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Mutterkorn für LSD: Wie in der Schweiz legal Drogen angebaut wurden

Mutterkornpilz Claviceps, purpurea Parasit, Mutterkornpilz Claviceps, purpurea Parasit, 19.12.2020, Copyright: xemerx Panthermedia29150560.jpg
Der Mutterkornpilz – vom Schädling zum Geldbringer und zurück.Bild: IMAGO/Panthermedia

Drogenanbau im Herzen der Schweiz – die goldenen LSD-Jahre unserer Bauern

Zwischen 1939 und 1976 produzierten unsere Bauern im Auftrag der Basler Chemie ganz legal Drogen: den Rohstoff für die berühmte Droge LSD. Das Napfgebiet bildete im Herzen der Schweiz bei der LSD-Produktion ein «goldenes Dreieck». Die erstaunliche Geschichte der Wolfszähne. Eines Schädlings, der vorübergehend zum «Big Business» wird.
27.06.2023, 19:0028.06.2023, 16:29
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Die Ankündigung verheisst wenig Erfreuliches: «Woufzäng abläsä!» («Wolfszähne ernten!») In meiner Erinnerung bleiben Kindheitstage – Kinderarbeit wäre für einen Bauernbub dann doch ein zu böses Wort – im Roggenfeld: Ernten der Wolfszähne. So heisst der schwarze, aus den Roggenähren herauswachsende Pilz, der durchaus Ähnlichkeit mit einem Wolfszahn hat.

Wir gingen unter der heissen Juni-Sonne langsam durch die in regelmässigen Abständen angelegten Wege des Roggenfeldes, zupften die Wolfszähne aus den Ähren und legten sie in ein umgehängtes Leinensäcklein. Handarbeit im besten Wortsinn. Ein bisschen wie das Pflücken von Baumwolle. Wir wurden zu Fleiss und grösster Sorgfalt ermahnt. Die Wolfszähne brachten Geld. Viel Geld. Das Kilo in den besten Zeiten bis zu 40 Franken.

Die wissenschaftliche Bezeichnung der Wolfszähne ist Mutterkorn. Es sind Kindheitserinnerungen an ein faszinierendes Kapitel der schweizerischen Agrargeschichte. 38 Jahre lang haben die Bauern im «goldenen Dreieck» Luzerner Hinterland, Oberaargau und Emmental Drogen (den Grundstoff für LSD) ganz legal angebaut und dabei viel Geld verdient.

LSD – ein Chemiker entdeckt zufällig eine Droge
Der Chemiker Albert Hofmann stellt 1938 bei Sandoz während seiner Forschungsarbeiten zum Mutterkorn mit der Zielsetzung, ein Kreislaufstimulans zu entwickeln, erstmals LSD her. Fünf Jahre später entdeckt er die berauschende Wirkung. Er schilderte diesen Moment so: «Vergangenen Freitag, 16. April 1943, musste ich meine Arbeit im Laboratorium unterbrechen und mich nach Hause begeben. Zu Hause legte ich mich nieder und versank in einen nicht unangenehmen, rauschartigen Zustand, der sich durch eine äusserst angeregte Phantasie kennzeichnete.»

LSD ist das spektakulärste und bekannteste Produkt der chemischen Industrie auf der Basis von Mutterkorn (Wolfszähnen). Die isolierten Mutterkornalkaloide werden zudem als Reinstoffe in Fertigarzneimitteln verwendet, können aber – wie das LSD – inzwischen auch weitgehend synthetisch hergestellt werden. LSD ist eines der stärksten bekannten Halluzinogene. Bereits sehr geringe Dosen im unteren Mikrogrammbereich rufen lang andauernde Wirkungen hervor. Zu diesen gehören veränderte Gedanken, Wahrnehmungen und Gefühle sowie ein veränderter Bewusstseinszustand.

Manche der Zustände unter LSD-Einfluss mahnen an psychische Störungen. Diese Zustände sind aber in fast allen Fällen wieder verschwunden und bestehen nur in sehr seltenen Fällen für längere Zeit fort. Anfänglich war LSD in der Psychotherapie als Medikament eingesetzt worden. In der Hippie-Ära der späten 1960er Jahre war der Gebrauch von LSD relativ weit verbreitet, führte bei vielen Konsumierenden zum Hinterfragen der gängigen Glaubenssysteme und bei Künstlern wurde es als Mittel zur Inspiration gesehen. Sandoz hat LSD patentieren lassen.

