Wie Schweizer Bauern die Bewässerung an die Dürre anpassen
Seit Monaten leidet die Schweiz unter anhaltender Hitze und Trockenheit. Die Folgen sind ausgetrocknete Felder und Äcker. Für Prognosen zu möglichen Ernteausfällen oder tieferen Erträgen sei es zwar noch zu früh. «Nicht gut sieht es insbesondere bei Ackerkulturen wie Kartoffeln oder Zuckerrüben aus. Auf den Grasflächen ist die Situation bereits akut», schreibt Sandra Helfenstein vom Schweizer Bauernverband auf Anfrage. Hält die Trockenheit an, drohen im Pflanzenbau erhebliche Einbussen – insbesondere bei Kartoffeln, Zuckerrüben und Sonnenblumen. Zudem dürfte sich die ohnehin angespannte Futtersituation weiter verschärfen.
Die Schweizer Bäuerinnen und Bauern müssen deswegen unter anderem ihr Bewässerungssystem den derzeitigen Gegebenheiten anpassen. Vielfach wird nun nachts bewässert, denn dann gibt es weniger Verdunstung, geringeren Hitzestress und der Boden nimmt das Wasser besser auf. Auch die Luftfeuchtigkeit ist höher und der Wind ist schwächer. «Schlaf bekommt man da nicht mehr viel», erzählt Bauer Andi Maurer dem Tages-Anzeiger.
Maurer stellt jede Nacht die Bewässerungsanlage um, beobachtet und passt bei Bedarf an. Am Tag holt er das Wasser aus den Reservoiren oder pumpt es aus dem Rhein. Dafür muss er lange Wege in Kauf nehmen: «50 Minuten Fahrt für 20 Kubik», sagt er. Daneben muss auch der Rest der Arbeit gemacht werden. Da kann ein Arbeitstag schon mal 18 Stunden dauern.
Neben dem zusätzlichen Zeitaufwand geht das Ganze auch ins Geld. Bei Maurer sind es für die Bewässerung 15'000 Franken zusätzlich für jede Woche. Dies soll laut ihm auch entschädigt werden: «Wir brauchen ein Zeichen, dass dieser gigantische Aufwand gesehen wird. Ein paar Rappen, ein paar Prozent», meint er.
Preisbänder reichen nicht aus
Das heutige Preissystem reicht laut Mauerer jedoch nicht aus. Zwar erhalten die Bauern bei einer schlechten Ernte den höheren Preis innerhalb der im Winter festgelegten Preisspanne. Den zusätzlichen Aufwand decke das aber nicht. Mauerer fordert deshalb, dass Detailhändler wie Migros und Coop diesen angemessen entschädigen und die Preise entsprechend anpassen.
Auch Sandra Helfenstein vom Schweizer Bauernverband sieht Handlungsbedarf: «Die Bewässerung kostet mehrere Tausend Franken pro Hektare und es ist nötig, dass die Produzentenpreise diese gestiegenen Kosten abdecken.»
Markus Waber vom Verband Schweizer Gemüseproduzenten ist derselben Meinung: «Die aussergewöhnliche Hitze- und Trockenperiode ist für die Gemüsegärtner und ihre Kulturen eine Herausforderung und ist mit einem deutlich höheren Bewässerungsaufwand verbunden, was zu höheren Produktionskosten führt. Für uns als Verband ist es wichtig, dass diese Mehrkosten von den Abnehmern abgegolten werden.»
Neben Maurer haben sich auch andere Landwirtinnen und Landwirte an den Bauernverband gewandt. Der Zürcher Bauernverband (ZBV) habe danach zwei Forderungen gestellt. Erstens sollen Handel, Verarbeiter und Grossverteiler die ausserordentlichen Mehrkosten der Trockenheit abgelten. Zweitens soll der Handel Schweizer Produkte auch bei Abweichungen von Grössennormen oder Form abnehmen.
Auf Anfrage des Tages-Anzeigers wollen Migros, Coop, Lidl Schweiz und Aldi Schweiz zurzeit keine konkreten Preisanpassungen vornehmen. Sie stünden jedoch in engem Kontakt mit den Branchenverantwortlichen, um eine faire Lösung zu finden.
Anpassungen für die Zukunft
Bauer Andi Maurer wird sich wohl dem Klimawandel anpassen und zukünftig auf trockenheitsresistente Sorten umsteigen. Auch der Bau von Speicherbecken ist in Planung.
Angst haben, dass der Schweiz das Wasser ausgeht, muss man aber nicht. Die Schweiz verfügt über Tausende Seen, Flüsse und grosse Grundwasservorkommen. Auch wenn gemäss Studien der Wasserbedarf bis Ende dieses Jahrhunderts um 40 Prozent zunehmen könnte und Trockenperioden öfter vorkommen werden, besteht nur die Herausforderung, die vorhandenen Ressourcen besser zu nutzen, schreibt der «Zürcher Bauer».
Eingesetzt wird das Wasser vor allem im Gemüsebau, bei Kartoffeln, Beeren und Obst. Der jährliche Wasserbedarf beläuft sich auf rund 37 Millionen Kubikmeter. Zukünftig soll das Wasser besser verteilt werden, damit es dann verfügbar ist, wenn Pflanzen darauf angewiesen sind.
Landwirtinnen und Landwirte können übrigens nicht einfach nach Lust und Laune Wasser entnehmen, dafür braucht es eine Bewilligung. Festgelegt ist auch die Restwassermenge in Seen oder Flüssen. Auch in Trockenperioden muss genug Wasser im Gewässer verbleiben, womit die verfügbare Wassermenge in Trockenperioden schon mal begrenzt sein kann, sofern die Abflüsse einen kritischen Wert erreichen. Dann können auch die Pflanzen leiden, wenn kein Wasser mehr entnommen werden darf.
In der Landwirtschaft wurden diese Probleme erkannt. Viele Betriebe nutzen bereits heute Bodenfeuchtesensoren oder Wetterdaten. Sie messen, wie viel pflanzenverfügbares Wasser im Boden vorhanden ist und ob eine Bewässerung überhaupt nötig ist. Somit wird möglichst wenig beziehungsweise präziser Wasser verbraucht. Ebenfalls wichtig ist die Wahl der Kultur, denn einige Sorten sind hitzeresistenter als andere. Ebenfalls entscheidend sind die richtige Bodenbewirtschaftung und modernere Technik.
