der Nähe – und trotzdem können wir schnell im Grünen sein, wenn wir möchten.» In Emmen erlebten sie und ihre Kinder zudem weniger Rassismus als in den Nachbardörfern. Die Frauen finden:
An der Bushaltestelle der Sekundarschule stimmen zwei Schülerinnen in diesen Chor mit ein. Beide haben keinen Schweizer Pass. Die eine hat Wurzeln im Kosovo, die andere in Italien und Albanien. Die Kosovarin hat bis vor Kurzem in einem kleinen Dorf im Aargau gewohnt. «Das war ganz schlimm, was ich mir da als Ausländerin anhören musste», sagt sie. Hier, in Emmen, sei das Leben viel besser.
Die beiden erzählen begeistert, wie sie im Alltag Musik, Sprachen, Religionen und Essen aus aller Welt kennenlernen können. Und das, indem sie einfach ihre Freundinnen und Freunde zuhause besuchen.
Verlockende, aber falsche Versprechen
Kritisch zur Bevölkerungszusammensetzung äussern sich an diesem Tag nur zwei Männer. Sie kennen sich von der Arbeit auf dem Bau. So wie fast jeden Feierabend haben sie sich in ihrer Stammbeiz auf ein Bier getroffen.
Der eine stellt sich als 61-jähriger «Schweizer Büezer» vor. «Aber meine Eltern waren italienische Gastarbeiter.» Der andere ist Portugiese, 55 Jahre alt und lebt seit 15 Jahren in der Schweiz. Er kann kaum einen ganzen Satz auf Deutsch sagen. Die beiden Freunde unterhalten sich in einer Mischung aus Deutsch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch. Und verstehen sich.
Beide regen sich über Ausländer auf, die nach Emmen kämen, nicht arbeiteten und in Häuser einbrechen würden. Und über gutverdienende Zuzüger, welche die Mieten in die Höhe trieben. Zur SVP-Initiative sagt der Portugiese:
Die Schweiz müsse so lebenswerte Städte wie Emmen erhalten, findet er. Sein Schweizer Freund stimmt ihm zu. Dass Emmen schon heute genau das darstellt, wovor die Initiative warnt, erkennt keiner von beiden.
Die SVP-Initiative verspricht schnelle Lösungen für die Sorgen der Bevölkerung. In Emmen wird sie dieses Versprechen nicht erfüllen können. Gemeindepräsidentin Gut sagt:
Damit einhergehende Herausforderungen verlangten weiterhin kreative Lösungen. An diesen wird Gut auch künftig arbeiten.
Gleichzeitig hält sie fest: «Wenn die Initiative angenommen würde, könnten auch wir irgendwann einen Fachkräftemangel zu spüren bekommen.» Dies womöglich aber später als dörflichere Gemeinden. Multikulti und heutigem Bevölkerungswachstum sei Dank.