Die Nutzen-Risiko-Wahrnehmung bei LSD hat sich wiederholt verschoben und wird insbesondere politisch stark beeinflusst. Seit 1971 ist LSD in den meisten Ländern (darunter der Schweiz) als Betäubungsmittel klassifiziert und darf nicht in Verkehr gebracht werden. Im Zuge dieses Verbots ist die LSD-Forschung bis auf wenige von den zuständigen Behörden bewilligte medizinische Experimente praktisch eingestellt worden.

Alles beginnt 1939 und endet ziemlich abrupt 1976. Ab 1939 wird Mutterkorn vorab im Amt Willisau, im Emmental und im Oberaargau angebaut. In Gegenden also, wo Roggen schon seit Menschengedenken angepflanzt wird. In diesem hügligen, gewitterreichen Herzen der Schweiz mit feuchter Luft, hoher Bodenqualität und genügend Niederschlägen sind die klimatischen Bedingungen perfekt. Ganz nebenbei: In dieser Gegend wächst auch der weltweit wahrscheinlich beste Hanf.

Das Basler Pharma-Unternehmen Sandoz (später Novartis) ist Dreh- und Angelpunkt der ganzen Geschichte. 1918 gelingt es Sandoz, das Alkaloid «Ergotamin» aus dem Mutterkorn zu isolieren. Im Laufe der nächsten Jahre wird auf dem eigenen Gutsbetrieb (Klushof) eine Roggensorte gezüchtet, die Maximalerträge für das Mutterkorn ermöglicht. Ab 1939 wird dieses Saatgut im Herbst an die Landwirte abgegeben. Im Mai, in einer bestimmten Phase des Wachstums, erfolgt dann die Impfung des Roggens.

Die Nachfrage nach Mutterkorn ist so gross, dass sich die «Wolfszähne» (Mutterkorn) zur lukrativen Arzneimittel- bzw. Drogenproduktion unserer Agrar-Geschichte entwickeln. 1939 werden ein paar Tonnen geerntet. Bei der Einstellung der Produktion 1976 sind es mehrere hundert Tonnen. Der enorme Bedarf befeuert die chemische Industrie bei der Suche nach der synthetischen Herstellung, die dann 1976 das Ende des Mutterkornanbaus bedeutet.

Bevor der kultivierte Anbau von Mutterkorn bei uns Ende der 1930er Jahre beginnt, bezieht die chemische Industrie diesen Rohstoff aus Wildwuchs. Aus Afrika (vor allem Belgisch-Kongo), aus Asien und schliesslich aus Spanien.

Die weitaus grössten Erträge bringt aber der Anbau in der Schweiz. Weil der Ertrag aus dem Wildwuchs gering und der Mutterkornanbau im Ausland schwierig ist und die weltpolitische Lage globalen Handelsbeziehungen nicht eben förderlich ist (1939 beginnt der 2. Weltkrieg), wendet sich Sandoz ganz der helvetischen Landwirtschaft zu.

Mit Mutterkorn befallene Roggenähren, aus der Zucht der Sandoz AG
Mit Mutterkorn befallene Roggenähren aus der Zucht der Sandoz AG.Bild: Institut für Medizingeschichte der Universität Bern, Nachlass Albert Hofmann

1937 berichtet Sandoz, dass die Bauern der Idee des Mutterkornanbaus «etwas skeptisch» gegenüberstehen. Aber sie seien «um der eventuellen Mehrerträge willen in vielen Fällen zu überzeugen und für die Sache zu gewinnen». Dem Chemieunternehmen gelingt es, diese anfängliche Skepsis in kürzester Zeit zu überwinden und mit Feldversuchen zu beginnen.

