Die Schweiz hat keine Löschflugzeuge – aus gutem Grund
Die Felder im Mittelland sind strohgelb, die Äste fallen von den dürren Bäumen und selbst das sonst üppige Moos in den Bündner Wäldern kann man derzeit zwischen den Fingern zerbröseln.
Von einem «perfekten Cocktail» aus monatelanger Trockenheit und hohen Temperaturen spricht Waldbrandexperte Marco Conedera. Betroffen sei das ganze Land– «und das ist ein wesentlicher Unterschied zu anderen, besonders trockenen Jahren».
Die Klimaveränderung führe dazu, dass die «Lage ausgeprägter» und aus regionalen Gefahrensituationen eine nationale werde. Aber wie ist die Schweiz aufgestellt, wenn plötzlich der Wald brennt?
Im Unterschied zu Frankreich, Italien oder Spanien verfügt die Schweiz über keine grossen Löschflugzeuge. Mehrfach forderten Politiker von links bis rechts eine solche Anschaffung, doch der Bundesrat stellte sich wie zuletzt 2023 auf den Standpunkt: Es braucht sie nicht.
Umweltminister Albert Rösti sagte im Nationalratssaal: «Der Bundesrat vertritt die Haltung, dass für die Waldbrandbekämpfung zuerst die verfügbaren Zivilmittel und subsidiär Mittel der Armee zu nutzen und bestmöglich aufeinander abzustimmen sind.»
Schweiz schielte nach Kanada
Verwaltungsinterne Dokumente zeigen, dass eine Beschaffung in den darauffolgenden Monaten dennoch geprüft wurde. 2025 holte Röstis Umweltdepartement die Expertise der Kollegen aus Kanada ein, wie ein sogenannter «Airtanker» in der Schweiz eingesetzt werden könnte.
Kein Zufall: Kanada gilt weltweit als führende Nation bei der Bekämpfung von Waldbränden und stellt mit der «Canadair» auch eines der bekanntesten Löschflugzeuge her.
Die Kanadier stellten der Schweiz grundsätzlich ein gutes Zeugnis aus. Vor allem die verfügbaren Helikopter von privaten Unternehmen und der Armee bedeuteten eine gute Basis, um die Feuerwehr aus der Luft zu unterstützen. Die Helis seien ideal, um einzelne Brandherde zu bekämpfen, und auch wirksam gegen Glutnester in steilem Gelände.
Das zeigte sich etwa beim Brand von Bitsch 2023: Damals flogen Super Pumas der Schweizer Armee an der Seite der zivilen Einsatzkräfte abwechselnd Löscheinsätze. Insgesamt warfen sie mehr als 500 Tonnen Wasser über dem Brandgebiet ab.
Zu einem ähnlichen Fazit gelangt ein unveröffentlichter Bericht zu zivilen Lösch-Helikoptern aus dem Verteidigungsdepartement (VBS) von Ende 2025. Die Analyse zeige ein leistungsfähiges Gesamtsystem. Doch orten beide Untersuchungen Probleme – vor allem bei grossen Bränden.
Das VBS schreibt: «Die Nachtflugfähigkeit ist ungleich verteilt. Die Pilotendichte weist erhebliche Unterschiede auf. Schwere Helikopter sind begrenzt vorhanden und besitzen damit einen kritischen Stellenwert für die nationale Leistungsfähigkeit.»
Und im Bericht der kanadischen Umweltbehörde heisst es: Bei einer langen Feuerfront stosse das Schweizer Heli-System schnell an Grenzen. Ausserdem könnten Flächenflugzeuge schnell grosse Wassermassen ins benötigte Gebiet bringen, sofern es das Gelände zulässt. Zum Vergleich: Ein Airtanker kann bei einer Distanz von 10 Kilometern zwischen Quelle und Brand bis zu 60'000 Liter abwerfen. Und dies in einer Schneise von bis 140 Meter Länge und 60 Meter Breite. Ein schwerer Helikopter schafft die Hälfte und wirkt eher punktuell.
Schweizer Topographie erschwert die Situation
Allerdings: In engen Tälern ist es deutlich einfacher, einen Helikopter zu navigieren, als ein Flugzeug. Auch ist nicht klar, welche Seen ein Löschflugzeug in der Schweiz ansteuern könnte, um seine Tanks zu füllen.
Im kanadischen Bericht ist die Rede von Wasserquellen, die mindestens 1,8 Kilometer lang, 90 Meter breit und zwei Meter tief sein müssen. In Graubünden, im Wallis und im Tessin erfüllen diese Bedingungen gerade einmal eine Handvoll Seen. Helikopter könnten dagegen auch Becken, künstliche Reservoirs, mobile Löschwasserbehälter oder vorbereitete Füllstellen verwenden. Weitere Knackpunkte sind die Kosten, der Unterhalt und die Ausbildung der Piloten.
Der Bundesrat setzt deshalb auf einen anderen Weg: auf die EU. Bis Ende Jahr will Verteidigungsminister Martin Pfister skizzieren, inwiefern die Schweiz am Katastrophenschutzverfahren der Europäischen Union teilnehmen könnte. Dabei gibt es noch einen Haken: Für Drittstaaten ist eine solche Teilnahme aktuell rechtlich nicht möglich, das soll sich aber ändern. Dann würde man im Katastrophenfall auch von ausländischen Löschflugzeugen profitieren – sofern sie denn verfügbar sind. (schweizheute.ch)