Zur zentralen Figur der Mutterkorn-Industrie wird Walter Artur Brack. Er schliesst 1933 ein ETH-Studium ab und übernimmt 1935 bei Sandoz die Leitung des Mutterkorn-Feldanbaus. Noch gibt es keine maschinelle Impfung. Der Arbeitsaufwand für die Impfung beträgt pro Hektare 330 Stunden. Zudem braucht die Mutterkorngewinnung einen rechtlichen Rahmen. In diesem Sinne informiert Sandoz die in die Mutterkornproduktion integrierten Bauern: «Wir möchten die Herren Landwirte darauf aufmerksam machen, dass bisher das Sammeln von Mutterkorn jedem freigestellt ist. Jetzt aber, wo Mutterkorn durch künstliche Kultur (durch Impfen – die Red.) gezüchtet wird, muss man Sorge dafür tragen, dass es nicht gestohlen wird. Es liegt im Interesse des Landwirtes, entsprechende Massnahmen zu treffen.»

Kommt dazu: Trotz der grossen Bedeutung für die chemische Industrie muss der Anbau von Mutterkorn-Roggen ab 1939 vom Kriegsernährungsamt genehmigt werden. Im Rahmen der «Anbauschlacht» versucht die von Einfuhren abgeschnittene Schweiz die Nahrungsmittel selbst zu produzieren.

Portrait of Swiss scientist and chemist Albert Hofmann (11.1.1906-29.4.2008), the former head of the research department of the Swiss chemical company Sandoz and discoverer of LSD, in Basel, Switzerla ...
Albert Hofmann, der Entdecker von LSD.Bild: KEYSTONE

Bei der Bewilligung steht die grosse volkswirtschaftliche Bedeutung des Mutterkorns den Ertragsausfällen in der Roggenproduktion für die Ernährung gegenüber: Für Brotgetreide ist Mutterkorn-Roggen nämlich nicht mehr verwendbar und nur eingeschränkt als Futtergetreide. Was den Behörden die Bewilligung erleichtert, ist eine ganz besondere volkswirtschaftliche Bedeutung: Sandoz bezahlt den Bauern im Jahre 1939 insgesamt 202'000 Franken (was heute rund vier Millionen Franken entspricht), um Helferinnen und Helfer für den Anbau anzuheuern. Mehr als 300 Arbeitslose finden in schwierigen Zeiten so Beschäftigung. Der Mindestlohn in der «Mutterkorn-Industrie» wird auf 1.35 Franken pro Stunde festgelegt.

Die zentralen Elemente beim Mutterkornanbau sind die Herstellung des Impfstoffes (durch Sandoz), die Suche nach der am besten geeigneten Roggensorte (wird auf dem Gutshof von Sandoz gezüchtet), die Düngung und die Bodenbeschaffenheit. Trotz aufwändiger Produktion – Impfen und Ernten als Handarbeit – werden 1939 bereits 3,584 Tonnen Wolfszähne an Sandoz geliefert.

Eine 1941 an die Bauern verteilte Broschüre gibt einen Einblick in das bisher erarbeitete Wissen. Es wird darauf hingewiesen, dass ein tiefgründiger, humusreicher Boden ideal sei. Bei der Düngung sei auf genügend Stickstoff zu achten. Felder in der Nähe von Wasser, Wäldern und an windgeschützter Lage seien zu bevorzugen. Weil es an solchen Lagen zu hoher Taubildung komme. Der «Impfroggen» (der Roggen zur Gewinnung von Wolfszähnen) braucht nicht in die Fruchtfolge integriert zu werden. Angeblich haben Bauern neunmal hintereinander auf dem gleichen Feld «Impfroggen» angebaut.

Sandoz arbeitet mit der Maschinenfabrik Bucher-Guyer in Niederweningen intensiv an der Entwicklung einer Impfmaschine. Eine solche Maschine mit 16'000 Nadeln kann schliesslich an einem Tag 34 Hektaren impfen. Wofür bei der «Handimpfung» mindestens 4000 Arbeitsstunden erforderlich sind.

Ingenieure bei Bucher-Guyer suchen nach Möglichkeiten der Produktionssteigerung. Die Impfmaschinen funktionieren zwar. Aber sie müssen von Pferden gezogen werden. Es wird geklagt, dass es oft sehr schwer sei, Pferde zu finden, die die Maschinen im richtigen Tempo durch die Roggenfelder ziehen. Zudem sei die Scheu der Pferde vor lauten Geräuschen ein Problem. Es kommt immer wieder vor, dass die Pferde durchgehen. Sandoz schreibt: «In einem Fall, in welchem das Pferd mit der Maschine durchbrannte, wurde die letztere stark beschädigt.»

Im Laufe der 1960er Jahre gelingt dann die vollständige Mechanisierung des Impfens. Traktoren auf hochgestellten, an Stelzen mahnenden Fahrgestellen (sog. «LSD-Traktoren») fahren mit einer von Sandoz entwickelten Impfmaschine durch die Roggenfelder, um die Ähren zu infizieren (zu impfen). Nadeln mit dem Impfstoff rotierten auf einer senkrecht stehenden Walze. Ein Liter Impfflüssigkeit enthält eine Milliarde Pilzsporen. Jede Ähre wird durch Einstiche geimpft. Alle Maschinen bleiben im Besitz von Sandoz und werden lediglich zur Verfügung gestellt. Das wird bis zur Einstellung der Mutterkorn-Produktion so bleiben.

Sandoz kann die gesamte Mutterkorn-Produktion von Basel aus nicht lenken. Bereits 1941 wird die zentrale Führung der Mutterkorn-Produktion ins Produktionsgebiet verlegt. Nach Weier, einem Ortsteil der Gemeinde Affoltern auf halbem Weg zwischen Huttwil (Oberaargau) und Sumiswald (Emmental).

Artur Brack ernennt am 1. März 1941 den 1912 geborenen Max Schori zum «Mutterkorn-General» (oder «LSD-General»). Er wird im Standardwerk von Beat Bächi über die Mutterkorn-Gewinnung («LSD auf dem Land») als schillernde Figur geschildert. Max Schori sei meistens mit einer Pistole bewaffnet und von seinem knurrigen Hund begleitet in einer Edelkarosse der Marke Jaguar unterwegs gewesen. In einer Landesgegend, in der schon ein VW-Käfer in der damaligen Zeit bestaunt wird. Er sei sehr streng gewesen und habe für eine straffe, militärische Organisation gesorgt. Ein wenig wie ein Landvogt. In einem Schloss residiert er zwar nicht. Aber in einem feudalen Landhaus.

Max Schori hat enorme Macht. Denn er entscheidet mit seinen elf ihm unterstellten nebenamtlichen Gebietschefs über die Zuteilung des Impfstoffes und damit die Einkommensmöglichkeiten der Bauern. Der Impfstoff wird von Sandoz geliefert und ohne Impfstoff keine Wolfszähne. Weil jeder Bauer möglichst viel Mutterkorn für Sandoz anbauen möchte, ist die Zuteilung kontingentiert und Max Schori sagt letztlich, wer wie viel bekommt. Seine Gebietschefs sind zugleich die Berater der Bauern und helfen ihnen in Fragen des Anbaus. Als Gebietschef steigt das persönliche Prestige im Dorf. Die Herren geniessen ein hohes Ansehen und manch einer soll sich als «King» gefühlt und aufgeführt haben.

Zwischen der Sandoz-Zentrale in Basel und «Mutterkorn-General» Max Schori im Weier kommt es aufgrund persönlicher Animositäten zu grossen Differenzen, die auch zu langwierigen Gerichtsfällen führen. Dabei geht es offenbar um unkorrekt eingezogene Reiseentschädigungen, Prügeleien in Wirtshäusern und aus der Zentrale trifft ein Schreiben bei Max Schori ein, worin es u. a. heisst: «Im Mutterkornbüro Weier wurde viel von Ihren typischen Eselsritten gesprochen – von Ihrer widerlichen Art, Tatsachen zu verdrehen oder einfach zu ignorieren.» In einer Landesgegend, in der Bescheidenheit und Wohlverhalten als Kardinaltugenden gelten, gilt einer wie Max Schori als «bunter Hund».

Pistolenimpfung der Roggenähre mit Mutterkorn, 1943.
Pistolenimpfung der Roggenähre mit Mutterkorn, 1943.Bild: Novartis Firmenarchiv

Aber Max Schori ist immer obenauf. Er hat die Sache im Griff, das Mutterkorn wird pünktlich abgeliefert und das Geschäft ist zu wichtig. Da wird über ein paar Eskapaden («Eselsritte») hinweggesehen. Es rockt und rollt rund um die Wolfszähne im Herzen der Schweiz.

Was den Mutterkorn-Anbau so attraktiv macht: Er kommt der bäuerlichen Grossfamilien-Struktur entgegen. Viele Hände sind da, um die Wolfszähne abzulesen. Die Ernte ist vor allem Sache der Kinder und der Frauen. Vom Schulkind über die Magd bis zur Tante und zur Grossmutter können alle mithelfen.

Kommt dazu, dass die Wolfszähne in der Regel im Juni nach dem Heuet und vor der grossen Getreide-Erntezeit abgelesen werden. Deshalb fügt sich diese Arbeit gut in den Ablauf der anderen Arbeiten ein. Parallel läuft lediglich das Emden (der zweite Schnitt des Heugrases).

Im Laufe der Zeit wird nicht nur das Impfen, sondern ab den späten 1960er Jahren auch das Ablesen der Wolfszähne mechanisiert. Aber auch das maschinell geerntete Mutterkorn muss in Handarbeit verlesen werden: Es ist erforderlich, die Spreu sozusagen von den Wolfszähnen zu trennen. Das ist maschinell nicht möglich und erfordert erneut Handarbeit. Diese Arbeit ist schier endlos und monoton und wird meist nach getaner Feldarbeit am Abend bis tief in die Nacht hinein fast ausschliesslich von Kindern und Frauen verrichtet. Im katholischen Luzerner Hinterland sollen die Frauen während dieser Arbeit den Rosenkranz gebetet haben. Im reformierten Oberaargau seien hingegen Klatsch- und Gespenstergeschichten erzählt worden und gar manche der Helferinnen und Helfer habe sich dann vor dem Heimweg in finsterer Nacht gefürchtet.

Die Legende geht auch, dass zu Beginn der 1970er Jahre mit dem Aufkommen von LSD als Droge oft junge Leute zum Verlesen auf den Bauernhöfen engagiert worden sind. Als Lohn erhielten sie ein paar Wolfszähne zum «Eigengebrauch».

Roggen Ohren, Nahaufnahme. Roggenfeld im Sommer. Erntekonzept
Heute gilt Mutterkorn im Roggenanbau wieder als Schädling.Bild: Shutterstock

Max Schori muss für Sandoz auch die Ablieferung der Ernte organisieren. Er bietet vor der Ernte seine Gebietschefs auf. In seinem Büro im Weier wird eine erste Ertragsschätzung vorgenommen. Fässer und Eisenbahnwagen werden bestellt. Weier hat damals noch einen Bahnanschluss (2009 aufgehoben).

Die Bauern müssen das Mutterkorn in Papiersäcken oder Blechfässern abliefern. Bei Konflikten, beispielsweise bei angeblicher Verunreinigung des Mutterkorns mit anderen Substanzen (wenn nicht richtig verlesen worden ist), wird die Annahme verweigert. Gleich vor Ort wird mit dem Rechnungsbüro abgerechnet.

Artur Brack, der bei Sandoz die ganze Mutterkorn-Industrie verantwortet und Max Schori im Weier installiert hat, schildert in einem Bericht die Annahme der Wolfszähne als «Schoris Zirkus». Es sei zu und hergegangen wie im Militär, schliesslich sei ja der Schori Oberstleutnant gewesen. Entsprechend beginnt die Ablieferung auf die Sekunde genau und die Bauern müssen sich in geordneten Reihen anstellen. Über die wirtschaftliche Bedeutung wird der ganzen Mutterkorn-Industrie sogar noch eine disziplinarische Funktion zugeschrieben. Gelagert werden die Wolfszähne in einer Halle beim Dorf Weier, die heute anders genutzt wird und im Volksmund noch heute «Sandoz-Halle» heisst. Aber kaum mehr jemand weiss im 21. Jahrhundert noch um den Zusammenhang.

In «Schoris Zirkus» gibt es wenig zu lachen. Sind die Wolfszähne zu klein, gibt es Abzug. Da es nur eine Waage gibt, zieht sich das Prozedere arg in die Länge. Für die Bauern ist der Abgabetag dennoch ein Fest. Es gibt bares Geld auf die Hand. Zu den besten Zeiten bis zu 40 Franken pro Kilo. Es ist Brauch, dass die Gebietschefs die Bauern nach Ablieferung des Mutterkorns ins Gasthaus einladen. Jene, die besonders viel abgeliefert haben, bekommen gar eine Flasche Wein. Deshalb wird darauf geachtet, dass spätestens um 16.00 Uhr alle abgerechnet haben. So bleibt noch eine Stunde Zeit fürs Wirtshaus, bevor die Bauern heim in den Stall müssen. Als später die Auszahlung per Post erfolgt, profitieren auch die Briefträger: Sie bekommen bei der Überbringung der oft grossen Mutterkorneinnahmen schöne Trinkgelder oder Naturalien.

Wie hoch diese Mutterkorn-Gelder sind, zeigt sich daran, dass die Steuervögte eine Liste der Bauern führen, die Mutterkorn anbauen. Die ungefähren Einnahmen können die Staatsdiener anhand der Fläche errechnen und auf eine entsprechende Besteuerung bestehen. Zu dieser Zeit werden die Bauern nach Einschätzung und noch nicht nach Buchhaltung besteuert.

Ab 1955 kann der Mutterkorn-Roggen auch gegen Hagel versichert werden. Allerdings steht im Kleingedruckten eine nicht unerhebliche Einschränkung: Bezahlt wird nur für die Schäden an Halm und Ähre, nicht aber für den Wert der verhagelten Wolfszähne.

Der Anbau von Mutterkorn bzw. die Gewinnung des Rohstoffes aus den Wolfszähnen ist so lukrativ, dass auch andere Firmen als Sandoz in dieses Geschäft einzusteigen versuchen. Alle scheitern. Weil nur Sandoz über das entsprechende Wissen, eine funktionierende Organisation von der Bereitstellung des Impfstoffes über Erntemaschinen bis zur Abgabe der Wolfszähne verfügt.

Wolfszähne können auch den Tod bedeuten
Das Mutterkorn ist ein länglicher, bis zu sechs Zentimeter langer Schlauchpilz, im Volksmund auch Wolfszahn genannt. Für Mensch und Tier ist der Befall von Nahrungs- und Futtergetreide mit Mutterkorn ein Problem. Die in diesem Pilz enthaltenen über 80 Alkaloide und Farbstoffe weisen eine hohe Giftigkeit auf.

Mutterkorn («Wolfszahn») ist heute in der Landwirtschaft ein Schädling. Einst durch Impfung der Roggenähren «gezüchtet» und «Big Business», ist Mutterkorn nun unerwünscht. Mutterkorn kommt in der Natur vor und wird vor allem durch Insekten auf die Ähren übertragen. Wenn Getreide von Mutterkorn befallen ist (bevorzugt Roggen, aber der Pilz gedeiht auch bei anderen Getreidesorten), wird eine maschinelle Reinigung sehr schwierig. Besonders häufig vom Mutterkornbefall betroffenes Nahrungsgetreide war früher Roggen. Hatte der Mutterkorn-Pilz die Roggenähren befallen, gelangte er zusammen mit den Roggenkernen in die Mühle, wo er mitgemahlen wurde. Das gewonnene Mehl wurde zu Brot gebacken und verursachte eine Lebensmittelvergiftung.

Bis ins 18. Jahrhundert traten auch in der Schweiz auf Mutterkorn zurückgehende Massenvergiftungen meist als Begleiterscheinungen von Hungersnöten auf, wenn grosse Teile der ärmeren Bevölkerung zum Verzehr ungereinigten, vom Felde aufgelesenen Getreides gezwungen waren. Auch sonst waren die Armen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit eher von solchen Vergiftungen durch das Mutterkorn betroffen, da sie meist das billigere, aus kaum gereinigtem Getreide hergestellte Brot verzehrten. Die Vergiftungen führten oft zum Tod. Die Anzeichen einer Vergiftung waren Kopfschmerzen, Schwindelgefühle und Erbrechen, gefolgt von Hautkribbeln und Taubheitsgefühlen in Fingern, Zehen, Lippen oder Ohren, die in schweren Fällen regelrecht abstarben. Nicht selten wurde auch das Nervensystem in Mitleidenschaft gezogen. In geringen Dosen wirkt Mutterkorn hingegen als Heilmittel. In unserer Volksmedizin hatte Mutterkorn im Mittelalter lange eine Bedeutung als wehentreibendes und blutstillendes Mittel.

Die neuen biotechnischen Möglichkeiten bringen es mit sich, dass Sandoz sich immer mehr aus dem natürlichen Mutterkornanbau zurückzieht. Angesichts der Unabwägbarkeiten im Zusammenspiel von Menschen, Pflanzen, Tieren, Maschinen und Impfstoffen ist Sandoz froh, ab 1968 den Bedarf an Mutterkornalkloiden weitgehend durch synthetische Produktion ersetzen zu können.

«Mutterkorn-General» Max Schori sieht 1973 das Ende der Herrlichkeit kommen. Aus Rücksicht auf die Bauern fordert er von Sandoz eine nicht allzu kurzfristige und schroffe «Liquidierung» des Mutterkorn-Geschäftes. Er fordert eine Anbauzeit bis und mit 1975 und setzt sich durch. Im März 1976 informiert Sandoz die 2101 Mutterkorn-Anpflanzer über das Ende des Mutterkornanbaus.

Zu diesem Zeitpunkt sind 2,5 Prozent der Schweizer Bauern – sie sind fast alle im Napfgebiet angesiedelt – Vertragspartner von Sandoz, die noch 1975 insgesamt rund sechs Millionen Franken für die Wolfszähne bekommen. Was immerhin pro Bauer durchschnittlich fast 3000 Franken Einnahmen ausmacht. Als Anerkennung für die geleisteten Dienste verteilt Sandoz an alle Bauern, die Mutterkorn produziert haben, ein Goldvreneli.

LSD auf dem Land: Produktion und kollektive Wirkung psychotroper Stoffe, Konstanz University Press, 2020
Das Buch von Beat Bächi beschreibt den Anbau des Mutterkorns im Emmental und im Luzerner Hinterland und den Weg des LSD von den Schweizer Äckern über die Laboratorien des Chemie-Unternehmens Sandoz hin zur Psychiatrie.

Wallstein Verlag
ISBN 978-3-8353-9125-3

1977 läuft der Anbau schliesslich ganz aus. Vorübergehend tritt der Deutsche Pharmakonzern Boehringer Ingelheim in den Markt ein. Über die Mutko Maschinen AG im luzernischen Schlierbach werden noch einmal 500 Produzenten gefunden, die auf einer Fläche von 500 Hektaren Mutterkorn anbauen. Als aber die Eidgenössische Getreideverwaltung das Gesuch von Boehringer Ingelheim um Subventionierung des Mutterkorn-Anbaus ablehnt, ziehen sich die Deutschen zurück. Am 16. April 1977 geht die Mutko Maschinen AG Konkurs. Die Geschichte des Mutterkorn-Anbaus ist damit definitiv zu Ende, die goldenen LSD-Jahre unserer Bauern sind Geschichte. Seither ist Mutterkorn wieder ein Schädling.

Aus dem Monatsmagazin WURZEL.

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32 Kommentare
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Etzsegiglichöpis
27.06.2023 19:28registriert September 2020
Spannende Geschichte. Das war also quasi der Drogenbaron der Schweiz, der Schori Max. Sozusagen unser Escobar😄
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Evangelina
27.06.2023 19:13registriert November 2015
Ein sehr lehrreicher und spannender Artikel! Auch wie die Landwirtschaft und die helvetische Öffentlichkeit damals damit umgegangen ist. Herzlichen Dank, Mister Zaugg! 🙏🏼
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arpa
27.06.2023 19:37registriert März 2015
Toller Bericht - wusste nichts vom Wolfszahm und dessen Boom.

Schön zu lesen und informativ, danke👌.
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